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Syngenta als Testfall Pekings für weiter Mega-Übernahmen in Europa

13/02/2016 12:57 CET | Aktualisiert 13/02/2017 11:12 CET
MICHAEL BUHOLZER via Getty Images

Die geplante Übernahme des führenden Schweizer Agrochemiekonzerns Syngenta durch Chem China wird das Image des deutschsprachigen Raums als Investitionsstandort in Peking verändern. Chem China ist einer der großen staatlichen Unternehmenskonglomerate, welche die Expansionspolitik der chinesischen Regierung umsetzen.

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Schule macht das Syngenta-Beispiel in China, weil bisher fast ausschliesslich privat kontrollierte mittelständische Unternehmen und aggressive Private Equity-Gesellschaften den Schritt ins Ausland gewagt haben.

In Europa ist die Beteiligungsgesellschaft Fosun das Paradebeispiel für private Übernahmen. Pirelli und Club Med sind die bekanntesten Investments von Fosun. Beim Schritt eines chinesischen Unternehmens ins Ausland von einem Paradigmawechsel zu sprechen, wäre falsch. Der Paradigmawechsel liegt anderswo.

Lohnendes Investitionsziel Deutschland


In Deutschland befinden sich schon mehrere bekannte Unternehmen in chinesischer Hand. Meist sind es klassische Mittelstandsunternehmen. Erst im Januar 2016 hat Chem China bei KraussMaffei den Zuschlag erhalten. 925 Mio EUR ist den Chinesen das Münchner Maschinenbauunternehmen wert.

Der chinesische Konzern Lenovo kontrolliert den Essener Computerhersteller Medion. Die Reihe könnte fast beliebig fortgesetzt werden.

Bayern und Baden-Württemberg sind zwei bevorzugte Bundesländern für chinesische Investoren. Beide Bundeländer verfügen über eine starke Werkzeug- und Maschinenindustrie. Vielfach befinden sich die Unternehmen weiterhin in Familienbesitz, sie sind gut geführt und international hervorragend aufgestellt.

Viele stehen jedoch vor der Herausforderung, dass sie langfristig zu klein sind, um zu überleben. Viele kennen die asiatischen Märkte bereits bestens. Deshalb sind sie offen für Investoren aus dem Reich der Mitte.

Chinesen und Deutsche: Von Haus aus Pragmatiker


Alle Beispiele haben Gemeinsamkeiten: Nicht chinesische Manager führen die Unternehmen. Die Marken konnten gestärkt werden und die Produktion findet weiterhin in Europa statt.

Die chinesische und deutsche Mentalität ähneln sich erstaunlicherweise in verschiedenen Punkten: Chinesischen Unternehmen sind reine Finanzkonstrukte suspekt. Sie handeln pragmatisch und suchen den Return on Investment in erster Linie, indem sie den chinesischen Markt für die übernommenen Unternehmen durchlässiger machen.

Dies macht durchaus Sinn: Europäische Managern sind viele Möglichkeiten verbaut, wenn sie sich in China ohne chinesische Sparing Partner bewegen. Denn die kulturellen Hürden liegen in Mainland China und machen den Markt weiterhin schwierig.

Die pragmatische Art, wie Investitionen gemacht werden, darf nicht mit dem Verhalten der neuen chinesischen Mittelklasse verwechselt werden. Sie gilt als sehr risikofreudig und verschuldet sich beispielsweise für Börsenspekulationen. Als Unternehmer handeln Chinesen anders.

Syngenta leitet Paradigmawechsel ein


Die Syngenta-Übernahme kann aus zwei Gründen als Paradigmawechsel Schule machen: Erstens wegen der neuen Grössendimension. Und zweitens wegen der Tatsache, dass ein staatliches Konglomerat und nicht ein privat finanziertes und unabhängig geführtes Unternehmen als Käufer auftritt.

Es ist davon auszugehen, dass auch Regierungskreise Syngenta als Testfall ansehen. Die wachsende Kritik und die geäusserten Ängste aus der Region Basel sowie von Gewerkschaftsseite dürften in Peking auf Unverständnis stossen.

Andererseits ist sich die politische Führung sehr bewusst, dass die chinesische Volkswirtschaft nicht in sich und ohne weitere Öffnung wachsen kann. Für die internationale Expansion aus eigener Kraft ist insbesondere die Personaldecke in der chinesischen Industrie zu dünn.

Kaum ein Topmanager der 100 grössten chinesischen Unternehmensgruppen verfügt über Auslanderfahrung. Dies wird sich erst ändern, wenn die Generation der heute 30- bis 40jährigen in die entscheidenden Positionen gelangen.

Diese ambitionierten Manager sprechen Englisch und haben sich in den USA, in Grossbritannien oder Australien ausbilden lassen. Viele von ihnen bleiben jedoch im Ausland, weil die Karrierechancen und die Lebensqualität dort als besser erachtet werden.

Weniger Wachstum im Inland, Expansion ins Ausland


Daher dürfte in naher Zukunft die internationale Expansion von chinesischen Unternehmen eine der wenigen Möglichkeiten bleiben, um die chinesische Wirtschaft nachhaltig zu entwickeln. Die 2013 geplanten Privatisierungen einer massgeblichen Zahl von Staatsbetrieben wurde aufgrund der Börsenturbulenzen bis auf weiteres auf Eis gelegt.

Bund und Länder sollte sich Fragen stellen


Wachstum durch Auslandexpansion gilt nicht nur für die Industrie als offizielle Devise, sondern auch für den chinesischen Banken- und Finanzsektor. Hier anerkennt die chinesische Führung Entwicklungsbedarf.

Staatliche Unternehmen und noch mehr private chinesische Unternehmen und Familien versuchen, im Ausland möglichst eigenständig und unabhängig vorgehen zu können. Deshalb spielte bei den bekannten Übernahmen staatliche Standortförderung kaum eine Rolle. Eine Tatsache übrigens, der sich Bund und Länder nicht verschliessen sollten.

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