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Deutschland oder Kolumbien: Wer bekommt den Friedensnobelpreis

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MERKEL SANTOS
NurPhoto via Getty Images
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Heute wurde ich gefragt, ob ich mitkommen möchte, die staatlichen Verhandlungsführer der Friedensgespräche zwischen FARC-Guerilla und kolumbianischer Regierung am Flughafen in Bogotá zu begrüßen.

Ich habe länger darüber nachgedacht, nicht dass ich gegen die Gespräche war oder gegen das erreichte Ergebnis bin. Ich bewundere auch die großartige Arbeit und Ausdauer aller an den Verhandlungen Beteiligter.

Es ist sicherlich ein historischer Schritt und es ist ein Verdienst der Regierung Santos diese Verhandlungen zu einem erfolgreichen Ende gefĂĽhrt zu haben.

Aber irgendwie scheint mir, dass wir bei all dem Applaus die eigentlichen Helden vergessen. Die, die sich nicht erst seit vier Jahren für den Frieden einsetzen, sondern wortwörtlich ihr ganzes Leben dafür geben.

Seit Beginn der Verhandlungen wurden dutzende, wenn nicht hunderte MenschenrechtsverteidigerInnen in Kolumbien umgebracht.

Sie sind die Menschen, denen mein eigentlicher Respekt gebührt und - da bin ich sicher - die auch nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages Ende September weiterhin gewaltlos für den Frieden kämpfen werden.

Lorbeeren fĂĽr die Regierung

Trotzdem ist wohl zu erwarten, dass die internationale Ă–ffentlichkeit die Lorbeeren der Regierung Santos ĂĽberreichen wird. Welch Zufall, dass die Unterzeichnung des Friedensvertrages auch noch auf ein bis zwei Wochen vor der VerkĂĽndung der Nobelpreiskandidaten gelegt wurde.

In den kolumbianischen Medien werden Präsident Juan-Manuel Santos große Chancen auf den norwegischen Friedenspreis eingeräumt. Er wäre damit erst der zweite Kolumbianer - nach Gabriel García Márquez - der einen Nobelpreis gewinnen würde.

Ă„hnlich wie in Deutschland eine Nominierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel teilweise befĂĽrchtet, teilweise erhofft wird, sind auch in Kolumbien die Meinungen geteilt. Da die Nominierungen geheim sind, kann man bisher nicht sagen, ob und welcher der beiden Kandidaten ĂĽberhaupt vom Nobelpreiskomitee bewertet wird.

Merkel vs. Santos

Da allerdings beiden schon letztes Jahr Chancen eingeräumt wurden und Zweitkandidaturen generell aussichtsvoller sind, kann man beide als mögliche Nominierte annehmen.

Dies auch, weil weder die kolumbianischen Friedensgespräche, noch die europäische Flüchtlingspolitik an Aktualität und Brisanz verloren haben. Auf den Ausgang dieses Derby Merkel vs. Santos darf man gespannt sein.

Im vergangenen Februar wurde die Pressemitteilung bekannt, dass der norwegische Parlamentarier Heikki Eidsvoll Holmås den kolumbianischen Präsidenten Santos und den Guerillachef alias „Timochenko" sowie fünf repräsentative Opfer des Konflikts als Gruppe für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen hat. Holmås hatte bereits die Gewinner von 2015, die tunesische NGO Quartet du dialogue national, nominiert.

Die eigentlichen Helden

Doch bei beiden möglichen Nominierungen bleiben die eigentlichen Helden unbeachtet. Weder die tausenden internationalen Flüchtlingshelfer von Lesbos bis Gibraltar noch die dutzenden kolumbianischen NGOs, deren Mitglieder im Visier der Todesschwadrone stehen, werden wohl von den norwegischen Honoratioren in Erwägung gezogen.

Aber was kann man schon von einem Preis erwarten, der bereits an US-Präsidenten oder suprastaatliche Organisationen wie die Europäische Union vergeben wurde.

In ein paar Minuten landen die Verhandlungsführer also und ich bin froh, dass ich nicht hingefahren bin. Sollen andere jubeln. Für mich gibt es nur einen Gewinner, die kolumbianische Bevölkerung in den vom Konflikt betroffenen Gebieten.

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Hoffentlich wird dieser Verhandlungserfolg wirklich ein bisschen mehr Frieden fĂĽr sie bedeuten. Und ich weiĂź, wer sie weiterhin beim Aufbau einer gewaltloseren Zivilgesellschaft unterstĂĽtzen wird.

Mit oder ohne Nobelpreis, geht mein Respekt und mein Dank an alle Menschen die sich fĂĽr die Rechte Anderer einsetzen, an alle MenschenrechtsverteidigerInnen weltweit.

Die/ der GewinnerInn des Friedensnobelpreises 2016 wird am Freitag, den 7. Oktober um 11:00 vormittags in Oslo bekanntgegeben und am 10. Dezember in der norwegischen Hauptstadt vergeben.

Dieser Beitrag wurde erstmals als Blog auf 'Kolumbien verstehen' veröffentlicht.

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