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Ich glaube - also spinn' ich?!

25/03/2016 17:43 CET | Aktualisiert 26/03/2017 11:12 CEST
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Die Sorge ist ja vollkommen berechtigt: „Wer anfängt, an Gott zu glauben, gibt gleichzeitig seinen Verstand an der Garderobe ab."

Als jemand, der erst im Alter von 28 Jahren im Rahmen seines Studiums zu einem engagierten Christsein kam und keinem christlichen Umfeld entstammt, kann ich diesem Gedanken viel abgewinnen.

Auch ich kannte (und kenne leider immer noch) Christen, die einem nicht wirklich den Eindruck vermitteln, dass ihr Verstand ihr bester Freund sei. Mir ist folgende Frage daher immer sehr wichtig gewesen: Kann man ernsthaft an Gott glauben und trotzdem ein intellektuell redlicher Teilnehmer des 21. Jahrhunderts bleiben?

Im Folgenden möchte ich Ihnen einen Teil der Gründe näherbringen, die mich dazu bewegt haben, den christlichen Glauben ernst zu nehmen.

Ich kann von mir aus nichts über Gott sagen

Ich beginne zunächst mit einer Aussage, die manche vielleicht überraschend finden: „Ich kann von mir aus nichts über Gott sagen." Wie sollte ich auch? Alles, was ich sagen würde, wäre reine Spekulation. Raterei. Wunschdenken. Uns sind also die Hände gebunden.

Es sei denn - und nun kommt mein springender Punkt: Gott sagt etwas über sich selbst. Und hier treffen wir auf einen zentralen Aspekt des christlichen Glaubens: Christen glauben, Gott hat sich mitgeteilt, er hat gezeigt, wie er ist, seinen Charakter, sein Herz, sein Wesen.

Nicht in einer Ideologie oder Institution und selbst nicht primär in einem Buch, sondern in erster Linie in einer Person: in der Person Jesus.

Glücklicherweise müssen wir uns heutzutage nicht mit Halbwissen über Jesus abgeben - im Gegenteil:

Die große Mehrheit der (weltweiten) textkritischen und geschichtswissenschaftlichen Forschung sagt uns nicht nur, dass Jesus eine reale historische Person aus Fleisch und Blut war, sondern auch, dass seine Lebensberichte als historisch integres Textmaterial gelten (vgl. z.B. THEIßEN/MERZ 2011: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch oder STROTMANN 2015: Der historische Jesus. Eine Einführung).

Ob es einem gefällt oder nicht: Das sind die nüchternen Fakten. Und meiner Ansicht nach hat man nur zwei Möglichkeiten, ihnen zu begegnen: Entweder man akzeptiert sie oder man unterstellt dem breiten Mainstream der akademischen Szene Stümperei. Als Freund der (Natur- wie Geistes-)Wissenschaften plädiere ich für Ersteres.

Wer war dieser Jesus?

Wenn man sich nun anschaut, wie Jesus in seinen Lebensberichten beschrieben wird, stellt man fest, dass Dinge wie Nächstenliebe und Gewaltverzicht für ihn zwar sehr wichtig waren, nicht aber im Zentrum seiner Botschaft standen.

Das bemerkt der aufmerksame Leser z.B. dann, wenn er liest, dass Jesus sage und schreibe 79 Mal von sich sagt, „der Menschensohn" zu sein, etwa hier: „Doch ihr sollt wissen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben." (Mk 2,10).

Und wenn er sich so bezeichnet, will er seinen Zuhörern nicht die banale Information geben, dass er der Sohn eines Menschen sei. Gerade Juden war klar, welch krassen Anspruch Jesus damit erhob: Im alttestamentlichen Buch Daniel wird der Ausdruck des Menschensohns eingeführt und meint dort so viel wie „Weltherr" und „Weltrichter".

Es wird von einer göttlich-menschlichen Figur berichtet, die mit den Wolken des Himmels kommt und der Herrschaft und Ehre gegeben wird, wie es nur Gott selbst gebührt.

Das müssen Sie freilich nicht glauben; es ist aber das, was die Zuhörer von Jesus mit seinen Worten verbanden. Aus dem Zitat aus Mk 2,10 wird aber noch eines deutlich:

Jesus behauptete nicht nur, der Weltherr und Weltrichter selbst zu sein, sondern auch, Menschen ihre Sünden vergeben zu können.

Das war für einen Juden, der Jesus ja war, ein starkes Stück! Vor allem die Schriftgelehrten, die religiöse Elite seinerzeit, zeigten sich höchst empört über den Anspruch: Sündenvergebung war schließlich „Chefsache"- nur einer konnte Sünden vergeben und zwar Gott allein.

Indem Jesus aber genau das von sich behauptete, tun zu können, lag sein Gottes-Anspruch klar auf dem Tisch: Wer mit ihm sprach, so behauptete er, hatte es mit Gott selbst, dem Weltherrn und Weltrichter, zu tun.

Es ist natürlich nachvollziehbar, wenn diese Bedeutungen für uns heutzutage nicht mehr deutlich sind. Dass wir aber Lücken im Textverständnis riskieren, wenn wir das Neue Testament, eine jüdische Textsammlung aus dem 1. Jahrhundert, mit unserer westeuropäischen Brille des 21. Jahrhunderts lesen, dürfte sicherlich auf der Hand liegen.

Nehmen wir die belegte Historizität der neutestamentlichen Texte und den steilen Anspruch Jesu, stehen wir also vor drei Möglichkeiten, was wir von Jesus halten können:

1. Jesus war ein Lügner. Und zwar genau dann, wenn sein Anspruch, Weltherr & Weltrichter zu sein, nicht stimmt - und er das auch wusste.

2. Jesus war ein Geistesgestörter. Und zwar genau dann, wenn sein Anspruch, Weltherr & Weltrichter zu sein, nicht stimmt - er aber davon überzeugt war.

3. Jesus sagt die Wahrheit. Und zwar genau dann, wenn sein Anspruch, Weltherr & Weltrichter zu sein, stimmt - und er ihn deshalb erhebt.

Der Einwand, dass noch eine vierte Möglichkeit existiere, nämlich Jesus bzw. sein Anspruch sei eine Legende, ist zwar nachvollziehbar, übersieht aber den aktuellen Stand der textkritischen Forschung und modernen Geschichtswissenschaft.

Zum Abschluss daher ein Vorschlag zur Güte: Lassen Sie sich Ihr Urteil über Jesus nicht bilden - auch nicht von mir. Bilden Sie sich selbst Ihre eigene Meinung! Nehmen Sie sich z.B. in den Oster-tagen eine der Lebensbeschreibung Jesu vor und lesen Sie selbst - ernsthaft und in aller Ruhe.

Und es ist völlig in Ordnung, wenn Sie die Wunderberichte nicht für bare Münze nehmen möchten - um die geht es ja auch gar nicht. Es geht vielmehr um eine Vertrauensfrage: Macht dieser Jesus den Eindruck, ein Lügner oder ein Geisteskranker zu sein? Oder macht er den Eindruck, dass er glaubwürdig ist?

Und wenn Sie noch kritische Rückfragen haben, gerne. Hier ist meine E-Mail-Adresse

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