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Ich hatte einen Vierer - und es war nicht, was ich erwartet hatte

28/02/2017 18:18 CET | Aktualisiert 01/03/2017 08:17 CET
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Ich weiß nicht so ganz, wie ich die Geschichte beginnen soll. Es ist vielleicht das Beste, direkt Klartext zu reden.

Logisch, ich könnte die Hintergründe beschreiben, die zu den folgenden Ereignissen geführt haben. Aber im Endeffekt sind das nur langweilige Details, die keinen interessieren.

Also gehen wir gleich zum eigentlichen Akt über. Genauer gesagt an den Anfang des eigentlichen Akts.

Date #1

Mike* und ich kommen ungefähr 15 Minuten zu früh am Restaurant an und parken in einer nahegelegenen Straße (Ein kleines Detail: Zu diesem Zeitpunkt, hatten Mike und ich seit einem halben Jahr eine Beziehung, die man passend mit "Friends-with-benefits" beschreiben könnte).

"Perfekt", sage ich, als ich aus dem Auto aussteige, "Wir können erst noch etwas trinken - das kann ich jetzt sehr gut gebrauchen".

"Bist du aufgeregt?" fragt mich Mike.

"Ja, und wie!".

Er legt seine Hand auf meine Backe und küsst mich. Es ist der erste Kuss des Abends, nach einer angespannten Autofahrt auf dem Weg zu unserem Doppeldate mit einem verheirateten Swingerpärchen.

Wir gehen um die Ecke in das Restaurant und sofort sehe ich, wie Natalie* und Adam* aus ihrem Auto aussteigen. Wir winken einander zu und tauschen Begrüßungen und Umarmungen aus.

Im Restaurant angekommen, bestellen Natalie und ich sofort eine Auswahl an verschiedenen Weinen. Adam und Mike gehen direkt zu hartem Schnaps über. Danke Gott, dass es Alkohol gibt.

Das Essen ist - immerhin - nicht komplett peinlich. Eigentlich ist es sogar sehr angenehm.

Zumindest wenn man bedenkt, dass sich die meisten der Unterhaltungen um die polyamoröse Beziehung zwischen Adam und Natalie drehen, während Mike und ich versuchen das zu beschreiben, was auch immer unsere "offene Beziehung" ist.

Natalie steht total auf Mike. Sie löchert ihn mit Fragen und ich bin nicht ganz sicher, ob ihre Augen überhaupt einmal von ihm ablassen. Außer natürlich wenn sie mich fixiert und mir sagt "wie zum anbeissen" sie meine Lippen findet.

Was Adam und mich betrifft: Es gibt einige Übereinstimmungen. Zwar kein großes Feuerwerk der Liebe, aber immerhin etwas. Er ist attraktiv, witzig, klug und wenn wir nur zu zweit ein Date hätten, würde ich ihm eine faire Chance geben.

"Fühlst du dich auch zu Männern hingezogen?"

Zwischen mir und Natalie gibt es eine starke Anziehung. Sie ist wunderschön, intelligent, direkt und selbstbewusst. Sie ist die Frau, die ich auch gern wäre und Angst habe nicht zu sein.

Wir bestellen einige Snacks und eine zweite Runde Getränke. Endlich fangen wir an, die wirklich wichtigen Sachen zu besprechen:

"Ich bin etwas neugierig....Fühlst du dich auch zu Männern hingezogen?" fragt Mike Adam. "Ich bin ziemlich offen und könnte mir einen Dreier oder einen Vierer gut vorstellen, aber ich stehe definitiv nicht auf Typen".

"In ganz seltenen und bestimmten Situationen, machen mich Männer schon an", erklärt Adam. "Aber am meisten, genieße ich es, wenn Natalie ihr Vergnügen hat."

"Bist du nie eifersüchtig?" fragt Mike.

"Klar, manchmal schon. Das ist unvermeidlich. Aber deswegen sind Kommunikation und Vertrauen auch so wichtig" sagt Mike.

Natalie und Adam erzählen uns von einigen vergangenen Erfahrungen mit anderen Pärchen. Adam hatte mal ein heißes, junges, brazilianisches Model aufgerissen, mit dem sie eine Menge Spaß hatten, doch später stellte sich heraus, dass sie etwas verrückt war.

Natalie wiederum hatte eine emotionale und hitzige Beziehung mit einem jüngeren Mann. Als Adam sich damit nicht mehr wohl fühlte, beendete sie es.

Sie hatten mehrere Dreier und einen Vierer. Die beiden beschreiben ihre Erfahrungen als sehr positiv und betonen, wie gut es sich auf ihre Ehe ausgewirkt hat.

Der Abend endet mit einigen Umarmungen. Von Anfang an hatten Mike und ich das Ganze als ein "Meet-and-Greet" betrachtet. Wir wollten sehen, ob wir alle zusammenpassen, um dann zu entscheiden, ob diese Vierer-Sache etwas ist, das wir ausprobieren wollen.

Einige Tage später, beschlossen wir, es zu versuchen. Zwei Wochen nach dem ersten Treffen planten wir ein zweites Date mit Natalie und Adam. Unmissverständlich verabredeten wir uns zum Abendessen, um danach in Natalie und Adams Wohnung zu fahren.

"Wenn es ungemütlich wird, sind wir raus"

In den Tagen vor Rendezvous Nummer 2 sprachen Mike und ich über jedes mögliche Szenario und jede Emotion, die wir fühlen könnten. Am Anfang fühlte sich Mike noch unwohl dabei und ich versicherte ihm, dass alles gut laufen würde. "Wir gehen mit einem Plan da rein und wenn es ungemütlich wird, gehen wir eben wieder raus".

Drei Tage vor dem zweiten Date war Mike voll an Bord und ich war diejenige, die plötzlich nervös wurde. "Wir können es absagen, wenn du willst" sagt Mike mir.

Wir hatten bereits verschiedene Dreier-Szenarios durchgespielt und waren beide entschlossen, eine dritte Person ins Schlafzimmer zu bringen.

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Als der Vorschlag einen Vierer zu haben aufkam, fühlte sich das genauso gut an, zumindest wenn wir ein zweites Pärchen mit einbeziehen würden. Nach Date #1 fühlte sich das wie eine großartige Idee an, aber so langsam machten sich immer mehr Zweifel breit.

Nach vielen Diskussionen entscheiden wir, es durchzuziehen. Wir denken beide, dass es entweder total geil oder einfach nur furchtbar wird, denn dazwischen gibt es nicht viel. "Es wird auf jeden Fall etwas", sage ich ungefähr eine Million Mal.

Auf jeden Fall würde es eine gute Story werden.

Date #2

Am Abend von Treffen Nummer 2, schreibe ich Mike während ich mich fertig mache.

"Was zieht man für einen Vierer an? Ist das überhaupt wichtig?"

Er antwortet: "Ich hab genauso wenig Ahnung wie du!"

Ich schreibe zurück, "Wie verdammt klug du bist :P"

Ich schnappe mir eine kleine Flasche Rum und mache mich auf den Weg zu Mike. Er lacht als ich ankomme und sagt "du musst wirklich verglühen, oder?"

"Für heute Abend? Ja, muss ich". Ich stürze den Inhalt der Flasche hinunter und schnappe mir Mikes Flasche Tequila.

Als wir im Restaurant ankommen, bin ich entspannter. Mike und ich redeten auf der Autofahrt über unsere Zweifel, doch schlussendlich freuen wir uns beide darauf.

Das Essen mit Natalie und Adam ist auch dieses Mal überraschend entspannt. Adam zahlt die ganze Rechnung: Er erklärt, "ihr seid unsere Gäste, es ist mir ein Vergnügen".

Das empfinde ich zwar als großzügig, aber gleichzeitig komme ich mir wie eine Escortdame vor (Ich habe kein Problem mit Escortservices, aber das bin ich nunmal nicht).

Wir vier machen uns auf den Weg zu Adams und Natalies Wohnung, wo wir einen weiteren Drink nehmen. Der ist auf jeden Fall einer zu viel für mich. Aus leicht angedüdelt wird betrunken.

Dann....nehmen die Ereignisse ihren Lauf.

Den Akt selber brauche ich nicht im Detail zu beschreiben, denn sie sind nicht besonders wichtig. In der Geschichte kommt auf jeden Fall ein Whirl-Pool vor, der - ehrlicherweise - vielleicht sogar angenehmer war als der Sex selbst.

Was auch immer man sich vorstellt, wenn man an einen Vierer denkt, das ist nicht das, was wir in dieser Nacht hatten. Von allen Szenarios die Mike und ich vorher durchgespielt haben, gibt es keines, dass dem eigentlich Erlebnis nahe gekommen wäre.

Kurz gesagt: Einen Vierer zu haben, ist ziemlich enttäuschend.

Nach Date #2

Morgens, als Mike und ich zurück zu ihm fahren, bleiben wir in seinem Auto sitzen und unterhalten uns. Ich erkläre ihm, dass ich es nicht gehasst habe, es aber auch nicht super fand. Er stimmt mir zu und sagt er habe auch eine eher bittere Erfahrung gemacht.

"Ich weiß nicht, ob ich mit dir Sex haben kann, nachdem ich dich mit Adam gesehen habe. Ich glaube schon, aber ich bin mir einfach nicht sicher."

"Ich wusste das würde passieren!"

Ich bin wütend. Meine größte Angst war, dass es unsere Beziehung ruinieren würde. "Ich habs dir gesagt!"

Wir sitzen schweigend im Auto.

"Ich will trotzdem, dass du bei mir schläfst" sagt Mike.

Ich verbringen den Rest der Nacht bei ihm und es stellt sich heraus, dass der Vierer uns nicht wirklich verändert hat. Auf eine schräge Art und Weise hat er uns sogar nähe zueinander gebracht.

Mike schreibt mir am nächsten Tag: "Zwischen uns ist alles cool, oder?"

Ich antworte: "Ich denke wir sind ziemlich cool, oder etwa nicht?"

"Ja, auf jeden Fall. Wollt ich nur checken" antwortet er.

Was ich gelernt habe

Was bringt ein verheiratetes Pärchen überhaupt dazu, einen Vierer zu haben? Naja, für mich: Neugier. Nach unserem ersten Date hatte ich das Gefühl, es könnte eine neue und aufregende Erfahrung sein - und größtenteils war es das auch.

Ich finde die Idee, dass Menschen keine monogamen Wesen sind ziemlich unterhaltsam. Zum Beispiel hat der Bestseller "Sex im Morgengrauen" mich wirklich verändert.

Und da war es: Ein verheiratetes Pärchen das Spaß daran hat, mich und Mike in ihre Beziehung - oder zumindest in ihr Schlafzimmer - zu bringen.

Ich war neugierig, mehr über Polyamorie zu lernen und erwartete eine Art Erleuchtung. Ungefähr so, wie wenn ich auf eine höhere sexuelle Sphäre vorstoßen würde, die monogame Menschen verpassen.

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Ich wollte den Vierer genießen und mich ihm als eine neue Form des Lifestyles nähern. Ich wollte diese Person sein, die komplett auf soziale Normen und Erwartungen verzichtet und nach jeder Form von Vergnügen strebt.

Im Nachhinein frage ich mich, ob Polyamorie überhaupt der richtige Lifestyle für mich ist. Ich kann nicht einmal genau sagen, welcher Teil der Erfahrung mich abgeturned hat.

Adam und Natalie haben beide sehr gut mit uns kommuniziert, daran lag es also nicht. Am Ende der Nacht habe ich mich einfach... leer gefühlt. Das ist das beste Wort dafür.

Leer - Adjektiv - ein Mangel an echtem Wert, Substanz oder Aufrichtigkeit.

Vielleicht lässt sich die Beziehungen zwischen Natalie und mir, Adam und mir, Natalie und Mike so am besten beschreiben. Wörtlich übersetzt heißt Polyamorie "viele Lieben". Wir hatten mit Sicherheit keine polyamoröse Erfahrung - wir hatten eine Vierer-Erfahrung.

Für mich ist Sex ohne eine emotionale Verbindung nicht befriedigend und scheinbar ist es egal, wie viele Partner dabei involviert sind.

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Mike und ich haben das Beste gehofft, waren auf das Schlimmste vorbereitet und rauskam irgendetwas dazwischen.

Mir hat die Erfahrung gezeigt, was mir in einer Beziehung wirklich wichtig ist. Ich kann nun besser verstehen, mit was ich sexuell einverstanden bin. Auch über Mike habe ich eine Menge gelernt. Es war das erste Mal, dass ich ihn verletzlich und unsicher erlebt habe.

Die Grenzen zwischen Monogamie und Polyamorie, zwischen normalen Sex und Liebe, diese Grenzen sind nicht starr. Sie sind fließend, unscharf und wahrscheinlich immer im Wandel.

Es ist einfach eine Beziehung in eine Schublade zu stecken. Aber es ist viel schwieriger zu definieren, was diese Schublade überhaupt bedeutet - denn das ist für jedes Paar anders. Am wenigsten habe ich bei diesem Vierer etwas über Sex gelernt, aber dafür immerhin sehr viel über Menschen.

*Die Namen wurden von der Autorin geändert.

Der Beitrag erschien zuerst bei medium.com und wurde von Julius Zimmer aus dem Englischen übersetzt. Hier könnt ihr der Autorin auf Twitter folgen.

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