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Kolumbiens emotionale Achterbahnfahrt fĂĽr den Frieden

Veröffentlicht: Aktualisiert:
COLOMBIA PEACE CRYING
LUIS ROBAYO via Getty Images
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Was für eine Woche, was für eine Achterbahnfahrt der Gefühle, ein Auf und Ab der Emotionen. Die Fahrt begann am Sonntag mit dem Plebiszit in Kolumbien. Stunden stand ich vor einem der Wahllokale, befragte und beobachtete die Menschen, die in und aus dem Palacio de San Francisco strömten.

Zwei davon werde ich nie vergessen. Lina und Ignacio. Lina kam auf ihrem Fahrrad an und fragte hektisch zwei Umstehende, ob sie schnell auf ihr Rad aufpassen könnten. Sie verschwand zitternd durch das große neoklassizistische Portal. Nur wenige Minuten später stand die junge Frau mit dem kurzen Haarschnitt und dem Basecap schon wieder draußen.

Sie weinte und schien nervös. Ich sprach sie an und fragte, ob sie eine der vielen sei, die nicht wählen dürfe, weil sie an ihrem Wohnort nicht gemeldet sei. Sie lachte und meinte: „Nein, es ist nur so bewegend, ich habe den Konflikt erlebt, wir wurden auch Opfer der Gewalt und jetzt können wir für den Frieden stimmen und ihn endlich beenden."

Urbane Säuberungsbataillone gegen die Ratten

Kurz darauf kam Ignacio stolz die Stufen des Palastes herunter. Er ging aufrecht, den Blick zielbewusst nach vorne gerichtet und mit energischen Schritten. Ein temperamentvoller Mann in seiner zweiten Lebenshälfte, der zu wissen schien, was er wolle oder eben nicht wolle. Und dies verkündete er mir auch vollmundig: „Ich habe für das „NO" gestimmt. Dieser ganze Vertrag ist ein Betrug. Santos wird das Land so den Kriminellen und dem Castrochavismus ausliefern."

Auf meine Frage, was denn seiner Meinung nach passieren würde, wenn das „SÍ" gewinnen sollte, meinte er: „Dann werden wir Säuberungsbataillone in den Städten aufstellen und die Ratten einen nach dem anderen erledigen. Wir wissen dann ja wer sie sind und dann geht das zagzag. Dann ist die ganze Show bald aus und die übrigen, die zivilen Guerilleros, werden dann schnell das Maul halten, sonst wird es ihnen nicht besser ergehen."

Wenn man denn nur Internet hätte

Die Wahllokale schlossen pünktlich um 16 Uhr und ließen niemanden mehr ein. Eine Frau aus dem Vorort Soacha - einem Viertel in dem viele Opfer des Konflikts Zuflucht gefunden haben - mit einem kleinen Jungen hämmerte noch vergeblich gegen die Pforte. Sie weinte, und erzählte mir, dass das Wahllokal kurzfristig geändert wurde, sie hätte sonst immer drei Straßen weiter oben gewählt. Der Polizist, der die Tür bewachte, kommentierte lapidar, dass die Wahllokale alle online abrufbar gewesen wären, da hätte man sich erkundigen können. Wenn man denn nur Internet hätte.

Es wurde leerer auf den Straßen, nur der Trubel auf der Septima, dem Hauptboulevard Bogotás, hielt an. In den Seitenstraßen verebbte das Leben. Am Gitter zum zentralen Versammlungsort der Friedensfeier, der Plaza de Bolívar, hörte ich zum ersten mal jemanden sagen, dass das „NO" gewonnen hätte: „Dann fällt die Party heute wohl flach". Ich ging schwindelnd weiter. Mein Handy vibrierte und viele Freunde begannen mich zu fragen, ob ich was wüsste und ob das wahr sei.

Unter dem Dekolleté flackerte das Newsbanner

An einem halbgeschlossenen Fischrestaurant hörte ich einen Fernseher summen. Ich näherte mich und ein Küchenjunge mit deutlichem Akzent der Pazifikküste sagte, ohne mit der Wimper zu zucken, „da haben die mal wieder gewonnen". Ich schüttelte den Kopf und meinte das könne nicht sein. Er zeigte nur auf den Fernseher, über den eine blonde Nachrichtensprecherin flackerte und unter deren Dekolleté das Newsbanner mit der aktuellsten Hochrechnung lief.

Später am Abend stand ich auf der Plaza de Bolívar, nur einzelne Grüppchen hatten sich eingefunden. Es wurde lebhaft diskutiert und auf beiden Seiten wurden Fahnen geschwungen. Zwischen dem allen liefen die fliegenden Händler und die Clowns, die wie sonst auch versuchten an Kunden zu kommen. Es wurden Gräueltaten aufgerechnet, „bist du ein direktes Opfer von dem Konflikt", „weißt du was es bedeutet jemanden zu verlieren, wenn sie dir jemanden wegnehmen". Auf beiden Seiten riefen viele „viva la paz" und einige wenige „viva la guerra".

Der Frieden wird abgewaschen

Noch glaubte niemand wirklich, dass es ein „NO" werden könnte, nicht mal das „No"-Lager glaubte es. „Keine Angst, euer Santos wird das schon regeln und das „No" irgendwie ins „SÍ" drehen". „Santos hat einen Fehler gemacht. Der Kolumbianer ist ein Sturkopf, wenn du dem sagst, er muss „SÍ" wählen sonst passiert was Schreckliches, dann wählt der aus Sturheit „NO" und fertig". „Euer Präsident Santos hat es in Medellín ja gesagt, dass wenn wir nicht „SÍ" stimmen, wird es einen urbanen Krieg geben. Jetzt müssen wir uns aufrüsten und gegen Santos und seine FARC kämpfen".

Eine paar Studenten malten mit Wachsfarben das Wort „Frieden" und „Stopp den Krieg" an das Denkmal des Befreiers Bolívar. Die Polizei stellte sie sofort. Mit Schmutzwasser und mit ihren Ärmeln mussten sie den Frieden abwaschen. Für mich war es etwas symbolisches zu sehen, wie die Jugend weinend den Frieden mit Dreck wegwaschen musste und das alles unter Aufsicht der Staatsgewalt.

Stumpfes KopfschĂĽtteln

Mit Wut und Frust gingen wir schlafen, nur um am nächsten Tag mit Kater in einer erneut traumatisierten Gesellschaft zu erwachen. Bis Dienstag hielt dieses stumpfe Kopfschütteln an. Am Abend verkündete dann Santos das mögliche Ende des Waffenstillstandes für Ende des Monats und die Guerilla den strategischen Rückzug „auf sichere Positionen". Alles schien wieder in Richtung Krieg zu zeigen, weil auch niemand verstand, was das „No" nun bedeuten könnte.

Doch am Mittwoch mobilisierte sich die Zivilgesellschaft. Während Santos und Uribe - der Wortführer der „NO"-Kampagne - sich im Präsidentenpalast trafen, um die Lage zu besprechen, versammelten sich einige Dutzend Friedenswillige davor, um für eine friedliche Lösung und für das erreichte Abkommen zu demonstrieren.

30.000 Menschen

Am Abend zogen ĂĽber 30.000 Menschen in weiĂź gekleidet und schweigend ĂĽber die Septima auf die Plaza de BolĂ­var und vor den Kongress. Diese schweigende Menschenmasse, die friedlich fĂĽr den Frieden demonstrierte, lieĂź viele wieder hoffen und in den kolumbianischen Willen zum Frieden glauben. Mit Inbrunst sangen sie die Nationalhymne, so wie es Uribe wahrscheinlich nach seinem Sieg beim Plebiszit getan hat.

Am Donnerstag wurde dann ein Interview bekannt, in dem der Wahlkampfmanager des „NO"-Lagers zugab, die Wähler absichtlich mit Falschinformationen gegen das Friedensabkommen manipuliert zu haben. Noch am Abend demonstrierten 15.000 Menschen in Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens und Epizentrum des „NO"-Lagers, für Frieden und gegen die Kampagne Uribes.

Die „Bombe" des Friedensnobelpreises

Nur wenige Stunden später, gegen vier Uhr morgens Ortszeit, schlug die Nachricht über den Friedensnobelpreis für Santos wie eine „Bombe" ein. Nach dem missglückten Plebiszit und der unklaren Situation, wie denn der Friedensprozess weitergehen könnte, hatte niemand mehr damit gerechnet.

Und doch hatte das Nobelpreiskomitee in Oslo die richtige Wahl getroffen. Sie unterstützt damit den politisch angeschlagenen Präsidenten und dessen Friedenswunsch. Nicht zuletzt hilft diese nochmalige internationale Aufmerksamkeit auch der aufkommenden Friedensbewegung in Kolumbien.

Die Fahrt geht hoffnungsvoller weiter

Man kann erneut eine positive und hoffnungsvolle Stimmung spüren, auch wenn der Schatten vom vergangenen Sonntag noch lange nicht verflogen ist. Am besten kann man dies auf der Plaza de Bolívar spüren. Der Hauptplatz Bogotás ist der demokratische und politische Mittelpunkt des Landes.

Er wird umrahmt von Kathedrale, Kongress, Justizpalast und dem Rathaus Bogotas, und in seiner Nähe befinden sich der Präsidentenpalast und viele Ministerien sowie die für die Unabhängigkeitsbewegung wichtige Casa del Florero. Auf ihm wird seit Tagen von morgens bis spät abends diskutiert. Einige Studenten haben eine kleine Zeltstadt aufgebaut und harren im Regen und in der Höhensonne für den Frieden aus.

Passanten bleiben stehen und es scheint, dass der positive Effekt des verlorenen Plebiszits eine Politisierung, eine Demokratisierung ausgelöst hat. Endlich sprechen die beiden Lager miteinander, und dies nicht nur auf Parteiebene, sondern auch auf der Straße. Die emotionale Achterbahnfahrt hat an Fahrt verloren, ein salto mortale für den Friedensprozess kann aber noch nicht ganz ausgeschlossen werden. Hinter der nächsten Kurve könnte erneut ein gefährlicher Looping auf Kolumbien warten, der das ganze Land aus der Bahn und in gewalttätige Tiefen stürzen könnte.

Dieser Beitrag wurde erstmals als Blog auf 'Kolumbien verstehen' veröffentlicht. Dort finden Sie auch weitere Fotos zum Text.

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