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Friedensnobelpreis für Kolumbien: Neue Hoffnung in den Zeiten des Krieges

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SANTOS
dpa
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Bogotá erwacht und sieht sich mit der Nachricht aus Oslo konfrontiert, dass der Sohn der Stadt und Präsident Kolumbiens den Friedensnobelpreis erhalten soll. Viele hatten darüber in den letzten Wochen spekuliert, doch seit dem „NO"-Votum der Kolumbianer beim Plebiszit zum Friedensabkommen am vergangenen Sonntag, überwog in Kolumbien einen gedrückte, pessimistische Stimmung.

Die Regierung ist verzweifelt damit beschäftigt, eine Lösung für die unklare Situation zu finden. Ein Verfahren der Wahlmanipulation gegen die Kampagne des „NO"-Lagers aufgrund von gezielter Falschinformation wurde bereits eingeleitet.

Außerdem wird geprüft, ob die Wiederholung des Plebiszits an der am Wahltag von einem Hurrikan heimgesuchten Atlantikküste rechtlich möglich ist. Auch die Umgehung des politisch bindenden Plebiszits durch eine Entscheidung des Kongresses oder eine verfassungsgebende Versammlung ist im Gespräch.

Friedensmarsch in Stille gibt neue Hoffnung

Am vergangenen Mittwoch versammelten sich zehntausende auf der Plaza de Bolívar, dem zentralen Platz in Bogotá, um schweigend für den Frieden zu demonstrieren. Am Tag zuvor hatte Präsident Santos verkündet, dass der Waffenstillstand nur noch bis Ende des Monats gehen könnte.

Daraufhin hatte die FARC-Führung ihre Truppen „auf sichere Positionen" zurückgezogen. Eigentlich hätte in diesen Tagen die Entwaffnung der Guerilla beginnen sollen. In weiß gekleidet und mit erhobener Faust brachten die Demonstranten ihren Willen zum Frieden zum Ausdruck und machten vielen Menschen neue Hoffnung, dass der Friedensprozess doch noch zu retten sei.

Die Ankündigung des Nobelpreiskomitees kommt deswegen überraschend, doch könnte sie die Menschen weiter für den Frieden mobilisieren und motivieren. Viele Beobachter betrachteten die Terminplanung der Regierung, die Unterzeichnung des Friedensvertrages und das Plebiszit auf nur einige Wochen bis Tage vor die Verkündung aus Oslo zu legen, als eine taktische Entscheidung, die bekannten Avancen Juan Manuel Santos auf den Friedenspreis zu unterstützen.

Präsident Santos hat sicherlich in den Jahren seiner Amtszeit viel für den Friedensprozess getan. Seine Standfestigkeit gegen seinen ehemaligen Ziehvater und Ex-Präsidenten Álvaro Uribe sowie gegen die extreme Rechte im Land ist bewundernswert. Doch muss man die Person Santos und dessen Nominierung auch kritisch betrachten.

Die Falsos Positivos und der Präsident

Als Verteidigungsminister unter Uribe, wurde die menschenverachtende Praxis der so genannten Falsos Positivos bekannt. Tausende arbeitslose Jugendliche und junge Männer wurden mit Versprechungen auf gute Jobs aus marginalisierten Elendsvierteln gelockt, in Guerillamontur gesteckt und kaltblütig vom Militär ermordet.

Die Toten wurden der Öffentlichkeit als gefallene Guerilleros präsentiert. Damit konnte die Militärführung ihre Statistiken „aufhübschen" und die an den Morden beteiligten Soldaten erhielten Geldprämien oder extra Urlaubstage.

Die Aufarbeitung dieser kriminellen Praktiken läuft noch. Als Verteidigungsminister übernahm Santos zwar die institutionelle Verantwortung und tat auch viel dafür diese Praktik zu unterbinden, trotzdem wurden die meisten Fälle während seiner Amtszeit begangen.

Die FARC-Guerilla erlitt unter seiner Führung des Ministeriums heftige Verluste, die für viele Beobachter mit ein Grund für die Aufnahme der Friedensgespräche darstellen.

„Der Krieg ist zu Ende"

Santos stammt aus einer der einflussreichsten Familien Kolumbiens, einer Zeitungsdynastie, die seit über hundert Jahren die öffentliche Meinung und Politik des Landes mitbestimmt. Er ist in der Zeit vor seinem Präsidentenamt nie großartig als Menschenrechtsverteidiger oder durch Friedensbemühungen aufgefallen.

Trotzdem kann die Verleihung des Nobelpreises am 10. Dezember helfen, die Hoffnungen der Kolumbianer auf Frieden und dem gesamten Friedensprozess wieder zu beleben.

Dass er diesen Preis alleine erhält und nicht, wie es eine weitere Nominierung vorsah, gemeinsam mit Opfervertretern und Timochenko, dem Oberkommandieren der FARC, ist noch überraschender als die eigentliche Ankündigung.

Man versteht, dass es für das Nobelpreiskomitee politisch schwierig gewesen wäre, einen als ehemaligen Terroristen international gesuchten Mann wie Timochenko zu nominieren. Wahrscheinlich wäre die Nominierung eines FARC-Mitglieds in der polarisierten kolumbianischen Gesellschaft schwer zu verkaufen gewesen.

Es ist erst der zweite kolumbianische Nobelpreis überhaupt. Vor Santos wurde diese Ehre nur dem Schriftsteller Gabriel García Márquez zu teil. Sein selbsternannter Namensvetter Iván Márquez, Verhandlungsteilnehmer der FARC an den Friedensgesprächen, setzte ihm bei der Verkündigung der Annahme des Abkommens durch die Guerilla ein weiteres rhetorisches Denkmal: „Der Krieg ist zu Ende. Sagt Mauricio Babilonia dass er die gelben Schmetterlinge fliegen lassen kann" und nahm damit Bezug auf eine Figur aus dem Roman Hundert Jahre Einsamkeit des erst vor zwei Jahren verstorbenen Literaturnobelpreisträgers.

Die Opfer des Konflikts

Dass man aber auch die Opfer des Konflikts außen vorlässt, stellt den gesamten Friedensprozess in ein doch zu egomanes Licht. Auch wenn Santos viel für den Friedensprozess getan hat, war nicht er und seine Regierung es allein die das Abkommen vorantrieben. Viele MenschenrechtsverteidigerInnen haben aktiv an dem Friedensprozess teilgenommen oder versucht die Akzeptanz in der Bevölkerung für den Frieden zu verbessern.

Auch die FARC haben ihren Teil dazu beigetragen. Ihr jetziger Friedenswillen mag aus einer militärischen Notwendigkeit oder aus den versprochenen Privilegien des Friedensabkommens heraus entsprungen sein, trotzdem hätte Santos alleine am Verhandlungstisch wenig ausrichten können.

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Viele MenschenrechtsverteidigerInnen haben ihr ganzes Leben der Menschenrechts- und Friedensarbeit gewidmet. Viele haben ihr Leben in diesem pazifistischen Kampf gelassen und viele werden von bewaffneten Akteuren des Konflikts bedroht oder mussten bereits mit ihren Familien ins Exil fliehen.

Ein solcher Preis hätte die Situation der kolumbianischen Menschenrechtsszene insgesamt erheblich verbessern können und ihrem Anliegen internationale Aufmerksamkeit verschaffen können.

Vielleicht deswegen verkündete Santos vor wenigen Stunden, dass er den Preis in Vertretung aller Opfer des Konflikts entgegennehmen wird. Lieber wäre mir gewesen, wenn Opfervertreter den Preis in Vertretung der Verhandlungspartner entgegennehmen würden.

Dieser Beitrag wurde erstmals als Blog auf 'Kolumbien verstehen' veröffentlicht.

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