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Stell dir vor, es ist das Ende des Krieges, und keiner geht hin

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PEACE COLOMBIA
Stephan Kroener
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„Heute ist der letzte Tag des Krieges" mit diesen Worten unterzeichnete Präsident Juan Manuel Santos vergangenen Donnerstag einen beidseitigen und langfristigen Waffenstillstand mit der ältesten aktiven Guerillaorganisation der Welt, den FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia - Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens). Beobachter gehen davon aus, dass die beiden Konfliktparteien einen endgültigen Friedensvertrag in den kommenden Monaten ratifizieren und damit den über 50-jährigen Krieg beenden werden, der Kolumbien erschüttert.

Seit 1964 bekämpften sich staatliche Sicherheitsbehörden und Guerilla in einem sinnlosen und endlos erscheinenden Krieg. Zwischen den Fronten starben hunderttausende Zivilisten und Millionen Menschen wurden vertrieben. Heute teilt sich Kolumbien (ca. 6 Millionen) mit Syrien (ca. 7,5 Millionen) die ersten zwei traurigen Ränge auf der Liste der meisten Binnenflüchtlinge weltweit. Durch den ungewollten Zuzug der Flüchtlinge nahmen Armut und Kriminalität in den Städten zu, während die entvölkerten ländlichen Regionen von multinationalen Agrokonzernen und Großgrundbesitzern aufgeteilt wurden.

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© Stephan Kroener, Plaza de Bolivar. Auf dem Hauptplatz in Bogotá wurde ein Trauerflor aufgestellt und mit einer Schleife versehen, auf der #AdiósALaGuerra zu lesen war. Damit sollte symbolisch der Krieg verabschiedet werden.

Drogengeschäfte, Erpressungen und Entführungen

In dem langjährigen Guerillakrieg konnte keine der Seiten je auch nur annähernd ihre Ziele erreichen. Zwar dominierte die FARC lange Zeit einige Regionen des Landes und konnte die immer schon schwachen staatlichen Strukturen in abgelegenen Gegenden weiter schwächen, nie war sie aber einer nationalen Machtübernahme nahe. Ebenso wenig konnte die Regierung den Krieg militärisch gewinnen, da sich die FARC immer wieder in schwer zugängliche Regionen zurückzog.

Mit Drogengeschäften, Erpressungen und Entführungen finanzierte die Guerilla einen aussichtslosen Krieg, der nur noch um seiner selbst willen geführt wurde. Von einer basiskommunistischen Bauernbewegung entideologisierte sich die FARC im Laufe der Jahre aufgrund ihrer kriminellen Aktivitäten und verlor durch terroristische Bombenangriffe gegen die Zivilbewegung ihren letzten Rückhalt in der Bevölkerung.

Paramilitärs und Todesschwadrone

In einem zermürbenden Kleinkrieg, der sich zumeist weit entfernt der städtischen Zentren abspielte, bekämpfte die Regierung einen unsichtbaren Feind, der vor allem die empfindliche Infrastruktur zerstörte und damit schmerzhafte finanzielle Einbußen mit sich brachte. Die staatlichen Akteure verbündeten sich ihrerseits in vielen Fällen mit paramilitärischen und narcokriminellen Strukturen.

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© Stephan Kroener, „Jeder Krieg ist der allerletzte.'' Jean Giraudoux

Viele Militärs, Sicherheitsbehörden wie der Innlandsgeheimdienst und Politiker arbeiteten den Paramilitärs direkt zu, schauten bei Massakern weg und ließen potenzielle Sympathisanten der Guerilla in der Bevölkerung durch Todesschwadrone verschwinden oder ermorden. Die Schätzungen über die sogenannten gewaltsam Verschwundenen reichen weit auseinander, doch gehen vorsichtige Zahlen von über 36.000 aus und würden damit höher liegen als die weit bekannteren Fälle während der Militärdiktaturen in Chile und Argentinien zusammen. Aufgrund dieser Tatsachen galt Kolumbien lange als gescheiterter Staat, als failed state, als Narco- und Parademokratie.

Kein sofortiger Frieden

Es ist wichtig zu betonen, dass das Abkommen vom vergangenen Donnerstag keinen sofortigen Frieden für Kolumbien bedeutet, dafür ist der Konflikt zu komplex. Viele weitere Akteure müssen in die Verhandlungen einbezogen werden, wie beispielweise die ebenfalls linksgerichtete Guerillaorganisation ELN (Ejército de Liberación Nacional- Nationale Befreiungsarmee) und die rechtsgerichteten neoparamilitärischen Gruppen, die sich nach der Demobilisierung der AUC (Autodefensas Unidas de Colombia - Vereinigte Bürgerwehren Kolumbiens) gebildet haben.

Auch werden sich sicherlich nicht alle schätzungsweise 8.000 Guerilleros der FARC vollständig entwaffnen und ihre gewinnreichen kriminellen Aktivitäten wie Drogenhandel und illegaler Minenwirtschaft sofort beenden. Doch muss das Abkommen als Verhandlungserfolg gewertet werden und als wichtiger Schritt hin zu einem dauerhaften Frieden.

Skepsis in der Bevölkerung

Die Skepsis der Bevölkerung über diesen Erfolg konnte man am vergangenen Donnerstag deutlich auf der Straße erkennen. Die Menschen gingen weiterhin ihrer Beschäftigung nach und beachteten die über Radio und Fernsehen vollmundig verkündeten Aussagen der Verhandlungsführer in Havanna nicht mit allzu großem Interesse. In der kubanischen Hauptstadt wird seit 2012 über den Frieden verhandelt.

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© Stephan Kroener, ein Mann schwingt die kubanische Flagge, um damit der Castro-Regierung zu danken, die eine der Garantiemächte der Verhandlungen ist.

Viele trauen der Regierung nicht, die vor allem aus Eliten besteht, die oft nur ihre eigenen Interessen vertreten und in der Vergangenheit durch Korruption und Vetternwirtschaft Schlagzeilen machte. Viele frühere Friedensprozesse verliefen grandios im Sande oder können im Rückblick nur mehr als Farce bezeichnet werden.

Auf dem zentralen Platz in Bogotá versammelten sich am Abend trotzdem einige hundert Menschen, um vor allem ihren Optimismus zu feiern und positiv in die kolumbianische Zukunft zu blicken, die von den meisten internationalen Medien als erfolgsversprechend prognostiziert wird. Der Krieg wird jedoch weiterhin von marginalisierten Gruppen in den ländlichen Regionen geführt, während die Eliten in der Hauptstadt ihren Frieden feiern.

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© Stephan Kroener, „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin." Carl Sandburg

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