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Das passierte, als ich in meinem Unternehmen den Fünf-Stunden-Tag einführte

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Seit etwas mehr als einem Jahr lässt das Unternehmen Tower Paddle Boards seine Mitarbeiter schon mittags nach Hause gehen - hier schreibt der Stephan Aarstol den Grund für seinen revolutionären Schritt.

Ich hatte schon häufiger den Eindruck, dass es in jedem Unternehmen einige wenige Mitarbeiter gibt, die drei Mal so viel arbeiten wie alle anderen - obwohl sie dafür kaum mehr verdienen werden.

Als Unternehmer teile ich mir seit mehr als 15 Jahren meine Zeit so ein, dass ich am produktivsten bin. Meine Arbeitszeiten stimmen dabei aber überhaupt nicht mit den klassischen Bürozeiten überein.

Das klappt ziemlich gut: Im Schnitt arbeite ich meist ein paar Stunden weniger als meine Freunde mit ähnlichen Jobs. Als ich also Tower gründete, meine Firma, die Standup Paddle Boards verkauft, wollte ich vor allem produktive Arbeitskräfte einstellen, die zeiteffizient arbeiten, und ihnen dafür gute Vertragskonditionen bieten.

Anfangs haben wir acht Stunden pro Tag gearbeitet, genauso wie andere Unternehmen auch. Dann wollte ich ausprobieren, ob meine Methode der Zeiteinteilung für alle funktioniert.

Außerdem dachte ich, es würde gut zur Firma passen, wenn die Mitarbeiter die Nachmittage frei hätten, um sie mit genau den Aktivitäten zu füllen, für die Tower steht. Also startete ich am 1. Juni 2015 einen dreimonatigen Testlauf: Alle Mitarbeiter des Unternehmens sollten nur noch fünf Stunden am Tag, von 8 Uhr morgens bis 13 Uhr mittags, arbeiten. Heute, ein Jahr später, machen wir das noch immer so.

Hier sind einige der Gründe, warum ich mein Unternehmen so umgestellt habe und wie wir die Umstellung auf den Fünf-Stunden-Tag geschafft haben.

Der Wandel

Am Anfang des Experiments sagte ich meinen Mitarbeitern, dass ich zwei Ziele habe: Erstens  will ich ihnen ihr Leben zurückgeben - deswegen können sie jeden Tag um 13 Uhr Feierabend machen, vorausgesetzt, sie arbeiten hochproduktiv.

Zweitens will ich ihnen ein besseres Gehalt für ihr Engagement in Aussicht stellen: Ich verdoppelte nahezu den Stundenlohn, indem ich jedem Mitarbeiter eine fünfprozentige Gewinnbeteiligung anbot.

Vor der Umstellung hat einer meiner Angestellten durchschnittlich 40.000 Dollar pro Jahr verdient, also 20 Dollar pro Stunde (40.000 Dollar geteilt durch 2000 Arbeitsstunden jährlich). Die Gewinnbeteiligung von ca. 8000 Euro einberechnet, erwartet denselben Angestellten nun ein Jahresgehalt von 48.000 Dollar, dafür müsste er lediglich 1250 Stunden arbeiten.

Das macht einen Stundenlohn von 38,40 Dollar. Damit wir keinem finanziellen Risiko ausgesetzt würden, war mir vor allem wichtig, dass sich die Ausgaben der Firma um keinen Cent erhöhen würden.

Eine große Frage stellte sich mir allerdings: Jeder meiner Mitarbeiter musste nun doppelt so produktiv sein wie eine durchschnittliche Arbeitskraft. Wir hatten schon vorher hohe Anforderungen, was unsere Leistung anging, und das würde nun nicht anders werden, im Gegenteil.

Ich sagte: "Ihr müsst jetzt einfach nur herausfinden, wie ihr alles in fünf Stunden erledigt - und keine Sorge, das müsst ihr nicht alleine tun: Wir sitzen alle im selben Boot und müssen das gemeinsam schaffen."

Sollte jemand das Pensum nicht erreichen, würde er entlassen werden. Der Druck war also ziemlich groß - die Belohnung allerdings auch. Die Arbeitswoche meiner Angestellten war plötzlich besser als die Ferienwoche bei Mitarbeitern anderer Unternehmer.

Die Ergebnisse waren erstaunlich. Wir haben es in den vergangenen zwei Jahren auf die Liste der 500 am schnellsten wachsenden Unternehmen Amerikas (2015 waren wir auf Platz 239) geschafft. Dieses Jahr wird unser zehnköpfiges Team einen Umsatz von neun Millionen Dollar machen.

Ein gut begründeter Sinneswandel

Um sicherzugehen, dass wir uns nicht mehr auf den Teller laden, als wir essen können, nannte ich das Projekt zu Beginn "Sommerstunden" und stellte in Aussicht, dass wir im Herbst zum Acht-Stunden-Tag zurückkehren würden. So konnten wir reagieren, für den Fall, dass etwas schief geht.

Ich machte mir zum Beispiel Sorgen, dass eine Reduzierung der Arbeitszeit des Kundenservices und der Öffnungszeiten unseres Ladens sich im Umsatz niederschlagen würden.

Mein Bauchgefühl sagte mir zwar, dass wir diese Herausforderung bewältigen würden, indem wir qualifizierte Leute einstellen, ihnen gute Arbeitsbedingungen bieten und sie einfach erst mal machen lassen. Aber das mussten wir erst mal beweisen. Ehrlich gesagt dachte ich, die Geschäfte würden etwas schlechter laufen - aber die positiven Effekte wären es wert.

Die Wahrheit ist: Wir haben keinen Tiefschlag erlitten. Unsere Umsätze stiegen im Jahr 2015 um mehr als 40 Prozent. Alle unsere Zahlen stiegen. Wenn ich erzähle, dass mein Team nur fünf Stunden am Tag arbeitet, sagen alle immer "Klingt nett, aber das würde bei uns nicht funktionieren". Der Acht-Stunden-Tag ist so stark etabliert, dass es schwierig ist, sich etwas anderes vorzustellen.

Sicher, der Beach-Lifestyle unserer Firma bringt mit sich, dass wir mit einer gesunden Work-Life-Balance werben wollen. Da liegt es nicht fern, dass wir auch anders arbeiten sollten, wenn wir anders leben wollen.

Eigentlich sind wir aber eher eine Online-Marketing-Agentur, die zufällig Surfboards verkauft. Es gibt keinen ersichtlichen Grund, warum nicht jedes Unternehmen, das über fähige Mitarbeiter verfügt, seine Arbeitszeit nicht um 30 Prozent verringern und dennoch erfolgreich sein könnte.

Dass wir unsere Arbeitszeit aufblähen wie einen Ballon, ist den meisten Unternehmern bekannt und muss hier nicht wiederholt werden. Menschen sind keine Maschinen. Ihre Produktivität verringert sich, je länger sie am Schreibtisch sitzen.

Andererseits haben Forscher herausgefunden, dass glückliche Arbeiter produktiver sind. Du solltest die Zeit haben, deinen Leidenschaften nachzugehen und deine Beziehungen zu pflegen. Und wenn du ein aktives Leben führst, gibt dir das insgesamt mehr emotionale und physische Energie - auch im Job.

Weniger Arbeit für alle: Wie kann das funktionieren?

Es gibt noch einen weiteren, weniger häufig thematisierten Vorteil einer kürzeren Arbeitswoche: In ihrem Buch "Mangel: Warum es so viel bedeutet, zu wenig zu haben" beschreiben die Ökonomen Sendhil Mullainathan und Eldar Shafir den Effekt, dass wenn man weniger Zeit zur Verfügung hat, man zeitweise automatisch produktiver wird.

Sie nennen das "fokussierte Dividende". Indem du deinen Arbeitstag also auf fünf Stunden reduzierst, wird Zeitmanagement wieder wichtiger, weil wichtige Aufgaben wieder priorisiert werden.

stand up paddle

Credit: Gettystock

Es kann natürlich sein, dass jemand mit einem Fünf-Stunden-Arbeitstag nicht zurechtkommt. Ich bin aber überzeugt: Für den Großteil qualifizierter Arbeitskräfte funktioniert das Modell. Unternehmer sollten dabei diese Regeln befolgen:

1. Halte dich an die 80-20-Regel

Von ihr hast du wahrscheinlich schon mal gehört - aber die Regel ist essentiell. Das Pareto-Prinzip lehrt uns, dass 80 Prozent unserer Ergebnisse von 20 Prozent Leistung abhängen. Wenn du herausfindest, was diese 20 Prozent in deinem Unternehmen ausmacht, bist du schon auf dem richtigen Weg.

2. Schaffe eine produktive Arbeitshaltung

Hör auf, Arbeit in Stunden zu berechnen und konzentriere dich auf das Ergebnis. Die meisten qualifizierten und erfahrenen Arbeiter werden nicht nach Stunde bezahlt. Sie bekommen ihr Fixgehalt nicht wegen der Ideen, die sie zwischen 9 und 17 Uhr am Schreibtisch produzieren. Sie bekommen es wegen der Ideen, die sie unter der Dusche haben, beim Mittagessen oder bevor sie morgens aufstehen.

Die Gewinnbeteiligung von fünf Prozent, die wir unseren Mitarbeitern bei Einführung des Fünf-Stunden-Tages in Aussicht stellten, sollte eine produktive Arbeitshaltung schaffen. So werden Arbeitskräfte für ihre Produktivität bezahlt, nicht für die Stunden, die sie absitzen.

3. Hör auf mit dem "Sei ständig erreichbar"-Kram

Einer meiner größten Sorgen, als wir den Fünf-Stunden-Tag einführten, war, dass wir damit auch die Erreichbarkeit unseres Kundenservices reduzieren würden.

Ich machte mir Sorgen, dass wenn ich unsere Öffnungszeiten halbieren würde, wir auch die Hälfte unserer Umsatzes verlieren würden. Aber schließlich betreiben wir kein Lebensmittelgeschäft. Unsere Kunden kaufen vielleicht einmal in fünf Jahren ein neues Paddle Board.

Es ist egal, wie lange wir geöffnet haben, solange unsere Kunden unsere Öffnungszeiten kennen. Dasselbe gilt für unsere Telefon-Zeiten: Wir werden jeden Tag genauso oft angerufen wie vorher, nur kommen die Anrufe schneller hintereinander. Und viele der Kunden, die eigentlich anrufen würden, informieren sich nun eigenständig auf unserer Website.

4. Steigere Effizienz mithilfe von Technik

Der Fünf-Stunden-Tag brachte Schwächen hervor, die der übliche Arbeitstag verhüllt. Um unseren Warenhaus- und Kundenservice-Mitarbeitern zu ermöglichen, dass sie ihre Arbeitszeit um 30 Prozent verringern (ohne, dass wir weitere Arbeitskräfte einstellen müssen), mussten wir kreativ werden: Wie können wir in kürzerer Zeit genauso viele Kunden bedienen?

Die offensichtliche Lösung war die Automatisierung von Prozessen. Im Warenhaus zum Beispiel können wir Dank einer Software Zeit beim Verpacken und Verschiffen von Ware sparen. Was den Kundenservice betrifft: Wir haben unsere FAQ-Seite überarbeitet und Video-Tutorials erstellt, mithilfe derer sich unsere Kunden informieren können.

Sobald du deine Arbeitszeit limitierst, musst du dir Gedanken darüber machen, wie Technik dir dabei helfen kann, damit deine Arbeitsleistung nicht leidet. Wir haben gelernt, dass man sogar in unserer Gesellschaft, in der stetige Erreichbarkeit ein Muss ist, das Spiel gar nicht mitspielen muss. Du musst lediglich nach Außen kommunizieren, wann du wie erreichbar bist.

5. Leg dich nicht auf die 25-Stunden-Woche fest

Meine Mitarbeiter wissen, dass sie jeden Tag ohne schlechtes Gewissen um 13 Uhr das Büro verlassen können - und das machen sie meistens auch. Es ist aber nicht verboten, auch mal zwölf Stunden am Schreibtisch zu bleiben, wenn ein dringender Auftrag das erfordert.

Der Knackpunkt ist, dass diese stressigen Zeiten eine Ausnahme bleiben sollen - und genauso solltest du das deinen Mitarbeitern vermitteln.

Es war eine der schwierigsten Entscheidungen meines Lebens, den Fünf-Stunden-Tag einzuführen. Aber heute sind meine Angestellten glücklicher und produktiver und damit habe ich besser in mein Unternehmen investiert als jemals zuvor.

Seitdem schicken mir hochqualifizierte Mitarbeiter von Unternehmen aus der Nachbarschaft ständig ihre Lebensläufe. Wir haben es geschafft, extrem talentierte Leute mit einem niedrigeren Gehalt abzuwerben, obwohl sie in ihren ehemaligen Jobs sechsstellige Beträge verdient haben.

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Eines Tages, wenn unser Unternehmen weiter gewachsen ist, können wir Mitarbeiter mit einem Jahresgehalt von 80. bis 100.000 Dollar bezahlen und dennoch jeden Tag um 13 Uhr gehen lassen. Wenn dieser Tag kommt, klauen wir allen Unternehmen im Ort die fähigsten Arbeitskräfte.

So stelle ich mir das zumindest vor - schließlich ist das Experiment erst ein Jahr alt und noch lange nicht vorbei.

Stephan Aarstol ist Autor der Buchs "Der Fünf-Stunden-Arbeitstag: Lebe anders, erwecke Produktivität, finde dein Glück". Er ist CEO und Gründer von Tower, einer ganzheitlichen Beach-Lifestyle-Firma. Dazu gehören die Tower Paddle Boards, das Tower Magazine, SunglassesByTower.com und eine sich direkt an den Kunden richtende Surf-und-Beach-Lifestyle-Firma, TowerMade.com.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Webseite Fast Company und wurde von Agatha Kremplewski aus dem Englischen übersetzt

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