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Wie sich das „NO" der Kolumbianer zum Frieden erklären lässt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
COLOMBIA PLEBISCITE
GUILLERMO LEGARIA via Getty Images
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Der Schrecken über das „NO" beim Plebiszit zum Friedensvertrag zwischen den FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) und der Regierung Santos legt sich nur langsam. Für internationale Beobachter ist es nicht nachvollziehbar, wie ein Land, dass so lange an einem internen Konflikt gelitten hat, nicht die historische Chance nutzt, ihn zu beenden.

Niemand hatte mit einem „NO" gerechnet. Auch wenn jeder wusste, dass der Vertrag nicht perfekt ist, konnte sich niemand wirklich vorstellen, dass die Kolumbianer diese Chance nicht nutzen würden. Für manche historische Entscheidungen gibt es nur kleine Zeitfenster, in denen sie getroffen werden müssen. Für Kolumbien könnte sich dieses Fenster bald wieder schließen, wenn sich die Geduld auf beiden Seiten des Verhandlungstisches erschöpft.

Guerilleros müssen im Dschungel ausharren

Denn die Guerilleros, die seit Monaten auf ihre Rückkehr ins zivile Leben vorbereitet wurden, müssen nun in ihren Camps im Dschungel ausharren. Viele wollten zu ihren Familien zurück, die sie seit Jahren nicht gesehen hatten. Viele hatten Pläne geschmiedet, was sie beruflich in Friedenszeiten erreichen wollten.

Ihnen ist nun eine baldige Rückkehr verwehrt und sie sehen sich einer Bevölkerung gegenüber, deren eine Hälfte sie lieber tot oder im Gefängnis sehen würde. Niemand weiß wie lange die Guerilla-Führung ihre Truppe nach dem Plebiszit zusammenhalten kann. Der vergangene Wahlsonntag erhöht somit das Risiko, dass sich Teile der Guerilla abspalten und als kriminelle Banden weiterziehen.

Über fünf Jahre wurde in der kubanischen Hauptstadt Havanna diskutiert. Die Friedensverhandlungen wurde international begleitet und der Vertragstext am Ende von allen Seiten als das best anzunehmende Ergebnis unterstützt. Die USA ebenso wie die Europäische Union stellten großzügige finanzielle Hilfen in Aussicht. Papst Francisco verkündete kurz vor dem Plebiszit am Sonntag, dass er nächstes Jahr Kolumbien besuchen wolle, um den Kolumbianer zu dem Friedensschluss zu gratulieren. Es ist ein (Wahl-)Affront und es lässt die internationale Gemeinschaft an den Friedensabsichten der Kolumbianer zweifeln.

Vorwegnahme der Friedensfeier

Der Guerilla-Chef Timochenko verkündete kurz nach den ersten Hochrechnungen, dass die FARC sich an das ausgehandelte Abkommen halten werden. Da das Plebiszit keine juristischen Auswirkungen auf den Vertragstext hat, muss sich auch Präsident Santos an den Friedensvertrag halten, der bereits eine Woche vor dem Plebiszit unterzeichnet wurde. Diese Vorwegnahme der Friedensfeier galt als eine Strategie der Regierung, die Bevölkerung für das Plebiszit zu motivieren.

Dieser Schuss ging gewaltig nach hinten los. Viele Kolumbianer konnten nicht nachvollziehen, warum man sie erst nach der Unterzeichnung und den ganzen Feierlichkeiten nach ihrer Meinung fragt. Dies förderte eine Trotzhaltung und viele mutierten zu Protestwähler gegen die Arroganz der Politoligarchie. Andere sahen es nicht mehr als nötig an, wählen zu gehen. „Ist doch alles nur eine Farce" und „alles längst beschlossen" hörte man an vielen Orten.

Lieber wählen als Fegefeuer

Da die Prognosen eine Zweidrittelmehrheit für das „SÍ"-Lager ermittelten, meinten außerdem viele „SÍ"-Wähler, dass der Sieg sicher und ihre Stimme nicht mehr nötig sei. Noch dazu regnete es in weiten Teilen des Landes am Wahltag und ein Hurrikan wütete vor allem an der Atlantikküste die in den Prognosen eher dem „SÍ"-Lager zugerechnet wurde. Das „NO"-Lager konnte außerdem eine Wählerschaft gewinnen, auf die man sich verlassen kann. Die evangelikanischen Kirchen mobilisierten ihre Gläubigen für das „NO" und gegen den Castrochavismo und den „Genderwahnsinn". Nach dem Motto lieber im Regen wählen gehen, als im Fegefeuer enden, stellten sich viele Gläubige in die Schlangen der Wahllokale.

Ein weiterer Grund für die enorm hohe Wahlenthaltung von über 60% muss in der relativ kurzen Vorbereitungszeit gesehen werden. Kaum ein Kolumbianer hatte Zeit und Muße den 297-Seiten umfassenden Vertragstext in seiner Tiefe zu lesen und zu erfassen. Ein katholischer Priester, der ausreichend gebildet und auch ausreichend Zeit hatte, meinte zu mir, dass man über diesen Text Seminare und Kolloquien halten und ihn doch nicht völlig verstehen könne.

USA und Paraguay stimmen für „NO"

Außerdem musste man an seinem im Personalausweis eingetragenen Wohnort wählen. Da es in Kolumbien keine Meldepflicht wie in Deutschland gibt, wohnen viele Kolumbianer tagesreisen entfernt von dem Ort, an dem sie gemeldet sind. Zusammen mit den Prognosen und der Sicherheit, dass das „SÍ" gewinnen würde, ersparten sich viele den zeitlichen und finanziellen Aufwand einer solchen Reise. Eine weitere Gruppe der Nichtwähler sind die Auslandskolumbianer, deren wenigsten am örtlichen Konsulat gemeldet sind. Nur knapp 500.000 von den circa sieben Millionen Auslandskolumbianern ist registriert und damit wahlberechtigt. Die meisten votierten für „SÍ", nur die Auslandsgemeinden der USA und Paraguay neigten zum „NO".

Die Opposition um den Ex-Präsidenten Uribe vertiefte die Gräben zwischen den politischen Lagern mit Falschinformation über den Inhalt des Vertrages. Viele ließ das beim Wahlgang zögern, da sie sich schlecht informiert fühlten und lieber nicht wählten als eine falsch Entscheidung zu treffen. Dies verdeutlicht auch das Misstrauen der Bevölkerung in eine Demokratie und eine Politik, die von Korruption und Vetternwirtschaft geprägt sind.

Der mediale Schreckensdiskurs

Dieses Misstrauen bezieht sich auch auf die Guerilla, die tausende von Opfern zu verantworten hat und nun plötzlich von ihrem Erzfeind Santos - der als Verteidigungsminister unter Uribe der Guerilla empfindliche Niederlagen bescherte - als neue politische und demokratische Kraft vorgestellt wurde. Nachdem man 50 Jahre einen medialen Schreckensdiskurs über die Barbaren und Terroristen der Guerilla gehört hatte, muss für manchen der Handschlag Santos mit Timochenko in weißer Robe und im Friedensornament ein gewaltiges Gruseln verursacht haben.

So steht sich das Land nach dem Wahlentscheid tiefgespalten gegenüber und eine Versöhnung scheint in weite Ferne gerückt zu sein. Bei etwas mehr als 13 Millionen abgegebenen Stimmen, fehlte dem SÍ-Lager am Ende nur 53.894 für einen anderen Wahlausgang. Präsident Santos verkündete bereits am Wahlabend, dass er keine personellen Konsequenzen aus der Niederlage ziehen wird und „und bis zur letzten Sekunde" für den Frieden eintreten wird. Dies und die Aussage Timochenkos am Friedensvertrag festzuhalten, lässt mich weiterhin auf eine bessere Zukunft für Kolumbien hoffen.

Dieser Beitrag wurde erstmals als Blog auf 'Kolumbien verstehen' veröffentlicht.

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