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Anschlag in Nizza: Vom Loser zum Märtyrer

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NIZZA POLICE
ANNE-CHRISTINE POUJOULAT via Getty Images
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Es war leider nur eine Frage der Zeit: erneut ist ein Anschlag nach der Formel „mittelgroßes Ziel plus medienwirksame Symbolkraft" geschehen. Unter Aufbietung aller Kräfte hat Frankreich die EM sicher durchgehalten, doch jetzt zeigt sich, dass der Terror deshalb keineswegs am Ende ist.

Es sind gerade diese mittleren Ziele - ein regionales Volksfest, ein öffentliches Feuerwerk von vielen an einem nationalen Feiertag oder ein Schwulenclub in einer mittelgroßen Stadt wie Orlando - und nicht die Top-Ziele wie Eiffelturm und Champs-Élysées, die für Einzeltäter interessant sind: Ziele, die zu klein sind, um massiven bewaffneten Schutz zu erhalten, und doch groß genug, um mit einem Motto, einem Label oder einem Milieu in Verbindung gebracht zu werden.

Es überrascht nicht, dass es eine Stadt wie Nizza trifft

Dort lassen sich die Sicherheitskräfte noch überrumpeln, während einer oder auch eine Handvoll Täter an den weltbekannten Hot Spots kaum eine Chance hätten. Aus der perfiden Sicht der Terroristen gilt: warum mit dem Unerreichbaren abmühen, wenn man auch an deutlich weniger gut geschützten Zielen sehr großen Schaden anrichten und maximale Medienaufmerksamkeit erreichen kann?

Schaut man sich die ersten Videos vom Tatgeschehen an, so fällt auf, wie unbehelligt der Täter mit seinem LKW losschlagen konnte. Unabhängig von einer Detailanalyse wird so oder so deutlich: wir alle müssen neu denken.

Da Einzeltäter im Vorfeld einer Tat nur sehr schwer auszumachen sind,
sollte es beispielsweise viel stärker als bisher darum gehen, die Aufmerksamkeit auf potentielle (und bisher vernachlässigte) Ziele zu richten.

Zwar müssen auch weiterhin Verfahren verbessert und neu entwickelt werden, um die „Lone Wolves", die einsamen, selbst radikalisierten und deshalb besonders gefährlichen Einzeltäter aufzuspüren. Doch es muß auch um mehr Schutz in der Breite gehen. Europa wird sich, so die Vermutung, zumindest punktuell israelischen Verhältnissen annähern.

Wir müssen unsere Sicherheit neu überdenken

Schon heute stehen beispielsweise in Berlin nicht nur Polizisten, sondern zusätzlich private Sicherheitskräfte vor Synagogen, jüdischen Restaurants und Kindergärten. Eine Ausweitung dieser Schutzmaßnahmen wird sich angesichts der bisherigen Taten kaum vermeiden lassen.
Insgesamt muss stets zweigleisig gearbeitet werden: da, wo man noch Dinge verändern kann, muss man aktiv werden und so lange und intensiv wie möglich bleiben.

Deradikalisierungsprogramme, Street Worker, Jugendarbeit: diese wichtigen Menschen und Institutionen bedürfen der langfristigen Unterstützung durch Politik und Gesellschaft, sie sind Vorbild für uns, denn sie schützen, verbessern und - ganz wichtig! - leben Demokratie und Menschenrechte.

Dort, wo alles längst ausdiskutiert ist, hilft jedoch nur eine robuste Vorgehensweise: mit IS-Kämpfern, mit Killern, die hilflosen Gefangenen den Kopf abschneiden, diskutiert man nicht, man bekämpft sie.

Für die, die sich auf die letzte Reise ins herbeihalluzinierte „Märtyrertum" begeben haben, kann nur der Satz des ehemaligen Bundesinnenministers Otto Schily gelten: „Die Terroristen sollten aber wissen: Wenn ihr den Tod so liebt, dann könnt ihr ihn haben."

Dr. Stephan G. Humer, Vorsitzender des Netzwerks Terrorismusforschung e. V. und Sicherheitsforscher an der Hochschule Fresenius in Berlin.

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