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New Afrika: Vernetzung statt Isolation - Silicon Savannah Learning Journey

25/11/2017 17:35 CET | Aktualisiert 25/11/2017 17:36 CET
SOPA Images via Getty Images

Im Mai dieses Jahres habe ich Hans Stoisser in Wien kennengelernt. Auf dem Corporate Culture Jam hielt er einen Vortrag über seine umfangreichen Erfahrungen in Kenia, speziell dem Silicon Savannah in Nairobi.

Seine Eindrücke und Ideen zu Afrika unterscheiden sich von vielen Afrika-Klischees, die noch immer in den Köpfen vieler Europäer vorherrschen - und die man oft nur als rückwärtsgewandt bezeichnen kann.

Denn Afrika ist ein Boom-Kontinent, auf dem zahlreiche Innovationen entstehen. Davon können wir aus der alten Welt noch einiges lernen - z.B. auf der Silicon Savannah Learning Journey, die Hans Stoisser zusammen mit der Strathmore Business School im Januar 2018 veranstaltet.

Ich bin (in meiner neuen Rolle ab 2018) mit Kienbaum ein Partner der Journey und freue mich sehr gemeinsam mit einer spannenden Gruppe von Netzwerkpartnern und Kunden in dieses Lernerlebnis einzutauchen.

Afrika ist viel mehr als ein Krisenkontinent

Hans, Du beschäftigst Dich seit vielen Jahren mit dem afrikanischen Kontinent. Was fasziniert Dich daran?

Ja, seit über 30 Jahren komme ich in meiner Arbeit immer wieder mit afrikanischen Ländern in Berührung.

Zunächst habe ich in den 1980ern im Rahmen des Aufbaus einer Städtepartnerschaft drei Jahre lang in einer westafrikanischen Kleinstadt gelebt. Dort habe ich Handwerksbetriebe aufgebaut und zusammen mit der Gemeinde erfolgreich Stadtsanierungsprojekte geleitet. Bei einem Besuch dort im letzten Sommer konnte ich auch jetzt, 30 Jahre später, noch einiges davon wieder entdecken.

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Bild: © Hans Stoisser

In den 1990er Jahren habe ich dann zusammen mit einem Architekten das Unternehmen ECOTEC gegründet. Wir dachten uns damals, was NGOs können, können wir besser. Viele Jahre lang haben wir Aufträge zum Aufbau von Infrastrukturen in afrikanischen Ländern, z.B. in Mosambik, Kap Verde, Uganda, Simbabwe oder auch Südafrika erfolgreich umgesetzt. Dann haben wir auch Wirtschaftsmissionen nach Kenia, Tansania, Äthiopien, Uganda, Angola und Mosambik organisiert.

Bei meiner Arbeit habe ich immer wieder festgestellt, dass wirtschaftliche Entwicklung fast nie am Geld scheitert. Fast immer fehlt es an sinnvollen und erfolgsversprechenden Projekten - und vor allem Umsetzungskapazität.

Damit waren wir beim Thema „Management" angelangt. In den 2000ern haben wir Managementberatung und -ausbildungen in Südafrika, Simbabwe, Namibia und Mosambik für den lokalen Markt angeboten. Das war eine großartige Möglichkeit die lokale Wirtschaft und vor allem die rasanten Veränderungen dort kennen zu lernen.

Du hast das Buch „Der schwarze Tiger - was wir von Afrika lernen können" geschrieben. Worum geht es dabei?

Über hundert Mal bin ich aus einem afrikanischen Land nach Österreich oder Deutschland zurückgekommen. Wenn ich dann über meine Reisen erzählen wollte, haben mir die meisten Leute ab dem Zeitpunkt nicht mehr richtig zugehört, zu dem ich das Wort „Afrika" in den Mund genommen hatte.

Denn bei „Afrika" lief in den Köpfen meiner Gesprächspartner ein anderer Film ab: Ein Film über Armut, Kriege, Angst und Naturkatastrophen. Das war aber nie das, was ich erlebt hatte.

In meinem Buch will mit dem Bild des Krisenkontinents aufräumen. Einerseits versuche zu zeigen, wie normal der Alltag in Afrika und seinen Städten ist. Klingt erstmal nicht sonderlich spannend oder exotisch, ich weiß.

Doch nur so lassen sich Klischeevorstellungen relativieren. Andererseits zeige ich auch die großen und spannenden Veränderungen auf, die dazu geführt haben, dass die afrikanischen Länder jetzt Teil der Weltgesellschaft sind und eine stark wachsende Mittelschicht entstanden ist.

Übrigens sind genau diese Menschen unsere natürlichen Partner am Nachbarkontinent, mit ihnen müssen wir zusammenarbeiten.

Welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen beobachtest Du in Afrika?

Afrika ist natürlich nicht gleich Afrika. Aber es gibt eine große Gemeinsamkeit. Genauso wie der Globalisierungsschub der letzten Jahrzehnte und die digitale Transformation bei uns vieles verändert haben, haben diese beiden Treiber auch Afrika verändert. Und zwar alle 54 Länder!

Die Transformation in den afrikanischen Ländern ist aber eine noch viel größere als bei uns. Denn über Jahrtausende waren afrikanische Gesellschaften sowohl voneinander als auch nach außen isoliert. Das hat sich schon allein aus der Weite des Kontinents ergeben.

Heute aber ist die große Gemeinsamkeit der afrikanischen Länder ihr Einloggen und Andocken an die vernetzte globale Gesellschaft. Eine Zeitenwende: Vernetzung statt Isolation, das ist die neue Realität.

Du arbeitest mit der Strathmore Business School zusammen. Wie sieht Dein persönliches Wirken in Nairobi aus?

Strathmore ist die renommierteste Business School in Ostafrika. Sie hält auch mit den Spitzenunis in Südafrika oder Europa mit. Sie ist unser Partner für Seminare und für die geplante „Learning Journey" im Januar 2018 (Mehr über das grundsätzliche Konzept einer Learning Journey lesen Sie unter Learning Journey:

Eine Reise zur innovativen Weiterbildung), die wir für europäische Unternehmer, Managerinnen und sonstige Interessierte organisieren. Dort zeigen wir das andere Afrika, das „digitale Afrika" mit all seinen kreativen Innovationen.

Die TeilnehmerInnen der Journey muss ich auch gleich warnen: Die Veranstaltungen finden in moderner Infrastruktur statt, die sich nicht von guten westlichen Einrichtungen unterscheidet. Die Exotik ergibt sich höchstens aus der Freundlichkeit der Menschen und dem Gefühl, dass im „Hinterland" teilweise doch noch die Vormoderne herrscht.

Mein Wirken in Nairobi ist ein höchst profanes: Recherchieren, Menschen treffen, interessante Unternehmen besuchen, und leider auch viel Zeit in Verkehrsstaus verbringen. Denn die Organisation des innerstädtischen Verkehrs ist für Nairobi und wahrscheinlich alle anderen 50 oder mehr afrikanischen Millionenstädte eine der größten Herausforderungen.

Übrigens, seit etwa zwei Jahren ist in Nairobi Uber das perfekte Mobilitätsangebot für Besucher. Jederzeit und überall verfügbar, sicher, schnell und billig. Und mittlerweile gibt es auch schon zwei weitere digitale Vermittlungsplattformen, die bald auch die kritische Größe erreicht haben werden, um als umfassende Mobilitätsanbieter der Stadt zu dienen.

Innovationen ohne Altlasten

In einem Vortrag hast Du mal erwähnt, Afrika sei der erste „mobile only" Kontinent. Was tut sich in der afrikanischen Startup-Szene?

Ja, der Masseninternetzugang erfolgt gleich über Mobiltelefon. Eine Riesenchance. Denn viele Anwendungen werden sozusagen auf der „grünen Wiese" geschaffen. Ohne „Legacy Technologien" und ohne „Legacy Organisationen". Das lässt andere Lösungen entstehen. Lösungen, die nicht Rücksicht auf bestehende Besitzstände nehmen müssen.

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Die Zukunft kommt auch in den hintersten Winkel. (Bild: © Mobisol)

„Mobile Money" und „Mobile Banks" sind ja die bekanntesten Innovationen, die die Welt verändert haben. Heute eine Basistechnologie für viele weitere Entwicklungen, sind sie eigentlich langsam entstanden. Zunächst wurde Anfang der 2000er Jahre die Mobiltelefonie bis in die letzten Winkel der Länder ausgerollt und hat damit innerhalb weniger Jahre für hunderte Millionen Menschen einen Zugang zu Kommunikation geschaffen. Dabei wurde die Möglichkeit, bei Wertkartentelefonen Guthaben von einem Mobiltelefon zu einem anderen zu übertragen, plötzlich massenweise genutzt.

Das wurde dann in Kenia zu allererst formalisiert. 2007 ist so M-Pesa entstanden, die erste Bank eines Telekomunternehmens. Heute hat M-Pesa 30 Millionen Kunden. Allein in Ostafrika gibt es über 20 solcher mobilen Banken. Die Telefonnummer wurde zur Kontonummer, eine genial einfache Idee. Innerhalb weniger Jahre haben durch die Mobiltelefonie so wiederum hunderte Millionen Menschen einen Zugang zur Geldwirtschaft bekommen.

Heute tummeln sich in Nairobi, Kigali, Accra, Lagos und Johannesburg hunderte Startups, die mit dieser Basistechnologie Geschäftsmodelle testen. Im Bildungsbereich, im Gesundheitswesen und mittlerweile vor allem auch im Energiebereich. Zum Beispiel haben dort jetzt mit eingebauter Sim-Karte ausgestattete kleine Solaranlagen für ärmere ländliche Haushalte einen boomenden Wirtschaftszweig geschaffen, der mittlerweile auch viel Investorengeld aus Großbritannien und Deutschland.

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Bildung: Der erste Schritt in Richtung Zukunft (Bild: © Mobisol)

Ende Januar 2018 startest Du die erste Silicon Savannah Learning Journey. Was passiert da und wer nimmt teil?

Vom 29. Januar bis 1. Februar 2018, also an vier Tagen, werden wir zusammen mit der Strathmore Business School genau die eben genannten Startups und weitere renommierte Unternehmen in Nairobi besuchen.

Wir werden versuchen aufzuzeigen, was dieses Zusammentreffen von Globalisierung und Digitalisierung in Ländern mit wenigen alten Technologien bewirken kann. Im Energiebereich, im Gesundheitsbereich, im Bildungsbereich - und überhaupt bei der Dynamisierung der Wirtschaft.

Welche Geschäftsmöglichkeiten es gibt, diesen riesigen Bedarf zu bedienen in der nun vernetzten Wirtschaft und Gesellschaft. Wie Geschäftsmodelle neu gedacht werden können.

Was die Besonderheiten solcher Emerging Markets sind (mehr dazu auch unter Frugal Innovations: Nutzerfreundliche Produkte nicht nur für „emerging markets"). Mich freut auch, dass wir Dich in Deiner neuen Rolle bei Kienbaum als Partner für die Learning Journey begeistern konnten. Du wirst sehen es lohnt sich.

Viele, die die digitale Welt verstehen wollen, reisen ins Silicon Valley, nach Boston, Tel Aviv oder China. Warum sollte man die Silicon Savannah Learning Journey nicht verpassen?

Das Besondere in afrikanischen Ländern ist wohl der „grüne-Wiese-Effekt". Ein großer Bedarf und mittlerweile auch eine riesige wirtschaftliche Nachfrage treffen auf einen neu vernetzten Raum mit neuartigen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Es werden nicht nur Technologien übersprungen - wie die Festnetztelefonie, das Ausrollen der Filialnetze der Banken, die zentralisierten Stromversorgungsnetzwerke - es entstehen auch andere Lösungen.

Und disruptive Entwicklungen beginnen bekanntlich immer am unteren Ende des Marktes, dort wo Produkte noch nicht so ausgefeilt sein müssen. Das lernen wir aus der Innovationsforschung.

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Und eben habe ich gelesen, dass nun mit Orange der erste große Telekomanbieter auch in Europa ins Bankengeschäft einsteigt. Trotz des Verdrängungswettbewerbs, der dort herrscht. Aber es musste wohl sein. Zehn Jahre nach Gründung von M-Pesa in Kenia. Die Theorie der disruptiven Innovationen bestätigt sich.

Was werden die nächsten disruptiven afrikanischen Entwicklungen sein, die Jahre später auf Europa zurückwirken werden? Auf diese spannende Frage werden wir versuchen, Antworten zu finden.

Das klingt in der Tat sehr spannend und hat wohl das Potenzial, das Afrikabild vieler nachhaltig zu verändern. Ich wünsche Dir und allen Teilnehmern der Silicon Savannah Learning Journey viel Erfolg.

Über Hans Stoisser

Hans Stoisser ist freischaffender Unternehmer, den es immer wieder in afrikanische Länder gezogen hat. Der Nachbarkontinent Afrika und die vernetzte globale Gesellschaft sind die Themen, die ihn interessieren - Themen, in denen er die Zukunft sieht. Seiner Ansicht nach liegt im „Schwarzen Kontinent" die Zukunft. Höchste Zeit, dass Unternehmen in Europa das Potenzial erkennen und sich damit auseinandersetzen.

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Bild: © Sebastian Judtmann

Nach einem Studium der Volkswirtschaft und der Internationalen Beziehungen, war Hans Unternehmer und Manager in der Möbelbranche. Über verschiedene Managementausbildungen ist er zur Systemtheorie gestoßen, die sein Weltbild stark mitgeprägt hat.

Seit einigen Jahren ist er externer Partner des Malik Management Zentrums St. Gallen und arbeitet weiterhin als Berater von Unternehmen und anderen Organisationen.

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