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"Innerhalb weniger Tage wird es Plünderungen geben"

19/01/2017 17:34 CET | Aktualisiert 24/01/2017 10:50 CET
Stephen Lam / Reuters

Ein Großteil der Menschen steht plötzlich ohne Strom da. Ein Algorithmus, der die Macht über alle Versorgungssysteme der Welt übernommen hat, hat ihr den Saft abgedreht. Die Daten sind weg, der Bankomat spuckt kein Geld mehr aus, die Zapfsäule kein Benzin, es gibt kein Licht mehr.

Nach dem ersten Tag geht es nur noch um Wasser, ab dem zweiten, dritten Tag um Essen. Die Menschen werden innerhalb von Tagen um 150 Jahre in der Entwicklung zurückkatapultiert.

Der ganz normale Familienvater aus der Münchner Vorstadt bewaffnet sich, er tut sich mit seinem nächsten Nachbarn zusammen. Er weiß, dass innerhalb weniger Tage sein größter Feind nicht die Kälte, nicht der Hunger, sondern die anderen Menschen sein werden, bewaffnete Gruppen und Clans. Er versucht die Flucht zu organisieren, so lange es noch geht."

stephan meier

Was der deutsche Autor Stephan R. Meier da in seinem Buch "Now" schreibt, ist Fiktion. Aber erschreckend nahe an der Wirklichkeit.

Gerade hat die "Welt" ein Gespräch mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg veröffentlicht. Er sagt, die Nato werde pro Monat von 500 schweren Hackerangriffen heimgesucht wird, hinter denen Staaten stehen.

Die Horrorvision aus meinem Buch ist uns viel näher, als man glauben möchte. Weil unser gesamtes System vor dem Kollaps steht.

Wir verwenden für Kätzchenvideos, die wir auf den sozialen Netzwerken hin und her schieben, eine ähnliche Software wie für die Verteidigungspläne der Nato.

Ähnliche Software für Kätzchenvideos und Nato-Pläne

Jedes Garagen-Startup rennt mit jeder Software, mit jedem neuen Gimmick, sofort zum Patentamt und lässt es schützen. Noch bevor die Sicherheit getestet wurde.

Wenn wir nicht für Dinge wie Sicherheit, Rechtswesen, Infrastruktur und Versorgung eine neue, sichere Blockchainarchitektur entwickeln, wird unser Leben komplett aus den Fugen geraten.

Der Mensch ist eine biologische Ego-Maschine, geprägt vom Drang zur Arterhaltung und zum Überleben.

Der Mensch ist eine biologische Ego-Maschine

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es in Deutschland nach einem Zusammenbrechen der Stromversorgung innerhalb von Tagen zu Plünderungen käme.

Es würden keine Alarmanlagen mehr funktionieren, keine Kassensysteme, keine Pumpe und kein Aufzug. Irgendjemand käme auf die Idee, etwas zu stehlen. Und die anderen würden dann das Gleiche tun. Wir würden beinhart getroffen, wie andere Staaten der sogenannten ersten Welt.

Ein Großteil der Menschheit würde einen Ausfall von Daten und Strom dagegen kaum mitbekommen - er profitiert schon jetzt nicht davon. Diese Menschen wären in einer Welt ohne Strom die Gewinner.

In meinem Roman lebt ein Prozent der Menschheit in der modernen, digitalen Welt weiter. Abgeschottet von den anderen. Das ist nicht weit hergeholt.

In Los Angeles habe ich mich kürzlich mit ein paar Leute getroffen, ein sehr elitärer Kreis war das. Es waren Menschen, die sich jeden Tag nach der Arbeit in ihren klimatisierten Büros in ihre Autos mit den verdunkelten Scheiben setzen, an den Obdachlosen vorbei irgendwo ins Hinterland fahren. In ihr eigenes Landgut mit Quelle, Dieseltanks und im Garten verbuddelten Waffen.

Das führt zum Point of no Return

Ich sage das bewusst salopp: Der Raubbau, den wir als Staaten und Menschen der sogenannten ersten Welt an unserem Planeten betreiben, führt zu einem Point of no Return. Es wird keine Nuklearkatastrophe sein. Sondern ein Cyberkrieg. Und dieser wird die Menschheit endgültig spalten.

Es ist das Schicksal der Menschheit, von und mit der Natur zu leben. Aber wir trampeln drauf herum. Die Bibel und die Philosophen haben uns eingeredet, der Mensch stünde über der Natur. Die Digitalisierung hat uns von ihr vollkommen entfremdet. Und sie hat die Menschen untereinander entfremdet, die Spaltung der Gesellschaften in Arm und Reich vorangetrieben.

Wir haben die Vernunft an ein Smartphone abgegeben. An ein Smartphone, von dem wir nicht wissen, wie es funktioniert oder wann es wie optimiert wird - angeblich in unserem Sinne!

Ganze Gesellschaften haben ihre Existenzgrundlage auf unsichere Systeme aufgebaut. Wenn ein Erdogan, ein Putin, ein Trump einen emotionalen Ausbruch hat, könnte mit einem Klick die gigantische digitale Sabotage beginnen. Das kann verheerender sein als ein Atomkrieg.

Firmen fordern rechtsfreie Räume

Firmen wie Amazon, Apple, Facebook, Google und Microsoft fordern teils offen teils inoffiziell autonome Gebiete, rechtsfreie Räume, wollen dazu etwa ins Weltall ausweichen, das Geld haben sie dazu und geben es auch dafür aus, Stichwort SpaceX. Sie glauben anscheinend, so weit zu sein, dass sie das Leben besser organisieren könnten als demokratisch gewählte Parlamente. Die Mechanismen dieser neuen Ökonomie lassen erkennen, dass es nur noch um Monopole geht. Für uns bedeutet das, dass wir auf Daten-Monopol-Diktaturen zusteuern.

Digitalisierung könnte ein überwältigend großer Segen für die Menschheit sein. Die Koordination von Hilfseinsätzen nach Naturkatastrophen wird besser. Drohnen können Medikamente und Blutproben in entlegene Gegenden transportieren.

Aber damit sie tatsächlich ein Segen wird, müssen wir uns mit künstlicher Intelligenz auseinandersetzen, sie in einen moralischen und rechtlichen Rahmen einbetten.

1958 hat die US-Regierung begonnen, digitale Daten zu speichern. 20 Jahre danach hat sie ein Komitee ans Oval Office angegliedert, das sich mit dem Umgang mit künstlicher Intelligenz beschäftigt. Regelmäßig werden Berichte veröffentlicht. Die Kernaufgabe der US-Regierung: Wie können wir die eigene Bevölkerung auf ein Leben mit künstlicher Intelligenz vorbereiten - und das in allen Bereichen.

Und wir hatten Oettinger ...

Und wir? Hatten Günther Oettinger als EU-Digitalkommissar. Ich lasse das mal so stehen.

Es ist schwierig, die Menschen zum Nachdenken über Künstliche Intelligenz zu bewegen. Auch, weil wir die Entwicklungen oft lange nicht sehen. Die Digitalisierung braucht keine Fabriken. Ein paar Entwickler sitzen mit dem Laptop auf dem Boden. Und wenn sie fertig sind, ist ihr Programm per Mausklick überall verfügbar.

Aber was können wir selber tun? Wir Menschen reagieren auf Symbole und Bilder. Deshalb bin ich Teil einer kleinen Gruppe, zu der Wissenschaftler verschiedener europäischer Universitäten gehören, die Unicef vorschlagen wird, einen Roboter zum Chief Digital Ambassador zu machen. Damit wir begreifen und anfangen nachzudenken.

Es gibt noch etwas, das mir Mut macht: Ich habe sieben Jahre für mein Buch recherchiert. Und gegen Ende dieser Zeit habe ich meinem Buch eine andere Wendung gegeben. Weil ich eine Veränderung gespürt habe, auf Symposien, in Gesprächen.

Die Menschheit hat die Kraft, die Weichen noch zu stellen

Ich spüre, dass die Sorgen, die ich habe, langsam auch bei anderen ins Bewusstsein rücken. Ich sehe, dass die Generation meiner jüngeren Tochter, die diese Woche 15 wurde, eine völlig andere, kritische Sicht auf die Digitalisierung hat als die meiner älteren Tochter, die Mitte 20 ist und die Wunderwelt der Digitalisierung anders reflektiert.

Die Menschheit hat die Kraft, die Weichen noch anders zu stellen. Aber es wird keine Nation und keine Organisation alleine schaffen. Wir müssen selbst dafür Sorge tragen, dass die digitale Magie, die die Menschen heute verzaubert, nicht toxisch wird.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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Stephan R. Meiers Thriller "Now. Du bestimmst, wer überlebt", ist im Januar 2017 im Penguin-Verlag erschienen.