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Paris: Kolumbianische Drogendealer sollen Massaker verhindert haben

21/11/2015 13:25 CET | Aktualisiert 21/11/2016 11:12 CET
Anadolu Agency via Getty Images

Eine wahrlich unglaubliche Geschichte geisterte Anfang der Woche durch spanischsprachige Onlinemedien. Übereinstimmend zitierten die Zeitungen einen französischen Journalisten namens Armand Stroke des bekannten Radiosenders Europe 1. Er wurde als Augenzeuge eines der Massaker in Paris von vergangenem Freitag den 13. dargestellt.

Den Angaben der Meldungen zufolge, befand sich Stroke zum Zeitpunkt der Anschläge in einem Restaurant in der Nähe des Konzertsaals Bataclan. Gegen 21.30 Uhr seien zwei Bewaffnete in das Lokal gestürmt, doch anders als im Bataclan sollen sie auf heftige Gegenwehr gestoßen sein.

Der ominöse Augenzeuge Stroke berichtet, dass sich sofort nach den ersten Schüssen drei Männer am Nebentisch erhoben und das Feuer erwidert hätten. Beide Angreifer seien sofort getötet und somit ein weiteres Blutbad verhindert worden. Die herbeigeeilte Polizei hätte die drei Verteidiger jedoch direkt in Gewahrsam genommen.

Cartel del Norte

Der Fall wird noch abstruser dadurch, dass es sich - den Zeitungen zufolge - um drei Auftragsmörder des berüchtigten kolumbianischen Drogenkartells "Cartel del Norte" gehandelt haben soll. Diese kriminelle Organisation gibt es wirklich.

Sie entstand nach dem Tod Pablo Escobars und der Zerschlagung der Kartelle von Medellín und Cali. In einem langen und blutigen Kampf um Macht und Einfluss verbündete sich das "Cartel del Norte" mit paramilitärischen und Guerilla-Verbänden und ist für tausende Tote in dem südamerikanischen Land verantwortlich.

Allein in der Hochphase des Drogenkrieges zwischen 2003 und 2004 sollen über 1000 Menschen den Schergen des Kartells zum Opfer gefallen sein. Die US-Antidrogenbehörde DEA und der kolumbianische Staat erzielten in den letzten Jahren gemeinsam große Erfolge gegen das Netzwerk. Trotzdem bleibt das Kartell das mächtigste in der gewinnbringenden kolumbianischen Drogenindustrie. Alle führenden Mitglieder des Kartells werden international von kolumbianischen und US-Behörden gesucht.

Anklage wegen Drogenhandels

Die Online-Zeitungsberichte enden damit, dass die Drogendealer, obwohl sie in der Tatnacht wahrscheinlich dutzende Menschenleben gerettet hätten, eine Auslieferung nach Kolumbien und Anklage wegen Drogenhandels befürchten müssten. Drei Fotos der heldenhaften Drogenhändler sollen den Wahrheitsgehalt der Beschreibung des Tathergangs untermauern.

Allerdings handelt es sich bei den Abgebildeten um einen anarchistischen chilenischen Bombenbauer, der 2013 in der spanischen Stadt Zaragoza festgenommen wurde; um einen kolumbianischen Einbrecher, der in Mexiko gestellt wurde; sowie um einen traurigen Kolumbianer, der vor Jahren mal betrunken in seinem Dorf randaliert hat.

Obwohl schon eine kurze Online-Recherche zeigen konnte, dass es sich bei der Meldung um eine fantasievolle Zeitungsente handelt, fielen sogar renommierte kolumbianische Zeitungsagenturen darauf herein. Eigentlich schade, denn es hätte eine wunderbare atypische Heldengeschichte werden können.

Für Kolumbianer auf der ganzen Welt bedeutet sie aber wieder einmal, dass die diskriminierenden Zuschreibungen bestehen bleiben, unter denen das Land aufgrund der internationalen Drogenkriminalität einer relativ kleinen nationalen Gruppe leidet.

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