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Weitere 50 Jahre Krieg in Kolumbien

Veröffentlicht: Aktualisiert:
COLOMBIA WAR PLEBISCIT
Stephan Kroener
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Kolumbien hat gewählt und sich gegen das ausgehandelte Friedensabkommen entschieden. Niemand weiß wirklich was das jetzt bedeutet, denn Präsident Santos hat bereits vor einer Woche zusammen mit Timochenko, dem Guerillachef der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia), den Friedensvertrag unterzeichnet. Beide haben bereits am selben Abend verkündet, dass sie weiter fest entschlossen sind, einen Frieden für Kolumbien zu erreichen.

Als am späten Sonntagnachmittag die ersten Hochrechnungen bekannt wurden, verstummte das Leben in Bogotá. Die Leute konnten es nicht glauben. In jedem Laden und in jeder Bar lief der Fernseher, aber erst langsam begannen die Menschen zu diskutieren. Während die Befürworter eines Friedens mit der größten Guerillaorganisation Kolumbiens noch hofften, verwickelten sich dessen Gegner in Verschwörungstheorien, wie Santos ihnen doch noch den Sieg im Plebiszit rauben würde.

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Clowns und Luftballons im Krieg

Auf der Plaza de Bolivar, dem Hauptplatz Bogotás, rief ein junger Mann „bleibt ruhig, ihr habt ja doch gewonnen, das ist alles nur Show, Santos und diese korrupten Säcke werden das schon irgendwie hinbiegen". Ein Clown neben ihm meint, während er weiter seine Luftballons dreht, „das ist doch alles nur eine große Lüge, das ganze Plebiszit ist ein großer Betrug und Geldverschwendung".

Die Diskussionen wurden langsam heftiger und es bildeten sich Lager. Beide schwenkten Kolumbienflaggen und schrien sich an. „Wollt ihr noch mehr Krieg, wollt ihr noch mehr Tote?" „Wir wollen Gerechtigkeit und keinen Castrochavismo." Und zwischen den beiden Gruppen laufen wie gewohnt die fliegenden Händler herum und preisen ihre Waren an. Dieses Land ist verrückt, wie kann man den Wunsch nach Krieg mit Luftballons und Süßigkeiten feiern, nicht mal Goebbels wäre darauf gekommen.

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Säuberungsbataillone gegen den Castrochavismo

Man könnte lachen, wenn es nicht so ernst wäre. Wie kann man ein Land erklären, dessen eine Hälfte der Bevölkerung einen über 50-jährigen Krieg weiterführen will unter dem die andere Häfte so lange gelitten hat. Vor einem der Wahllokale traf ich nachmittags einen älteren Herrn, der mir versicherte, dass Guerilleros keine Menschen sondern Tiere seien, die man auslöschen müsse:

„Wenn das „SÍ"-Lager gewinnt, müssen wir in der Stadt Säuberungsbataillone aufstellen, wir wissen ja dann, wer die Ratten sind, und dann geht es eins nach dem anderen bis wir den Castrochavismo besiegt haben."

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Auf welchem Niveau soll man da noch diskutieren. Etwas abseits von der sich angeifernden Masse traf ich einen Soldaten und ich frage ihn wie er sich jetzt fühlt: „nicht viel anders, wir durften ja nicht wählen. Klar ein „SÍ" wäre mir lieber gewesen, aber wenn der Befehl kommt, gehe ich wieder zurück ins Feld."

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Santos-Junior marschiert auf

Hinter uns wurde der Tumult immer lauter. Von der einen Seite der Plaza näherte sich eine fahnenschwangere Menschenmenge. Auf den ersten Blick ließ sich nicht erkennen, ob sie dem „SÍ"- oder dem „NO"-Lager angehören. Bis mir einer der Umstehenden verriet, dass da Santos-Junior aufmarchiert. Die Militärs ließen den Präsidenten-Spross mit seiner studentischen Leibgarde durch das Spalier und drängten die Presse zur Seite.

In meiner Nähe führt gerade ein Indígena einen harten Diskurs gegen einen jungen Uribista, Anhänger des Ex-Präsidenten Uribe und Stimme des „NO"-Lagers. Er heißt Elias und kommt aus dem Amazonasbecken. Mit Tränen in den Augen und heiserer aber ruhiger Stimme erklärt er seinem Gegenüber:

„Weißt du warum ich für das „SÍ" gestimmt habe? Weil ich es satt habe für den Krieg zu stimmen. Euer Ex-Präsident benutzt den Krieg, um die Gewalt zu beenden, aber Krieg ist Gewalt, und wir stimmten jetzt schon zwei Mal für einen Präsidenten, der die FARC durch Gewalt beseitigen wollte.

Aber weißt du was, diese Gewalt zerstört unsere Kultur, unsere indigenen Völker, unsere Gemeinden, unsere Reservate. Ich bin viele Jahre von Dorf zu Dorf gewandert, um der Armut der Stadt zu entkommen, aber es gelang mir nicht. Vorher habe ich auf meinem Land gut gelebt, wir fischten, hatten Essen und ein Haus, ich hatte alles, doch dann haben sie meinen Bruder vor meinen Augen getötet und 37 weitere Menschen, und das nur, weil sie Menschen unterstützten, die durch Gewalt die Gewalt beenden wollten.

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Nein Mann, ich habe diese Scheiße satt, ich habe es satt, diese verdammten Präsidenten zu hören, die sagen, dass durch Gewalt die Gewalt enden wird. Warum können wir nicht einfach umdenken? Ich habe für das „SÍ" gestimmt und auch wenn wir nicht mehr auf unserem Land für uns selbst produzieren können, werden wir damit vielleicht diese verdammte Gewalt beenden.

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Ich kenne den Präsidenten nicht, aber eines Tages will ich ihm die Hand schütteln und ihm danken für diesen Richtungswechsel. Wir haben das Recht und die Pflicht, in diesem verdammten Leben etwas aus uns zu machen. Ich habe einen Sohn und ich will, dass mein Sohn eines Tages ein gutes Leben hat, ein Leben wie ein Indígena, auf seinem eigenen Land, in seinem eigenen Territorium, und dass er nicht wie sein Vater sich durch eine fremde Stadt betteln muss. Es ist so einfach."

Kolumbien ist ein geteiltes Land. Das „NO"-Lager gewann den größten Stimmenanteil in den Regionen, die am wenigsten vom Konflikt betroffen sind, während das „SÍ"-Lager in den Teilen des Landes Stimmen auf sich vereinen konnte, in denen der Konflikt tobt.

Es geht nicht darum wie gut oder schlecht, wie gerecht oder ungerecht der ausgehandelte Vertrag ist, es geht darum, zu verhindern, dass noch mehr Menschen in einem absurden Krieg sterben. Aber mit Gewalt wird man niemals einen Krieg beenden und Elias hat recht, es wäre so einfach, wenn wir das verstehen und endlich umdenken könnten.

Dieser Beitrag wurde erstmals als Blog auf 'Kolumbien verstehen' veröffentlicht.

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