Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform fĂĽr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Stephan Schmidt Headshot

AfD: Personelle Breite oder politischer Inzest?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
AFD
Getty
Drucken

„Vorsicht Altparteilinge" warnt die sogenannte Patriotische Plattform der AfD. Sie preist einen im bayerischen Landesverband gefassten Parteitagsbeschluss an, nach dem Parteiwechsler bis zur Bundestagswahl faktisch von der Mitgliedschaft in der AfD ausgeschlossen werden.

Während die Partei also einen guten Zulauf an Neumitgliedern und Interessenten hat möchte die Führung lieber unter sich bleiben. Aus Sicht der Funktionäre durchaus verständlich, denn die Jahre 2017 und 2018 versprechen „fette Beute" in Form von Mandaten.

MittelmaĂź und Verbohrtheit versus politische Erfahrung

Mit Blick in manche Landesverbände ist jedoch zu befürchten, dass dieser Beschluss der Partei mehr Schaden als Nutzen kann. Neumitglieder ohne politische Erfahrung werden derzeit kaum Chancen haben, sich für Ämter zu positionieren, erfahrenes Politpersonal wird aber ausgeschlossen.

Damit nimmt sich die AfD zum einen die Chance, CDU und CSU personell zu kannibalisieren. Zum anderen wird sich die Verbreiterung der Mitgliederbasis nicht in den Vorständen und aufzustellenden Landeslisten widerspiegeln. Das wäre aber sinnvoll, denn vielfach sitzen dort nicht die besten Köpfe, sondern diejenigen, die nach dem Petry-Putsch vom Juli 2015 am beharrlichsten und verbohrtesten waren.

Wenn die AfD aber als deutschnationale Volkspartei erfolgreich sein will, dann sollte sie politische Erfahrung nicht pauschal abweisen, sondern zielgerichtet einbinden.

Übrigens: Benjamin Nolte, der begeistert den Aufnahmestopp von Mitgliedern demokratischer Parteien feiert und Vorstandsmitglied der AfD in Oberbayern ist, hätte 2013 wegen seiner zweifelhaften Vergangenheit gar nicht in die AfD aufgenommen werden dürfen und wurde deshalb 2014 aus dem Vorstand der AfD-Jugend herausgedrängt.

Die Forderung nach „Stallgeruch" macht die AfD selbst zur Altpartei

Die selbsternannten Patrioten der AfD, die inzwichen ausdrücklich auch „patriotische Linke" ansprechen wollen, sind der Meinung, wem es „wirklich" um die gute Sache gehe, der habe kein Problem damit, als stimmrechtsloser Förderer zunächst ein Jahr lang Beitrag zu zahlen und bei der Wahlkampfarbeit zu unterstützen.

Auf den ersten Blick klingt das fair. Auf den zweiten Blick zementiert es aber für die Riege der aktuellen Vorstände die derzeitigen Machtverhältnisse.

Denn wer in die Parlamente zieht, der bestimmt das Bild nach außen und wählt die vielen bezahlten Mtarbeiter aus, die für die AfD-Fraktionen und -Abgeordneten maßgeblich die veröffentlichten Themen und Meinungen mitbestimmen werden.

Die mögliche Pragmatisierung der Partei treibt die Rechten in den Schützengraben

Was haben die Wortführer der heutigen AfD letztes Jahr gejubelt, als nach dem Petry-Putsch nicht nur Bernd Lucke, sondern ein großer Teil der Pragmatiker die Partei verließ. Die „Umvolkung" der Partei zu einer deutschnationalen Fundamentalopposition hatten sie von Anfang an ersehnt und sahen sich am Ziel.

Nun aber hat die katastrophale Willkommenspolitik Angela Merkels der AfD derart große Erfolge beschert, dass sie wieder für Pragmatiker interessant geworden ist, die weder Union noch FDP in Sachen Euro und EU für reformierbar halten. Mit den „Altparteilingen" käme politischer Pragmatismus in die Partei, der den fundamentalistischen Kurs der Patriotischen Plattform:gefährdet.

Noch ein Schmankerl zum Schluss: Auch ehemalige Mitglieder der AfD, die sich zwischenzeitlich bei ALFA engagiert hatten, sollen nicht mehr aufgenommen werden. Eine menschlich verständliche Trotzreaktion, wenngleich hier unabhängig von Misserfolg der ALFA sowieso kaum Potenzial für die AfD wäre.

Denn etwa die Hälfte der ALFA-Mitglieder war niemals in der AfD und bei der anderen Hälfte kommt nur für wenige die Rückkehr ernsthaft in Betracht. Die wirklich Rückkehrwilligen jedoch wären Fleisch von Fleische der AfD und es wäre dumm, sie als „Apostaten" zu behandeln und politisch zu steinigen.

Was könnten wohl 100 Ex-ALFAs in einer Partei mit über 20.000 Mitgliedern für Schaden anrichten? Im Gegenteil: Die Wiederaufnahme könnte als Beleg für die ernsthafte Bürgerlichkeit der AfD ins Feld geführt werden.

Auch auf Huff Post:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform fĂĽr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.