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Wie Pegida deutsche Erinnerungsorte missbraucht

11/11/2015 17:35 CET | Aktualisiert 11/11/2016 11:12 CET
Stephan Kroener

Schon bei der Anfahrt beäuge ich die Fahrgäste neben mir. Wer von Ihnen wohl ein Pegida-Anhänger, Wutbürger, verängstigter oder besorgter Bürger oder einfach nur ein Nazi ist? Doch alle sehen reichlich normal aus, keine Glatzen, keine Transparente oder Fahnen.

Erst als man aus dem Untergrund die Treppen zur Münchner Freiheit hochtritt, bemerkt man die Veränderung, die Schreie, die Parolen. Ein bisschen Fußball-, ein bisschen Volksfeststimmung. Die vereinzelten Pegidisten sind schon um kurz nach 19 Uhr eingekesselt, dies scheint sie aber nicht zu stören. Die gepanzerte demokratische Vorhut schützt sie und ihr Versammlungs- und Demonstrationsrecht mit 400 Polizisten.

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Eine streitbare und wehrhafte Demokratie

Und das ist auch richtig und gut so. Auch an einem 9. November, auch an einem Ort, der dem Münchner Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewidmet ist. Eine streitbare und wehrhafte Demokratie muss das aushalten.

Dass sie das kann, haben die Gegendemonstranten bewiesen. Ein Zahlenverhältnis von um die 30 zu 1 kann sich sehen lassen und muss niemandem Angst vor dieser lächerlichen Idee eines Bürgerkriegs machen. Trotzdem muss weiter Widerstand geleistet werden.

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Widerstand gegen wen?

Wer hier Widerstand gegen wen leistet, wird an diesem Montag von den sich gegenseitig provozierenden Gruppen sicherlich unterschiedlich bewertet. Die Einen sehen sich als Bewahrer einer deutschen Identität und Kultur, Beschützer vor einer „gefährlichen" Invasion und Bekämpfer einer vermeintlichen Islamisierung (die für viele Demonstranten wahrscheinlich genauso vage ist, wie für andere das „C" und „S" der heimischen Union).

Die Anderen sehen sich sicher ebenfalls als Widerstand, als einen demokratischen Widerstand gegen einen wiedererstarkten Rassismus und die teilweise wieder gesellschaftsfähige „ja-aber"-Fremdenfeindlichkeit. Dass sich beide mit „Nazis raus"-Rufen beschimpfen, soll nur ein Detail dieser abendlichen Münchner Gaudi bleiben.

Der „glasklare" Demokrat

In einem Gespräch nach der Demo mit einem Pegida-Anhänger, der sich über die „linksradikalen Chaoten, Kommunisten, asozialen Autonomen und Kriminellen" der Gegendemo aufregte, beschwerte sich dieser darüber, dass er, der „glasklare" Demokrat, als Nazi beschimpft worden sei.

Doch wer sich einzelne Teilnehmer und Organisatoren der Pegida-Demo genauer anschaut, wird einige stadtbekannte Rechtsradikale wiedererkennen. So wird die Beschimpfung zur Aussage, denn schon Goethe wusste: „Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiß ich, womit du dich beschäftigst, so weiß ich, was aus dir werden kann."

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Geschichtsträchtiger 9. November

Ob der geschichtsträchtige 9. November angemessen für eine solche Demonstration ist, empfinde ich eher als eine moralische denn als eine politische Auseinandersetzung. Wäre es besser, wenn die Rechten zu Hitlers Geburtstag, zur Befreiung von Auschwitz oder zum 17. Juni, dem ehemaligen Tag der Einheit marschieren würden? Nein, es wäre für mich genauso schlimm.

Ja mehr noch, dass die knapp 100 Personen, die eine mehr oder weniger bunt durchwürfelte Truppe bilden, an einem Ort des Gedenkens für den bayrischen Widerstand aufmarschieren dürfen, ist für mich genauso beschämend, wie wenn sie vor der Feldherrnhalle sprechen würden.

„Wir sind das Volk"

Pegida besetzt Orte der Erinnerung, aber nicht nur das. Regelmäßig beschmutzen sie mit ihrem Ruf „Wir sind das Volk" das Andenken an eine friedliche, freiheitliche und demokratische Revolutionsbewegung (wobei schon viele Kommentatoren angemerkt haben, dass die rechten Agitatoren die Betonung eher auf „Volk" legen, wohingegen der Freiheitsruf der echten Leipziger-Montagsdemonstrationen auf dem „Wir" lag).

Doch auch die Widerstandsgruppen gegen das Dritte Reich sind vor den Neu-Rechten nicht sicher. Aus dem bunten Fahnenmeer taucht immer wieder die Wirmer-Flagge auf. Ein schwarzes Kreuz umrandet von einer goldenen Linie auf rotem Grund sollte nach der Operation Walküre das Hakenkreuz Hitlers ablösen.

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„Montagfrei für die Polizei"

Ob sich Stauffenberg in seinem nicht vorhandenen Grab umdrehen würde, wenn er wüsste, wer ihn da missbraucht, wissen wir nicht. Dass sich die ehemaligen DDR-Bürgerrechtler wie Konrad Weiß gegen die diskursive Vereinnahmung wehren, konnten wir am selben Abend noch im ZDF-„heute journal" erfahren. Das war nachdem der lächerliche Haufen des Münchner Pegida-Ablegers von den circa 3000 Gegendemonstranten umfassenden, ebenfalls besorgten Bürgern eingekesselt und zur Aufgabe gezwungen worden war.

Auch wenn die Demonstranten ein „Montagfrei für die Polizei" forderten, wird es dazu wohl in nächster Zeit nicht kommen. Einer der Gedenktage für die Widerstandsgruppe der Münchner „Weißen Rose" fällt am nächsten 22. Februar auf einen Montag. Mal sehen, ob Pegida dann auch wieder vorhat an einem historisch bedeutsamen Ort zu demonstrieren - wie beispielsweise dem Geschwister-Scholl-Platz vor der Universität.

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