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Das Coming-out einer Guerilla: LGBTI bei der kolumbianischen FARC

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FARC COLOMBIA
Stephan Kroener
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„In der Guerilla gibt es keine Schwulen". Diese Aussage hörte ich immer wieder in den drei Camps, die ich im Süden Kolumbiens während der Zehnten Gesamtkonferenz der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC) besuchte. Unter den bis zu 12.000 Kämpfern und Kämpferinnen soll es keine Homosexualität geben, keine Abweichung von der Heteronormativität?

Ein Kommandant, der nicht namentlich genannt werden will, konkretisiert „es gab Fälle, aber sobald es rauskam, wurde den Jungs mitgeteilt, dass sie hier unerwünscht sind.

Es waren eigentlich immer junge Kerle, Minderjährige, so konnten wir sie leicht mit der Ausrede verabschieden, dass wir sie rausschmeißen würden, weil wir keine Kinder bei uns haben wollten. Aber das war gelogen, die FARC akzeptierte bis vor kurzem ausdrücklich Kombattanten ab 15 Jahren und oft auch jüngere Altersstufen."

Aggressiver Machismo

„Wir wissen, dass wir diesen Teil der Bevölkerung nicht fair behandelt haben, aber in einem Guerillacamp sind diese Dinge nicht möglich". Dairo ein Guerillero des Frente 15 meint, „wenn wir Schwule akzeptiert hätten, hätte das Probleme innerhalb der Guerilleros geben können. Wir sind Campesinos und viele sind in einem aggressiven Machismo aufgewachsen. Ich selbst war ein Macho, in meinem früheren Leben hab ich immer versucht der Lauteste zu sein. Die Guerilla hat mir erklärt, dass Mann und Frau gleichgestellt sind, das war ein enormer Lernprozess. Wir nehmen jetzt im Frieden erneut das Thema LGBTI auf, aber es ist noch neu für uns."

Die Guerilleros erhalten seit dem Beginn der Verhandlungen in Havanna Unterricht über das Thema LGBTI und sexuelle Vielfalt. Nancy, Guerillera und Krankenschwester im Frente 15, erklärt: „Frau und Mann sind in der Guerilla seit Jahrzehnten absolut gleichgestellt, jede Art des Machismo wird deutlich bestraft."

Die Frauen haben sich ihren Platz in der Guerilla wortwörtlich erkämpft. Ähnlich wie die Frauenrechtlerinnen der Munitionsfabriken im Europa des Ersten Weltkriegs erstritten sie sich ihren Platz in einer patriarchalischen Gesellschaft.

Aktivisten der LGBTI-Community

Die Aktivisten der LGBTI-Community sind heute integraler Bestandteil der politischen Linken weltweit. In Kolumbien, in einem extremen Machismos hatten sie es schwer sich gegen die Vorurteile zu wehren. Von der Guerilla wurden sie vom militärischen Kampf ausgeschlossen und von den rechten Paramilitärs in sozialen Säuberungsaktionen ermordet.

Der Staat schaute dabei weg und überließ sie ihrem Schicksal. In der politischen linken Bewegung wurden sie aufgenommen und von dort unterstützten sie tatkräftig den politischen Kampf für ihre eigenen Rechte und die anderer marginalisierter und diskriminierter Gruppen, wie den Afrodescendientes (Nachkommen afrikanischer Einwanderer bzw. Sklaven) und Indigenen.

Sie kämpften dabei nach außen wie nach innen für Gleichberechtigung und Toleranz, denn auch unter den Linken in Kolumbien und in ganz Lateinamerika ist Machismos und Homophobie ein Problem. Es ist ein Lernprozess und ein Prozess sich mit überkommendem Männlichkeitsgebaren auseinanderzusetzen.

„Homosexualisierung" Kolumbiens

Nancy führt aus: „Als Guerilla müssen wir ihren Kampf anerkennen, der sich wie unserer gegen die Repression eines Staates und gegen die kapitalistische patriarchalische Gesellschaftsform richtet. Bei den Friedensverhandlungen haben sie uns enorm unterstützt und klar, ihre soziale Basis ist ein starkes Wählerpotential, das uns als politische Partei sehr nutzen kann."

Vor dem Plebiszit Anfang Oktober machte das „No"-Lager Stimmung gegen die LGBTI-Bewegung und schürte Ängste vor einer „Homosexualisierung" Kolumbiens. Die traditionelle heteronormierte Familie solle aufgelöst werden und das Land dem Terror einer „Gender-Ideologie" unterworfen werden. Viele evangelikanische Kirchen schlossen sich diesem Tenor an und versammelten ein starkes Wählerpotential für das „NO"-Lager.

Wortführer dieser „Anti-Gender-Mainstream"-Bewegung ist der ehemalige Procurador (Generalstaatsanwalt) des Landes Alejandro Ordóñez. Ein ultrarechts-konservativer Politiker, mit einer nebulösen Vergangenheit in kreolischen Neonazikreisen und bekennender Anhänger der Piusbruderschaft. Nach dem Sieg des „NO" beim Plebiszit möchte er den Gender-Fokus des Abkommens streichen, der für ihn eine verschlüsselte „Gender-Ideologie" enthält.

Der rosarote Schimmer der Guerilla

Von Experten wird aber gerade dieser Gender-Fokus als eine außergewöhnliche Leistung in dem Vertragswerk bezeichnet. Damit soll nämlich die Opferrolle von Frauen und LGBTI-Personen herausgehoben werden, da sie in dem bewaffneten Konflikt durch sexualisierte Gewalt besonders gelitten haben und von allen Akteuren in unterschiedlicher Weise missbraucht wurden.

Jedem der sich mit kriegerischen und insbesondere dem kolumbianischen Konflikt auskennt, unterstreicht diese besondere Opferrolle. Es ist unverständlich, wie jemand ihnen diese verweigern kann.

Auch auf der genannten Konferenz der Guerilla wurde das Thema besprochen. Eine Subkommission behandelte spezifische Fragen dazu. Da das militärische Reglement mit dem Friedensschluss passé sein wird, wird in einem neuen Parteienstatut sehr wahrscheinlich explizit die Aufnahme von Mitgliedern der LGBTI gewünscht.

So tritt die Guerilla aus dem Schatten der Vergangenheit und Illegalität und wird sich wohl als Partei einen rosaroten Schimmer verleihen. Hoffen wir, dass der Lernprozess hin zu dieser Öffnung auch auf ganz Kolumbien Auswirkungen hat und den Machismo sowie die Diskriminierung weiter zurückdrängen kann. So könnte der Friedensschluss auch der LGBTI-Community in Kolumbien helfen, mehr Toleranz zu erfahren und ihren Themen mehr Öffentlichkeit zu verschaffen.

Dieser Beitrag wurde erstmals als Blog auf 'Kolumbien verstehen' veröffentlicht. Dort finden Sie auch weitere Fotos zum Text.

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