BLOG

Eine offene Plattform fĂŒr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Stephan Kroener Headshot

Weitere 50 Jahre Krieg in Kolumbien

Veröffentlicht: Aktualisiert:
COLOMBIA WAR PLEBISCIT
Stephan Kroener
Drucken

Kolumbien hat gewĂ€hlt und sich gegen das ausgehandelte Friedensabkommen entschieden. Niemand weiß wirklich was das jetzt bedeutet, denn PrĂ€sident Santos hat bereits vor einer Woche zusammen mit Timochenko, dem Guerillachef der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia), den Friedensvertrag unterzeichnet. Beide haben bereits am selben Abend verkĂŒndet, dass sie weiter fest entschlossen sind, einen Frieden fĂŒr Kolumbien zu erreichen.

Als am spĂ€ten Sonntagnachmittag die ersten Hochrechnungen bekannt wurden, verstummte das Leben in BogotĂĄ. Die Leute konnten es nicht glauben. In jedem Laden und in jeder Bar lief der Fernseher, aber erst langsam begannen die Menschen zu diskutieren. WĂ€hrend die BefĂŒrworter eines Friedens mit der grĂ¶ĂŸten Guerillaorganisation Kolumbiens noch hofften, verwickelten sich dessen Gegner in Verschwörungstheorien, wie Santos ihnen doch noch den Sieg im Plebiszit rauben wĂŒrde.

2016-10-03-1475475389-8070197-PlebiscitoporlosacuerdosdePazenBogot098.JPG

Clowns und Luftballons im Krieg

Auf der Plaza de Bolivar, dem Hauptplatz BogotĂĄs, rief ein junger Mann „bleibt ruhig, ihr habt ja doch gewonnen, das ist alles nur Show, Santos und diese korrupten SĂ€cke werden das schon irgendwie hinbiegen". Ein Clown neben ihm meint, wĂ€hrend er weiter seine Luftballons dreht, „das ist doch alles nur eine große LĂŒge, das ganze Plebiszit ist ein großer Betrug und Geldverschwendung".

Die Diskussionen wurden langsam heftiger und es bildeten sich Lager. Beide schwenkten Kolumbienflaggen und schrien sich an. „Wollt ihr noch mehr Krieg, wollt ihr noch mehr Tote?" „Wir wollen Gerechtigkeit und keinen Castrochavismo." Und zwischen den beiden Gruppen laufen wie gewohnt die fliegenden HĂ€ndler herum und preisen ihre Waren an. Dieses Land ist verrĂŒckt, wie kann man den Wunsch nach Krieg mit Luftballons und SĂŒĂŸigkeiten feiern, nicht mal Goebbels wĂ€re darauf gekommen.

2016-10-03-1475475500-7177137-PlebiscitoporlosacuerdosdePazenBogot071.JPG

SĂ€uberungsbataillone gegen den Castrochavismo

Man könnte lachen, wenn es nicht so ernst wĂ€re. Wie kann man ein Land erklĂ€ren, dessen eine HĂ€lfte der Bevölkerung einen ĂŒber 50-jĂ€hrigen Krieg weiterfĂŒhren will unter dem die andere HĂ€fte so lange gelitten hat. Vor einem der Wahllokale traf ich nachmittags einen Ă€lteren Herrn, der mir versicherte, dass Guerilleros keine Menschen sondern Tiere seien, die man auslöschen mĂŒsse:

„Wenn das „SÍ"-Lager gewinnt, mĂŒssen wir in der Stadt SĂ€uberungsbataillone aufstellen, wir wissen ja dann, wer die Ratten sind, und dann geht es eins nach dem anderen bis wir den Castrochavismo besiegt haben."

2016-10-03-1475475896-8480296-PlebiscitoporlosacuerdosdePazenBogot115.JPG

Auf welchem Niveau soll man da noch diskutieren. Etwas abseits von der sich angeifernden Masse traf ich einen Soldaten und ich frage ihn wie er sich jetzt fĂŒhlt: „nicht viel anders, wir durften ja nicht wĂ€hlen. Klar ein „SÍ" wĂ€re mir lieber gewesen, aber wenn der Befehl kommt, gehe ich wieder zurĂŒck ins Feld."

2016-10-03-1475476011-2958995-PlebiscitoporlosacuerdosdePazenBogot156.JPG

Santos-Junior marschiert auf

Hinter uns wurde der Tumult immer lauter. Von der einen Seite der Plaza nĂ€herte sich eine fahnenschwangere Menschenmenge. Auf den ersten Blick ließ sich nicht erkennen, ob sie dem „SÍ"- oder dem „NO"-Lager angehören. Bis mir einer der Umstehenden verriet, dass da Santos-Junior aufmarchiert. Die MilitĂ€rs ließen den PrĂ€sidenten-Spross mit seiner studentischen Leibgarde durch das Spalier und drĂ€ngten die Presse zur Seite.

In meiner NĂ€he fĂŒhrt gerade ein IndĂ­gena einen harten Diskurs gegen einen jungen Uribista, AnhĂ€nger des Ex-PrĂ€sidenten Uribe und Stimme des „NO"-Lagers. Er heißt Elias und kommt aus dem Amazonasbecken. Mit TrĂ€nen in den Augen und heiserer aber ruhiger Stimme erklĂ€rt er seinem GegenĂŒber:

„Weißt du warum ich fĂŒr das „SÍ" gestimmt habe? Weil ich es satt habe fĂŒr den Krieg zu stimmen. Euer Ex-PrĂ€sident benutzt den Krieg, um die Gewalt zu beenden, aber Krieg ist Gewalt, und wir stimmten jetzt schon zwei Mal fĂŒr einen PrĂ€sidenten, der die FARC durch Gewalt beseitigen wollte.

Aber weißt du was, diese Gewalt zerstört unsere Kultur, unsere indigenen Völker, unsere Gemeinden, unsere Reservate. Ich bin viele Jahre von Dorf zu Dorf gewandert, um der Armut der Stadt zu entkommen, aber es gelang mir nicht. Vorher habe ich auf meinem Land gut gelebt, wir fischten, hatten Essen und ein Haus, ich hatte alles, doch dann haben sie meinen Bruder vor meinen Augen getötet und 37 weitere Menschen, und das nur, weil sie Menschen unterstĂŒtzten, die durch Gewalt die Gewalt beenden wollten.

2016-10-03-1475476114-8121017-IMG_20161002_193349.jpg

Nein Mann, ich habe diese Scheiße satt, ich habe es satt, diese verdammten PrĂ€sidenten zu hören, die sagen, dass durch Gewalt die Gewalt enden wird. Warum können wir nicht einfach umdenken? Ich habe fĂŒr das „SÍ" gestimmt und auch wenn wir nicht mehr auf unserem Land fĂŒr uns selbst produzieren können, werden wir damit vielleicht diese verdammte Gewalt beenden.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Ich kenne den PrĂ€sidenten nicht, aber eines Tages will ich ihm die Hand schĂŒtteln und ihm danken fĂŒr diesen Richtungswechsel. Wir haben das Recht und die Pflicht, in diesem verdammten Leben etwas aus uns zu machen. Ich habe einen Sohn und ich will, dass mein Sohn eines Tages ein gutes Leben hat, ein Leben wie ein IndĂ­gena, auf seinem eigenen Land, in seinem eigenen Territorium, und dass er nicht wie sein Vater sich durch eine fremde Stadt betteln muss. Es ist so einfach."

Kolumbien ist ein geteiltes Land. Das „NO"-Lager gewann den grĂ¶ĂŸten Stimmenanteil in den Regionen, die am wenigsten vom Konflikt betroffen sind, wĂ€hrend das „SÍ"-Lager in den Teilen des Landes Stimmen auf sich vereinen konnte, in denen der Konflikt tobt.

Es geht nicht darum wie gut oder schlecht, wie gerecht oder ungerecht der ausgehandelte Vertrag ist, es geht darum, zu verhindern, dass noch mehr Menschen in einem absurden Krieg sterben. Aber mit Gewalt wird man niemals einen Krieg beenden und Elias hat recht, es wÀre so einfach, wenn wir das verstehen und endlich umdenken könnten.

Dieser Beitrag wurde erstmals als Blog auf 'Kolumbien verstehen' veröffentlicht.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform fĂŒr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.