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FARClandia: Das surreale Disneyland der Guerilla in Kolumbien

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FARC GUERILLA
Stephan Kroener
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Nach 16 Stunden in einem durch die Klimaanlage in einen Kühltransport verwandelten Bus kamen wir endlich in San Vicente de Caguán an. Der Name lässt den meisten Kolumbianern einen Schauer über den Rücken laufen. Vor knapp 20 Jahren war der kleine Ort im südlichen Kolumbien die Hauptstadt der demilitarisierten Zone, die damals für die Friedensgespräche zwischen Guerilla und Regierung ausgerufen wurde.

Diese Gespräche scheiterten nach knapp vier Jahren, doch auch nach der Rückeroberung der Zone durch die Armee blieb Caguán Hochburg der Guerilla. Die lokale Wirtschaft soll fast vollständig in der Hand der FARC-Guerilla sein und ihren Kampf mitfinanzieren. Ob das stimmt lässt sich nicht überprüfen, doch würde diese Form in das Konzept der Guerilla passen. Einige Unternehmer gaben an, dass bis vor wenigen Jahren noch eine Art Revolutionssteuer abgegeben werden musste, diese wurde aber anscheinend in letzter Zeit nicht mehr eingefordert.

Treffen mit Kontaktperson im Hotel

Caguán unterscheidet sich aber trotz allem nicht von anderen abgelegenen kolumbianischen Kleinstädten. Man sieht die gleichen Marken und kann dieselben Waren in den Geschäften kaufen. Auffällig war höchstens, dass es relativ einfach war, genau die Dinge zu besorgen, die man für ein Leben in einem Guerillacamp benötigt. Zufall oder eine gehäufte Nachfrage kann auch hier nicht ausgeschlossen werden.

Unseren Kontakt trafen wir in einem Hotel, das vor Journalisten aus allen Nähten zu platzen schien. Der Chiva-Bus, ein umgebauter Ford-LKW aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, stand schon bereit. Die Fahrer hatten die Kühlbox mit Getränken gefüllt, tranken aber bereits die ersten Biere selber. 35 Journalisten drängelten sich jeweils zu fünft auf den gepolsterten Holzbänken.

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Die "Chiva"

„Damit wir auch alle wiederkommen"

Pünktlich fuhren wir los und Pünktlichkeit ist eine Seltenheit für den Kolumbianer. Auf Nachfrage wurde uns erklärt, dass die Guerilla darauf Wert legt und keine Verspätung duldet. Doch schon kurz vor der Stadt wurden wir aufgehalten. Ein Militärposten versperrte uns den Weg. Wir mussten absteigen und uns ausweisen, „zu unserer eigenen Sicherheit" wie uns erklärt wurde und „Damit wir auch alle wirklich wiederkommen".

Polizei und Militär habe - ebenfalls zu unserer Sicherheit - die Region abgeriegelt. Um dem ganzen ein bisschen Witz abzuringen, fragten wir die Soldaten, was sie denn davon halten, jetzt Guerilleros zu beschützen. Pflichtbewusst antwortete ein Gefreiter „Wenn so die Befehle sind, werden sie ausgeführt". Wollen wir hoffen, dass die Befehle sich nicht allzu bald wieder ändern.

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Llanos de Yarí

Guerilla und Zivilisation

Die Fahrt ging weiter und alle warteten, wann denn endlich der wirkliche Dschungel anfangen würde, aber die Weideflächen und vereinzelten Höfe wollten nicht enden. Wahrscheinlich gibt es auch hier keinen Ort mehr, an den die sogenannte „Zivilisation" nicht längst gelangt wäre. Emblematisch ist der Fall hier, da die Straße von der Guerilla gebaut worden sein soll und nicht vom Staat, der doch eigentlich die Zivilisation bringen sollte. Dies erklärt auch den Zusammenhalt der örtlichen Bevölkerung mit der Guerilla, auf die man eher vertraut als auf einen nicht vorhandenen Staat weit weg in Bogotá.

Die angepeilten fünf bis sechs Stunden wurden mal wieder zu sieben bis acht Stunden und wir erreichten den Treffpunkt irgendwo in den Sabanas de Yarí erst bei Dunkelheit. Die ersten Posten der Guerilla hatten wir schon ein, zwei Stunden zuvor als Schatten in der Nacht kennengelernt.

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Eröffnungskonzert der 10. FARC-Konferenz

Ein surreales Disneyland der FARC

Der Ort an sich besteht aus mehreren Teilen, die extra für dieses Event gebaut wurden. Ein riesiges Pressezelt mit angeschlossener Cafeteria und Campingzone bildet den zentralen Arbeitsmittelpunkt der Journalisten. Um das einzige Haus, das wohl schon vorher hier gestanden hat, gibt es mehrere kleinere Zelte in denen von Fastfood über Alkohol bis hin zu Klamotten und Souvenirs alles verkauft wird. Eine meterhohe Antenne ragt in den Nachthimmel und eine eigene Tankstelle einer kolumbianischen Gesellschaft, die weiß Gott wie hier hin gekommen sein mag, vervollständigen das Angebot.

Weiter in der Ebene scheinen die weißen Dächer der Zeltstadt für das Zentralkomitee der Guerilla. Hier schlafen die Macher des Friedensprozesses mit allem Komfort. Aber die größte Attraktion dieses surrealen Disneylands mitten im Dschungel ist sicherlich die gigantische Bühne mit riesigen Leinwänden und einer Lichtshow, die auch für die Rolling Stones geeignet wäre. Vor dieser Bühne standen bereits einige hundert Zuschauer, die einer bekannten kolumbianischen Rockband zujubelten. FARClandia könnte man dieses Event nennen, mit dem sich die Guerilla einerseits versucht medial in ein besseres Licht zu stellen und andererseits ihre eigenen Leute für den Frieden zu gewinnen.

Strafen auch für Journalisten

Nach der staubigen und durchgerüttelten Fahrt tranken wir das erste kalte Bier und ließen das Szenario auf uns wirken. Neben uns tanzten die blonden Kollegen von Reuters und wurden von den Guerilleros und Guerilleras bewundert. Einer der Journalisten, der anscheinend zu tief ins Glas geschaut hatte, begann die Umstehenden mit Bier zu begießen. Schnell gab es Streit und die übliche Gruppenbildung. Hinter mir fragte mich jemand was los sei und stellte sich zögerlich als „Sicherheitsmann" der Guerilla vor.

Er erklärte mir, dass auch für Ausländer hier Regeln gelten und dass es Strafen für ein inakzeptables Verhalten gäbe. Auf die Frage welche, meinte er nur „ausnüchtern und gemeinnützige Arbeit wie Latrinenputzen und Müllaufsammeln, dieselben Strafen wie für Guerilleros und Campesinos". Zum Glück beruhigte sich der Reutersmann schnell wieder und verzog sich in sein Zelt.

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Im Camp des Frente 15; Guerillero in "cambuche"

Das Leben im Camp

Wir wurden in ein etwas abgelegeneres Camp begleitet und bekamen sogenannte cambuches zugewiesen, das sind überdachte Schlafstätten, etwas komfortabler als die der eigentlichen Guerilla, mit Schaumstoffmatratze und Moskitonetz. Wie im Hotel lag schon ein neues Bettzeug bereit, es fehlte nur noch die Schokolade auf dem Kopfkissen. Unser Guerilla-Hilton war Vollpension, so aßen wir dreimal täglich mit den Guerilleros die teilweise direkt neben uns schliefen.

Auffallend ordentlich geht es in dem Camp zu, das vom Frente 15 des Bloque Sur (z.dt. 15 Front des Südlichen Blocks) organisiert wurde. Knapp 50 Guerilleros sorgen für die bis zu 250 Journalisten allein in diesem Camp. Weiter unten am Fluss gibt es ein weiteres etwas größeres Camp des Bloque Oriental. Insgesamt sollen sich um die 200 Guerilleros und zwischen 900 bis 1.000 Journalisten in Camp befinden.

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Bad mit Guerilleros

Geduscht wird sich gemeinschaftlich in einem umgeleiteten Bach. Wir waren überrascht über den Luxus und auch von dem guten Essen. Die Guerilleros empfingen uns äußerst freundlich und zuvorkommend. Wir konnten mit allen reden und auch wenn wir sicherlich viel eingeübten Diskurs hörten, konnten wir uns doch ein gutes Bild machen.

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Guerillera beim "rancheando" (Kochdienst)

Optimismus im Friedensprozess

Man spürt den Optimismus unter den Guerilleros. Die Mehrheit von ihnen sieht den Friedensprozess positiv und fühlt sich von ihren Führern gut vertreten. Die größte Gefahr geht für sie dabei aber vom Paramilitarismus aus, der Kolumbiens Staat tief durchdrungen hat. Ein Punkt, der deswegen gerade aufkommt, ist, dass die Guerilleros zusammenbleiben wollen. Für sie bedeutet das Abgeben der Waffen nicht eine vollständige Demobilisierung, sondern eine Änderung in der Form des Kampfes.

Sie wollen versuchen ihre Ziele nun auf politische Weise zu erreichen. Sie geben weder ihre Ideologie noch ihre Art zu leben auf. Sie wollen die Gemeinschaft, die sie in dem über 50-jährigen Konflikt geformt haben, beibehalten und sich in Gruppen, ähnlich den Frentes (militärischer Kampfverband etwa 50 Gueriller@s stark), in verschiedenen Orten Kolumbiens ansiedeln und eine sozialistische Gegenform zum Kapitalismus bilden.

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Konzert mit UP-Flagge (Unión Patriótica)

Eine kolumbianische Utopie

Dies schließt gemeinsame Arbeit und die Organisation der Investitionen in ihrer Region ein. Ob die Utopie eines Gegenmodells zum Kapitalismus aber wirklich Bestand haben kann und wie diese neue Lebensweise von der restlichen kolumbianischen Bevölkerung aufgenommen wird, bleibt abzuwarten. Es kann aber helfen die unbewaffnete Guerilla vor den Angriffen des Paramilitarismus zu schützen.

Im Camp selbst kann man diese Utopie live erleben. Die Guerilla formt eine Art Familie, die zwar strikt organisiert und auf Befehlsbasis funktioniert, die aber gleichzeitig eine enorme Solidarität ausstrahlt. Die Offenheit die uns dabei gezeigt wird, konterkariert mit den Nachrichten aus der Hauptstadtpresse Kolumbiens, die die Guerilla allzu lange als blutrünstiges Monster dargestellt hat. Wenn dies alles nur Show ist, so ist sie perfekt einstudiert und all meine Menschenkenntnis nur ein blinder Fleck.

2016-09-25-1474845383-2165506-160919ConferenciadelasFARCenCaqueta045.JPG Guerilleros beim Aufzeichnen eines Konzertes. Die Gummistiefel sind Teil der Uniform.

Dieser Beitrag wurde erstmals als Blog auf 'Kolumbien verstehen' veröffentlicht.

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