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Kolumbien: Situation von MenschenrechtsverteidigerInnen verschÀrft sich

Veröffentlicht: Aktualisiert:
WILLIAM CASTILLO
aheramigua
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682 Angriffe und 63 tote MenschenrechtsverteidigerInnen allein im Jahr 2015 zeugen vom schwierigen Weg Kolumbiens zu einem Postkonfliktszenario, welches den ĂŒber 50jĂ€hrigen Konflikt im Land beenden soll. 99 Prozent dieser Taten bleiben in absoluter Straflosigkeit. 66 Prozent davon wurden mutmaßlich von paramilitĂ€rischen TĂ€terInnen begangen (Informe Somos Defensores S. 35).

Gerade MenschenrechtsverteidigerInnen stehen durch ihre Arbeit besonders im Fadenkreuz von bewaffneten Akteuren. AnwĂ€ltInnen, GewerkschaftlerInnen, JournalistInnen und BauernvertreterInnen bilden die sehr heterogene Gruppe an Menschen, die sich gegen die Unmenschlichkeit und BrutalitĂ€t auflehnen und mit friedlichen Mitteln versuchen, die Zivilgesellschaft vor dem Morden zu schĂŒtzen und der Bevölkerung ein bisschen Frieden und Gerechtigkeit zu bringen.

2015 das Jahr mit den meisten Morden

Seit dem Amtsantritt von Juan Manuel Santos im Jahr 2010 stiegen die Opferzahlen und die Zahl der Angriffe gegen MenschenrechtsverteidigerInnen kontinuierlich an. Andererseits gehen seit der Vereinbarung eines beidseitigen Waffenstillstandes zwischen den Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC) und der kolumbianischen Regierung die Kampfhandlungen und Verluste der Guerilla und der Armee zurĂŒck. Statistisch ist 2015 das Jahr mit den meisten Morden an kolumbianischen MenschenrechtsverteidigerInnen in den letzten 20 Jahren.

WĂ€hrend die GesprĂ€che auch ĂŒber den festgelegten Termin zur Unterzeichnung eines Friedensvertrages am 23. MĂ€rz weitergehen, versuchen neue und alte AkteurInnen sich mit tödlichen Mitteln ins GesprĂ€ch zu bringen. Sie wollen von den Verhandlungen profitieren, die auch eine weitreichende Amnestie mit sich bringen werden. Die zweite große Guerillagruppe, die EjĂ©rcito de LiberaciĂłn Nacional (ELN), hat sich in vor kurzem zur Aufnahme von FriedensgesprĂ€chen bereiterklĂ€rt.

Eine dritte Gruppe, die sogenannten NeoparamilitĂ€rs, dĂŒrfte es eigentlich nach deren staatlich ausgehandelter Demobilisierung im Jahre 2006 nicht mehr geben, doch wurden ihre politischen und wirtschaftlichen Strukturen nie gĂ€nzlich aufgelöst. Aus diesen Strukturen sind neue paramilitĂ€rische Zöglinge hervorgegangen, die im Verbund mit nicht demobilisierten oder nur scheinbar demobilisierten VerbĂ€nden ganz im Stile ihrer VorgĂ€ngerInnen Gewalt gegen die Zivilbevölkerung und vor allem gegen MenschenrechtsverteidigerInnen ausĂŒben.

Der Mord an William Castillo

Mehrere dieser NeoparamilitĂ€rs stĂŒrmten am frĂŒhen Abend des siebten MĂ€rz eine kleine Bar in El Bagre im Nord-Osten Antioquias im Herzen Kolumbiens. Sie suchten William Castillo, der dort beim Arbeitsessen saß. Mit gezielten SchĂŒssen streckten sie ihr Opfer nieder und verließen unerkannt das Lokal. William war MitbegrĂŒnder und Schatzmeister der Menschenrechtsorganisation Aheramigua (AsociaciĂłn de Hermandades AgroecolĂłgicas y Mineras de GuamocĂł; z.dt: Vereinigung der agroökologischen und bergmĂ€nnischen Innungen der Region GuamocĂł).

Gemeinsam mit seinen KollegInnen setzte er sich fĂŒr die Rechte der Bauern/BĂ€uerinnen und freien MinenarbeiterInnen ein, die seit Jahrhunderten in der Region nach Edelmetallen suchen. Der Goldrausch der vergangenen Jahre zog Scharen von GlĂŒcksritterInnen und Kriminellen an, die mit Hilfe illegaler bewaffneter Gruppen Schutzgelder eintreiben oder ohne RĂŒcksicht auf die Umwelt und die Gesundheit der AnwohnerInnen das SchĂŒrfen ĂŒbernehmen.

Ein El Dorado fĂŒr GoldgrĂ€ber

Der Nordosten Antioquias gilt als El Dorado fĂŒr GoldgrĂ€berInnen, wobei auch internationale Konzerne ihre Finger im Spiel haben. Die staatlichen AkteurInnen sind schwach oder korrumpiert und schauen dem Treiben nur von der Seitenlinie zu. So kam es auch, dass der Leichnam Williams ĂŒber eine Stunde in dem Lokal liegen blieb, bevor die Polizei den Tatort nicht weit vom Zentrum El Bagres absicherte.

William hatte kurz zuvor bei einem Treffen mit Ángel Mesa, dem BĂŒrgermeister des kleinen Ortes und VertreterInnen der Regierung des Departamentos Antioquia ĂŒber den Entwicklungsplan der Region gesprochen. Dieses Treffen, das neben Aheramigua auch von anderen zivilen Gruppen unterstĂŒtzt wird, wurde erst vor kurzem in einer großen Tageszeitung als GesprĂ€che zwischen Regierung und ELN denunziert.

Dies und die Tatsache, dass Aheramigua seit langem die PrĂ€senz von paramilitĂ€rischen Gruppen anprangert, könnten ein Motiv fĂŒr den Mord an William sein. Die Menschen vor Ort in El Bagre haben keinen Zweifel an der TĂ€terschaft der ParamilitĂ€rs und nennen die sogenannten Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC) als Verantwortliche.

Massive Vertreibungen

Seit November vergangenen Jahres kam es in der Region zu teilweise heftigen KĂ€mpfen zwischen den AGCs und den FARC sowie ELN. Die Zivilbevölkerung gerĂ€t dabei immer wieder zwischen die Fronten. Es wird von gewaltsamen Verschwindenlassen, gezielten Morden und Vertreibungen berichtet. Anfang Januar kam es durch einen Vorstoß der Gaitanistas zu einer massiven Vertreibung von ĂŒber 500 BewohnerInnen der lĂ€ndlichen Zone um Puerto Claver in die Stadt selbst. Kurze Zeit spĂ€ter mussten die Menschen aber erneut vor den „Paras" fliehen und Zuflucht in dem nahegelegenen urbanen Zentrum El Bagres suchen.

Aheramigua steht seitdem unter stĂ€ndiger Bedrohung. Am 9. Januar wurde der Bruder eines Mitgliedes verschleppt, sein Haus zerstört und mit Anti-Guerrilla-Slogans und paramilitĂ€rischer Propaganda beschmiert. Diese ungerechtfertigte Denunzierung als Mitglied der Guerrilla dient in Kolumbien als Rechtfertigung fĂŒr Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Gleichzeitig lĂ€sst sich damit eine grĂ¶ĂŸere Angstwirkung und soziale Kontrolle erreichen. Maria Diana Arieta PĂ©rez, Mitglied Aheramiguas in der Region, bekam kurz vor dem Mord an William heftige Drohungen per SMS, die sie ebenfalls als Guerillera beschimpften und mit heftigen Worten zum Verlassen der Zone aufforderten.

Mordserie erschĂŒttert kolumbianische Menschenrechtsszene

Auch William wurde seit langem bedroht. Ich erinnere mich nur wage an ihn. Irgendwo im Nirgendwo im Nordosten Antioquias oder im SĂŒden des Departamentos Bolivar wurde mir der schweigsame Mann einmal vorgestellt, wĂ€hrend ich als Freiwilliger der internationalen Menschenrechtsorganisation peace brigades international MenschenrechtsverteidigerInnen bei ihrer Arbeit begleitete. Seine Gestalt war groß und stark und passte so gar nicht zu seiner ruhigen Art. Sein Tod reiht sich ein in eine aktuelle Mordserie, die die kolumbianische Menschenrechtsszene erschĂŒttert. Innerhalb von zwei Wochen wurden mindestens ein Dutzend MenschenrechtsverteidigerInnen im ganzen Land ermordet.

Viele gehen davon aus, dass es sich dabei um eine organisierte Anschlagsserie handelt, die gezielt Basisorganisationen treffen soll, um damit Einfluss auf den derzeitigen Friedensprozess zu nehmen. Dies weckt böse Erinnerungen an die Morde an Mitgliedern der UniĂłn PatriĂłtica, die sich wĂ€hrend der Friedensverhandlungen unter PrĂ€sident Belisario Betancur (1982-86) gegrĂŒndet hatte. Die Partei erzielte teilweise große Wahlerfolge, wurde aber nach und nach von einer unheiligen Allianz von ParamilitĂ€rs, DrogenhĂ€ndlerInnen und staatlichen AkteurInnen faktisch ausgelöscht. In Kolumbien wird der Mord an den geschĂ€tzten 2000 bis 3000 Mitgliedern aufgrund seines Ausmaßes und in Anlehnung an den Begriff des Genozids als Politicido bezeichnet.

Die neoparamilitĂ€rischen oder auch narcoparamilitĂ€rischen Strukturen sind eine der grĂ¶ĂŸten Gefahren fĂŒr die Arbeit von MenschenrechtsverteidigerInnen und damit auch fĂŒr den gegenwĂ€rtigen Friedensprozess. Solange die Straflosigkeit anhĂ€lt, werden die Aggressionen gegen MenschenrechtsverteidigerInnen weitergehen und ein langfristiger Frieden unwahrscheinlicher. Dies geht auch aus einem kĂŒrzlich veröffentlichten Dokument der Vereinten Nationen hervor.[1] MenschenrechtsverteidigerInnen spielen eine tragende Rolle im Friedensprozess -- ohne sie wird es keinen dauerhaften Frieden in Kolumbien geben. Deswegen muss der kolumbianische Staat dringend die politischen Grundlagen fĂŒr ihre Arbeit schaffen und ihre Sicherheit gewĂ€hrleisten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Homepage von pbi-Deutschland

Weitere Quellen:
https://www.npla.de/poonal/wieder-bauernfuehrer-ermordet/ (deutsch)
https://www.frontlinedefenders.org/en/case/case-history-william-castillo-chima (english)
https://medium.com/@danielvoskoboy/two-weeks-of-terror-6d3cc2f7638c#.ukrd8936p (english)
http://www.gnwp.org/sites/default/files/Press%20release%20-%20HRDs%20situation%20in%20Colombia%20-%20March%2022.pdf (english)
http://www.thedawn-news.org/2016/03/09/another-social-leader-murdered-in-colombia-william-castillo-from-marcha-patriotica/ (english)
http://justiciaypazcolombia.com/IMG/pdf/comunicado_veeduri_a_marzo.pdf (spanisch)

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