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Brexit, AfD und Genderwahnsinn: Kolumbiens Generationenkonflikt

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COLOMBIA LGBTI
Stephan Kroener
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Heute stimmt Kolumbien ├╝ber Krieg oder Frieden ab. Nach ├╝ber 52 Jahren bewaffnetem Konflikt hat die Regierung Santos und die Guerilla der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) ein Friedensabkommen ausgehandelt, ├╝ber das die Kolumbianer an diesem Sonntag abstimmen. Seit knapp sechs Wochen wird in der Presse, in den sozialen Medien und auf der Stra├če heftig und polemisch ├╝ber das ÔÇ×S├ş" oder ÔÇ×No" zu diesem Vertrag gestritten.

├ähnlich wie beim Brexit sehen die letzten Meinungsumfragen eine klare Mehrheit f├╝r das ÔÇ×S├ş"-Lager. Allerdings k├Ânnte wie in Gro├čbritannien gerade diese klare Mehrheit dem ÔÇ×No" nutzen. Viele meinen, dass die Wahl schon entschieden sei und man gar nicht mehr sein Kreuz machen m├╝sse, die anderen werden es schon richten. Viele haben auch gar nicht die M├Âglichkeit zu w├Ąhlen, da man daf├╝r in die Stadt reisen muss, in der man registriert ist.

Die Jungen zahlen den Blutzoll

Vor allem viele junge Leute, die aufgrund von Studium und Jobsuche nicht an ihrem Wohnort registriert sind und viele Opfer des Konflikts, die aufgrund von Flucht und Vertreibung an einem anderen Ort leben, werden dadurch ausgeschlossen. Von den bis zu 7 Millionen Kolumbianern im Ausland werden 5 Millionen nicht w├Ąhlen k├Ânnen. Die traurige traditionelle Wahlenthaltung wird sich dadurch noch einmal drastisch steigern. Man kann nur hoffen, dass nicht schon wieder die Alten die Zukunft der Jungen bestimmen werden, gerade auch, weil diese Jungen den Blutzoll in diesem Krieg bezahlen.

Das Abkommen, dass Santos und der Guerillachef Timochenko im August der ├ľffentlichkeit vorgestellt haben, ist bei weitem nicht perfekt, aber besser als ein perfekter Krieg ist es allemal. So wird den FARC als politische Partei auf Jahre hin ohne demokratische Legitimierung 10 Sitze im Parlament zugesichert. Au├čerdem soll jeder Guerillero eine Einmalzahlung und monatliche Hilfen zur Wiedereingliederung erhalten.

Armut und Wut im Bauch

In einem Land, in dem weite Teile der Bev├Âlkerung in Armut leben, ist ein solcher Deal f├╝r viele marginalisierte Gruppen und Menschen die am Existenzminimum ums ├ťberleben k├Ąmpfen nicht akzeptabel. Warum sollte ein Guerillero der doch vor kurzem noch vom Staat als Krimineller und Terrorist gebrandmarkt wurde, nun vom selben Staat eine finanzielle Hilfe bekommen, die anderen rechtschaffenden B├╝rgern verwehrt bleibt.

Doch das was die Kolumbianer am meisten verst├Ârt, ist die Abmachung ├╝ber die juristische Aufarbeitung der Verbrechen der Guerilla. Keinem Guerillero droht Gef├Ąngnis solange er seine Taten zugibt und die Opfer Wiedergutmachung erfahren. Dass dabei die Gerechtigkeit gegen├╝ber der Amnestiegesetzgebung zur├╝ckstecken muss, wurde von Pr├Ąsident Santos als die Kr├Âte bezeichnet, die das Land schlucken m├╝sse.

Die Kr├Âte in der Kriegsmaschinerie

Ob es eine Kr├Âte ist oder nicht, jeder Friedensvertrag geht mit einer Amnestie anbei. Die Guerilla h├Ątte wohl nie verhandelt, wenn am Ende Gef├Ąngnis f├╝r sie rausspringen w├╝rde. Die Guerilleros m├╝ssen wiedereingegliedert werden, niemandem hilft es, wenn sie ihre Taten verschweigen und im Gef├Ąngnis verrotten. In diesem Krieg sind von allen Seiten unglaubliche Verbrechen begangen worden.

Die Aufarbeitung dieser Geschichte wird noch Generationen besch├Ąftigen. Den Opfern ist dabei oft die Wahrheit ├╝ber das Schicksal ihrer Lieben und die R├╝ckgabe der sterblichen ├ťberreste wichtiger, als ein weiterer Guerillero im Gef├Ąngnis, der ja doch nur ein kleines Rad im m├Ąchtigen Getriebe der Kriegsmaschinerie war.

Soziale Medien im F├╝r und Wider

Ein erster Schritt dieser Aufarbeitung ist das heutige Plebiszit. Noch nie wurde so viel ├╝ber eine Wahl diskutiert wie in den letzten Wochen. An jeder Ecke h├Ąngen Wahlplakate, Sportler und K├╝nstler sprechen sich f├╝r das ÔÇ×S├ş" aus, in Shoppingmalls und auf ├Âffentlichen Veranstaltungen gibt es Diskussionsrunden. Der Fahrdienst Uber chauffiert W├Ąhler kostenlos zu ihren Wahllokalen.
Doch ├Ąhnlich wie in Deutschland wird die Stimmungsmache vor allem in den sozialen Medien betrieben.

Der bekannteste Wortf├╝hrer des ÔÇ×No"-Lager ist Ex-Pr├Ąsident Alvaro Uribe, unter dessen Regierung Santos Verteidigungsminister war. Seiner Meinung nach liefert sein Ex-Z├Âgling das Land den FARC aus. Uribe steht f├╝r die harte Hand gegen die FARC, unter seiner F├╝hrung - und der Santos - bek├Ąmpfte die Armee die Guerilla rigoros und schreckte auch nicht vor Menschenrechtsverbrechen und der Zusammenarbeit mit Paramilit├Ąrs zur├╝ck, die f├╝r 80% aller Massaker im Land verantwortlich sind.

Religi├Âse Fanatiker und kreolische Neonazis

Heute verb├╝ndet sich Uribe mit der extremen Rechten, mit kreolischen Neonazis genauso wie mit religi├Âsen Fanatikern. Wenn man sich die Demonstrationen seines Centro Democr├ítico ansieht, f├Ąllt der Vergleich zu AfD und Pegida leicht. Urbane Wutb├╝rger vereinen sich mit radikalen Kr├Ąften und pl├Âtzlich steht eine ├Ąltere Dame neben dem Skinhead-Nazi und br├╝llt dieselben d├Ąmlichen Parolen. In Deutschland haben sie Angst vor der Islamisierung, in Kolumbien vor dem Castro-Chavismus.

Und trotzdem steht eine breite oft schweigende Basis der Bev├Âlkerung hinter ihm. Vor allem die st├Ądtische Mittel- und Oberschicht steht dem Friedensabkommen kritisch gegen├╝ber. Die meisten von ihnen kennen den Krieg nur aus den Medien, da der Konflikt haupts├Ąchlich in den l├Ąndlichen Regionen ausgetragen wird. Viele bef├╝rchten deshalb, dass wenn das ÔÇ×No"-Lager die Wahl gewinnt, die FARC sie daf├╝r b├╝├čen lassen und den Krieg mit Terroranschl├Ągen in die St├Ądte tragen wird.

Der Genderwahnsinn im Regen

Ein weiterer m├Ąchtiger Gegner des Abkommens sind die evangelikalen Kirchen. Sie geh├Âren den puritanischen Ausrichtungen der US-amerikanischen Religionsgemeinschaften an und st├Âren sich vor allem an der Aussage, dass der Vertrag die Gendergleichstellung bef├╝rwortet. Dies wird in dem Abkommen zwar nur an einer Stelle explizit ge├Ąu├čert mit den Worten, dass der Frieden Aufgabe und Recht aller Kolumbianer egal welchen Geschlechts oder sexuellen Orientierung, Rasse oder Ethnie sie sind. Doch dies reicht den ÔÇ×Kirchen" gegen den vermeintlichen ÔÇ×Genderwahnsinn" zu protestieren.

Seit einigen Stunden sind nun die Wahllokale ge├Âffnet, doch in der Hauptstadt Bogot├í und in weiten Teilen des Landes regnet es in Str├Âmen. Ein grauer Wahltag k├Ânnte die Prognosen verd├╝stern und f├╝r Kolumbien weitere Jahrzehnte der Unsicherheit und des Krieges bringen. Wir k├Ânnen nur hoffen, dass die Kolumbianer heute ihre Sonntagsdepression sein lassen und ihre Stimme f├╝r ein friedlicheres Kolumbien abgeben. Vielleicht wird dieser Tag der Lichtblick in Kolumbiens Geschichte.

Dieser Beitrag wurde erstmals als Blog auf 'Kolumbien verstehen' ver├Âffentlicht.

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