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Berufsbildung liefert viele Antworten auf die Herausforderungen des Arbeitsmarkts

26/11/2017 16:00 CET | Aktualisiert 26/11/2017 16:00 CET
monkeybusinessimages via Getty Images

Was würden Sie dazu sagen, dass ein ehemaliger technischer Auszubildender mittlerweile Vorstandsmitglied eines Fortune-500-Unternehmens ist? Und wie steht es mit den Tausenden ehemaligen Auszubildenden, die kleine und mittelständische Unternehmen leiten und oftmals auch besitzen, die das Rückgrat vieler Volkswirtschaften darstellen?

Leider stoße ich häufig noch immer auf Skepsis, wenn ich die Vorzüge von Berufslehren und Berufsvorbereitungsprogrammen preise. Dies ist zum Teil sicherlich auf strukturelle Faktoren zurückzuführen. Wer in Finnland aufwächst, hat eine 71%ige Chance, von Berufsbildung zu profitieren. Auf Zypern hingegen bietet sich diese Möglichkeit lediglich 16 % der jungen Menschen.

Dieses Missverhältnis ist zum Teil auf unterschiedliche kulturelle Gegebenheiten und Denkweisen zurückzuführen. Noch heute gibt es in der Europäischen Union regional starke Unterschiede in der Einstellung zur Berufsbildung.

Hohe Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen

Laut einer Studie des Europäischen Zentrums für die Förderung der Berufsbildung bewerten Befragte in Malta, Finnland, der Tschechischen Republik, Großbritannien und Italien das Prestige und Ansehen solcher Modelle in der Regel sehr positiv. In Frankreich, Ungarn, Belgien und den Niederlanden fallen die Reaktionen hingegen wesentlich negativer aus.

Dies ist in mehrfacher Hinsicht besorgniserregend. Während sich die Volkswirtschaften in der EU wieder weitgehend im Wachstum befinden, bietet die Arbeitslosigkeit - insbesondere bei jungen Menschen - in vielen Mitgliedsstaaten noch immer Anlass zur Sorge.

Obwohl es Belege dafür gibt, dass Berufsbildung die Chancen junger Menschen verbessert, sind sich zu wenige dessen bewusst. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass ein früher Kontakt mit der Arbeitswelt in einem sich rasch verändernden Arbeitsumfeld mit zunehmendem Fachkräftemangel und einer aufstrebenden Gig Economy immer wichtiger wird.

Wie lassen sich die unterschiedlichen Ansichten der Europäer erklären? Sicherlich spielen die Erwartungen eine Rolle. Berufslehren - sei es nun in größeren Unternehmen oder in Familienbetrieben - waren früher die Regel. Ein Paradebeispiel in Europa sind das Handwerk und die Gilden, in denen das Know-how in Ergänzung zum Schulwissen direkt am Arbeitsplatz an Berufsanfänger weitergegeben wurde.

Im deutschsprachigen Europa hat diese Tradition überlebt. Berufslehren und Programme, bei denen das Lernen im Klassenzimmer mit einer praktischen Ausbildung verknüpft wird, genießen noch immer ein recht hohes Ansehen.

In der Schweiz wählen Absolventen eines akademischen Studiums nach herkömmlicher Ansicht den "einfacheren" Weg, während Auszubildende wirklich etwas leisten. Anderswo ist das Ansehen der Auszubildenden aufgrund der vermeintlichen Überlegenheit einer akademischer ausgerichteten Universitätsausbildung allerdings gesunken. Von einigen jungen Menschen hört man sogar, ein Bachelor-Abschluss reiche nicht mehr aus, weil für einen guten Job neuerdings mindestens ein Master-Abschluss erforderlich sei.

Hinter dem Ruf nach stärkerer Akademisierung verbergen sich ehrenhafte Absichten. Durch den Kampf gegen die Ungleichheit hat sich der Zugang zu tertiärer Bildung weltweit enorm verbessert. Das ist auch absolut wünschenswert.

Allerdings hat diese Entwicklung auch einen ungesunden Nebeneffekt mit sich gebracht: Legionen junger Menschen mit einem hohen akademischen Bildungsniveau stehen ohne Arbeit da. Gleichzeitig haben die Unternehmen begonnen, die Alarmglocken zu läuten, weil sie immer weniger junge Menschen finden, die bereit sind, eine praktische Ausbildung zu absolvieren.

Kinder werden in Karrieren gedrängt

Oftmals haben daran auch Eltern einen großen Anteil, die nur das Beste für ihre Kinder wollen. Bei diesem Drängen der Kinder in eine akademische Laufbahn werden nämlich häufig auch Kompetenzen vernachlässigt, die in der realen Arbeitswelt am besten gefördert werden könnten, sei es nun in Handel und Gewerbe (als Floristen, Bäcker oder Verkaufspersonal), im Dienstleistungssektor (als Bank- oder Versicherungskaufleute oder im öffentlichen Dienst) oder in der Produktion.

Berufslehren sind keinesfalls ein veraltetes Konzept, sondern bieten vielmehr eine zukunftsträchtige Lösung, die den Erfordernissen des Arbeitsmarktes gerecht wird. Sie rüsten junge Menschen mit topaktuellen Kompetenzen aus, formen ihren Charakter und sind vor allem - und das ist in der heutigen Zeit entscheidend - dank der intuitiven digitalen Kompetenz der Jugendlichen ein Nährboden für Innovation.

Im Rahmen einer Berufsausbildung lernen junge Menschen bereits früh, Verantwortung zu übernehmen. Sie erkennen, wie wichtig Teamwork ist, und bekommen den hohen Wert von Respekt vermittelt - sowohl in Bezug auf die Einhaltung der Arbeitsschutzbestimmungen als auch gegenüber Kollegen und Vorgesetzten.

Darüber hinaus werden diese jungen Menschen zu einem wichtigen Bestandteil der Produktions- und Produktivitätskette eines Landes. Sie beziehen ein Arbeitsentgelt und konsumieren, zahlen Steuern und bauen sich ein Vorsorgeportfolio auf.

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Die Vorzüge solcher Programme gehen weit über die Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit des Einzelnen hinaus. Arbeitgeber gewinnen dadurch Talente und Mitarbeiter, die bereits von Erfahrung auf dem Arbeitsmarkt profitieren konnten.

Der Anstieg der Einschreibungen an den Universitäten mag zwar löblich sein, ebenso löblich sind jedoch die Senkung der Arbeitslosenraten und eine höhere Zufriedenheit des Einzelnen. Dieser Aspekt spielt beim Eintritt neuer Generationen in die Arbeitswelt eine immer größere Rolle.

Glücklicherweise schwingt das Pendel mittlerweile auch wieder in die andere Richtung. Politische Entscheidungsträger auf nationaler und EU-Ebene haben begonnen, die Vorzüge der Berufsbildung zu erkennen, insbesondere vor dem Hintergrund der hohen Arbeitslosenzahlen der letzten Jahre. Berufslehren mögen noch nicht überall als „cool" gelten, doch sie sind definitiv im Aufwind.

Im November, wird sich die gesamte Aufmerksamkeit auf die European Vocational Skills Week (Europäische Woche der Berufsbildung) richten, eine Initiative, die den Status und die Attraktivität der beruflichen Bildung steigern und ihre Qualität und Exzellenz in den Mittelpunkt rücken soll. Als Botschafter für diese EU-Woche übermittle ich diese Botschaft wann und wo immer ich kann. Schließlich war ich selbst auch einmal Auszubildender.

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