Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform f√ľr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Stephan Kroener Headshot

Kolumbien: Situation von MenschenrechtsverteidigerInnen verschärft sich

Veröffentlicht: Aktualisiert:
WILLIAM CASTILLO
aheramigua
Drucken

682 Angriffe und 63 tote MenschenrechtsverteidigerInnen allein im Jahr 2015 zeugen vom schwierigen Weg Kolumbiens zu einem Postkonfliktszenario, welches den √ľber 50j√§hrigen Konflikt im Land beenden soll. 99 Prozent dieser Taten bleiben in absoluter Straflosigkeit. 66 Prozent davon wurden mutma√ülich von paramilit√§rischen T√§terInnen begangen (Informe Somos Defensores S. 35).

Gerade MenschenrechtsverteidigerInnen stehen durch ihre Arbeit besonders im Fadenkreuz von bewaffneten Akteuren. Anw√§ltInnen, GewerkschaftlerInnen, JournalistInnen und BauernvertreterInnen bilden die sehr heterogene Gruppe an Menschen, die sich gegen die Unmenschlichkeit und Brutalit√§t auflehnen und mit friedlichen Mitteln versuchen, die Zivilgesellschaft vor dem Morden zu sch√ľtzen und der Bev√∂lkerung ein bisschen Frieden und Gerechtigkeit zu bringen.

2015 das Jahr mit den meisten Morden

Seit dem Amtsantritt von Juan Manuel Santos im Jahr 2010 stiegen die Opferzahlen und die Zahl der Angriffe gegen MenschenrechtsverteidigerInnen kontinuierlich an. Andererseits gehen seit der Vereinbarung eines beidseitigen Waffenstillstandes zwischen den Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC) und der kolumbianischen Regierung die Kampfhandlungen und Verluste der Guerilla und der Armee zur√ľck. Statistisch ist 2015 das Jahr mit den meisten Morden an kolumbianischen MenschenrechtsverteidigerInnen in den letzten 20 Jahren.

W√§hrend die Gespr√§che auch √ľber den festgelegten Termin zur Unterzeichnung eines Friedensvertrages am 23. M√§rz weitergehen, versuchen neue und alte AkteurInnen sich mit t√∂dlichen Mitteln ins Gespr√§ch zu bringen. Sie wollen von den Verhandlungen profitieren, die auch eine weitreichende Amnestie mit sich bringen werden. Die zweite gro√üe Guerillagruppe, die Ej√©rcito de Liberaci√≥n Nacional (ELN), hat sich in vor kurzem zur Aufnahme von Friedensgespr√§chen bereiterkl√§rt.

Eine dritte Gruppe, die sogenannten Neoparamilit√§rs, d√ľrfte es eigentlich nach deren staatlich ausgehandelter Demobilisierung im Jahre 2006 nicht mehr geben, doch wurden ihre politischen und wirtschaftlichen Strukturen nie g√§nzlich aufgel√∂st. Aus diesen Strukturen sind neue paramilit√§rische Z√∂glinge hervorgegangen, die im Verbund mit nicht demobilisierten oder nur scheinbar demobilisierten Verb√§nden ganz im Stile ihrer Vorg√§ngerInnen Gewalt gegen die Zivilbev√∂lkerung und vor allem gegen MenschenrechtsverteidigerInnen aus√ľben.

Der Mord an William Castillo

Mehrere dieser Neoparamilit√§rs st√ľrmten am fr√ľhen Abend des siebten M√§rz eine kleine Bar in El Bagre im Nord-Osten Antioquias im Herzen Kolumbiens. Sie suchten William Castillo, der dort beim Arbeitsessen sa√ü. Mit gezielten Sch√ľssen streckten sie ihr Opfer nieder und verlie√üen unerkannt das Lokal. William war Mitbegr√ľnder und Schatzmeister der Menschenrechtsorganisation Aheramigua (Asociaci√≥n de Hermandades Agroecol√≥gicas y Mineras de Guamoc√≥; z.dt: Vereinigung der agro√∂kologischen und bergm√§nnischen Innungen der Region Guamoc√≥).

Gemeinsam mit seinen KollegInnen setzte er sich f√ľr die Rechte der Bauern/B√§uerinnen und freien MinenarbeiterInnen ein, die seit Jahrhunderten in der Region nach Edelmetallen suchen. Der Goldrausch der vergangenen Jahre zog Scharen von Gl√ľcksritterInnen und Kriminellen an, die mit Hilfe illegaler bewaffneter Gruppen Schutzgelder eintreiben oder ohne R√ľcksicht auf die Umwelt und die Gesundheit der AnwohnerInnen das Sch√ľrfen √ľbernehmen.

Ein El Dorado f√ľr Goldgr√§ber

Der Nordosten Antioquias gilt als El Dorado f√ľr Goldgr√§berInnen, wobei auch internationale Konzerne ihre Finger im Spiel haben. Die staatlichen AkteurInnen sind schwach oder korrumpiert und schauen dem Treiben nur von der Seitenlinie zu. So kam es auch, dass der Leichnam Williams √ľber eine Stunde in dem Lokal liegen blieb, bevor die Polizei den Tatort nicht weit vom Zentrum El Bagres absicherte.

William hatte kurz zuvor bei einem Treffen mit √Āngel Mesa, dem B√ľrgermeister des kleinen Ortes und VertreterInnen der Regierung des Departamentos Antioquia √ľber den Entwicklungsplan der Region gesprochen. Dieses Treffen, das neben Aheramigua auch von anderen zivilen Gruppen unterst√ľtzt wird, wurde erst vor kurzem in einer gro√üen Tageszeitung als Gespr√§che zwischen Regierung und ELN denunziert.

Dies und die Tatsache, dass Aheramigua seit langem die Pr√§senz von paramilit√§rischen Gruppen anprangert, k√∂nnten ein Motiv f√ľr den Mord an William sein. Die Menschen vor Ort in El Bagre haben keinen Zweifel an der T√§terschaft der Paramilit√§rs und nennen die sogenannten Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC) als Verantwortliche.

Massive Vertreibungen

Seit November vergangenen Jahres kam es in der Region zu teilweise heftigen K√§mpfen zwischen den AGCs und den FARC sowie ELN. Die Zivilbev√∂lkerung ger√§t dabei immer wieder zwischen die Fronten. Es wird von gewaltsamen Verschwindenlassen, gezielten Morden und Vertreibungen berichtet. Anfang Januar kam es durch einen Vorsto√ü der Gaitanistas zu einer massiven Vertreibung von √ľber 500 BewohnerInnen der l√§ndlichen Zone um Puerto Claver in die Stadt selbst. Kurze Zeit sp√§ter mussten die Menschen aber erneut vor den ‚ÄěParas" fliehen und Zuflucht in dem nahegelegenen urbanen Zentrum El Bagres suchen.

Aheramigua steht seitdem unter st√§ndiger Bedrohung. Am 9. Januar wurde der Bruder eines Mitgliedes verschleppt, sein Haus zerst√∂rt und mit Anti-Guerrilla-Slogans und paramilit√§rischer Propaganda beschmiert. Diese ungerechtfertigte Denunzierung als Mitglied der Guerrilla dient in Kolumbien als Rechtfertigung f√ľr Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Gleichzeitig l√§sst sich damit eine gr√∂√üere Angstwirkung und soziale Kontrolle erreichen. Maria Diana Arieta P√©rez, Mitglied Aheramiguas in der Region, bekam kurz vor dem Mord an William heftige Drohungen per SMS, die sie ebenfalls als Guerillera beschimpften und mit heftigen Worten zum Verlassen der Zone aufforderten.

Mordserie ersch√ľttert kolumbianische Menschenrechtsszene

Auch William wurde seit langem bedroht. Ich erinnere mich nur wage an ihn. Irgendwo im Nirgendwo im Nordosten Antioquias oder im S√ľden des Departamentos Bolivar wurde mir der schweigsame Mann einmal vorgestellt, w√§hrend ich als Freiwilliger der internationalen Menschenrechtsorganisation peace brigades international MenschenrechtsverteidigerInnen bei ihrer Arbeit begleitete. Seine Gestalt war gro√ü und stark und passte so gar nicht zu seiner ruhigen Art. Sein Tod reiht sich ein in eine aktuelle Mordserie, die die kolumbianische Menschenrechtsszene ersch√ľttert. Innerhalb von zwei Wochen wurden mindestens ein Dutzend MenschenrechtsverteidigerInnen im ganzen Land ermordet.

Viele gehen davon aus, dass es sich dabei um eine organisierte Anschlagsserie handelt, die gezielt Basisorganisationen treffen soll, um damit Einfluss auf den derzeitigen Friedensprozess zu nehmen. Dies weckt b√∂se Erinnerungen an die Morde an Mitgliedern der Uni√≥n Patri√≥tica, die sich w√§hrend der Friedensverhandlungen unter Pr√§sident Belisario Betancur (1982-86) gegr√ľndet hatte. Die Partei erzielte teilweise gro√üe Wahlerfolge, wurde aber nach und nach von einer unheiligen Allianz von Paramilit√§rs, Drogenh√§ndlerInnen und staatlichen AkteurInnen faktisch ausgel√∂scht. In Kolumbien wird der Mord an den gesch√§tzten 2000 bis 3000 Mitgliedern aufgrund seines Ausma√ües und in Anlehnung an den Begriff des Genozids als Politicido bezeichnet.

Die neoparamilit√§rischen oder auch narcoparamilit√§rischen Strukturen sind eine der gr√∂√üten Gefahren f√ľr die Arbeit von MenschenrechtsverteidigerInnen und damit auch f√ľr den gegenw√§rtigen Friedensprozess. Solange die Straflosigkeit anh√§lt, werden die Aggressionen gegen MenschenrechtsverteidigerInnen weitergehen und ein langfristiger Frieden unwahrscheinlicher. Dies geht auch aus einem k√ľrzlich ver√∂ffentlichten Dokument der Vereinten Nationen hervor.[1] MenschenrechtsverteidigerInnen spielen eine tragende Rolle im Friedensprozess‚ÄĮ--‚ÄČohne sie wird es keinen dauerhaften Frieden in Kolumbien geben. Deswegen muss der kolumbianische Staat dringend die politischen Grundlagen f√ľr ihre Arbeit schaffen und ihre Sicherheit gew√§hrleisten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Homepage von pbi-Deutschland

Weitere Quellen:
https://www.npla.de/poonal/wieder-bauernfuehrer-ermordet/ (deutsch)
https://www.frontlinedefenders.org/en/case/case-history-william-castillo-chima (english)
https://medium.com/@danielvoskoboy/two-weeks-of-terror-6d3cc2f7638c#.ukrd8936p (english)
http://www.gnwp.org/sites/default/files/Press%20release%20-%20HRDs%20situation%20in%20Colombia%20-%20March%2022.pdf (english)
http://www.thedawn-news.org/2016/03/09/another-social-leader-murdered-in-colombia-william-castillo-from-marcha-patriotica/ (english)
http://justiciaypazcolombia.com/IMG/pdf/comunicado_veeduri_a_marzo.pdf (spanisch)

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform f√ľr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Menschenrechtler alarmiert: Mit diesem Gesetz hebelt Putin internationale Gerichte aus

Lesenswert: