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Lyrik im 21. Jahrhundert

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Bei meinen Reisen, als Autorin und Bloggerin traf ich auf einen Lyriker. Markus Häusler trat mit mir in Kontakt, da er sich eine Rezension wünschte. Ich rümpfte die Nase. Von Gedichten besaß ich kaum Ahnung, nur Goethe verschlang ich bereits als junges Mädchen. Zumal man oft glaubt, das Gedichte-Schreiber ein verträumtes Völkchen sei. Doch dann las ich unter einigen Nachrichtenartikeln hin und wieder den Kommentar: „Die Deutschen, die Dichter und Denker!" Matt lächle ich über die Einfachheit dieser doch so geistig armen Aussage. Denn es liest heute keiner Gedichte, keiner nimmt sich die Zeit für Poeten im 21. Jahrhundert. Nein, sie werden eher müde belächelt, nicht wahrgenommen.

Nachdem ich mich eingehender mit dem Thema befasste, die Aussichtslosigkeit einiger Lyriker erkennen musste, nahm ich mich diesen an. Hier ein Beitrag von Markus Häusler. In der Hoffnung, ein paar Augen öffnen zu können. Ich persönlich gestehe, dass ich seine kleinen Kunstwerke mag. Ich entdeckte ein paar richtig gute Talente unter den Poeten. Und wenn ich heute meinen Facebook- Account öffne, erscheinen zwischen Weltuntergangsnachrichten kleine Kunstwerke, welche mein Leben bereichern, mich erden und mich lächeln lassen.

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(c) Markus Häusler

Lyrik im 21. Jahrhundert und warum wir dieses Gut unbedingt brauchen.
Ein Beitrag von Markus Häusler.

Wir leben im Computerzeitalter. Mehr noch, wir verbringen unser Dasein in Social - Media- Palästen, hungrig nach möglichst intimen Posts uns eigentlich fremder Menschen. Wir haben Wissendurst gegen Society-Tratsch eingetauscht. Wir suchen Nähe zu allen und jedem, nur nicht zu uns. Wir haben mehr Vertrauen in die Medien als in uns selbst und haben verlernt, was es heißt, uns auf uns zu konzentrieren.

Unser Tag beginnt mit Frühstücksfernsehen, Börsenkursen und Werbung. Zwischen einer Tasse Kaffee und einem halben Brötchen checken wir Emails und durchforsten Instagram nach skurril-peinlichen Botschaften unserer Community, die wir dann gleich fleißig teilen. Dann hetzen wir zur Arbeit. Oft haben wir verlernt, die Abläufe dort zu hinterfragen, wir funktionieren - wie unser Smartphone oder das Tablet. Eins oder Null - wir tauchen ein in das binäre System und sind eins von einer Million Zahnrädchen im Gefüge. Null ist nicht vorgesehen im Business, es wird nicht akzeptiert. In der Mittagspause twittert CNN einen Amoklauf in Florida, in Pakistan bebt die Erde. Geliked, check. Wie viele Tote gab es? Keine Zeit, denn wir müssen noch in die Mall, bevor die Arbeit weitergeht. Bunte Leuchtreklamen und monotone Musik begleiten uns durch die Konsumtempel und gaukelt uns eine bunte schöne Welt voller Marken und Trends vor. Wir kaufen aber heute nichts, erstens ist keiner dabei, der dies posten kann und zweitens ist die Kreditkarte am Limit. Dann zurück zu Arbeit. Noch bis 16.30 Uhr, der Schreibtisch liegt voll. Auch weil der Kollege gegenüber seit Wochen krank ist, Burnout, er hat´s nicht geschafft. Wird aber bald ersetzt, I oder 0 ...! Wir haben Feierabend, hetzen zur Bahn. Gedränge wie jeden Tag. Türen zu. Die graue Masse zückt im Gleichklang das Smartphone. Finger fliegen über den Touchscreen, einige versenden Voicemails, die neue Intimität lässt uns daran teilhaben. Zuhause angekommen. Gleich den TV an, Laptop wird hochgefahren, Outlook gestartet.
Stopp!

Was ist das? Eine E-Mail mit einem Link, eine unter vielen, doch ... sie führt zu einem Gedicht. Wir drücken die Stumm-Taste der Fernbedienung, legen das Smartphone zur Seite und lesen. Vers für Vers und nochmal von vorne. Es hört sich an, als wäre es ein Lied, denken wir uns und wir singen es noch einmal. Der Text handelt von Gefühlen und von uns, was wir sind und was wir suchen. Hm ... es spricht uns an, es spricht aus uns. Fernseher aus, Smartphone lautlos. Hier sind noch mehr Gedichte. Wir vergessen kurz die binäre Welt und trauen uns auf die Meta-Ebene. Wir halten inne, stehen als Zahnrädchen still, aber das ist ok, denn wir sind bei uns, wir sind in uns und wir fragen uns, wir hinterfragen uns und unsere Gefühle. Wir sind baff.
Die heutige Zeit, geprägt von Stress, Perfektionismus und Prestige ist eine kalte Welt. Wir werden überschüttet von Reizen, medialer Dauerbeschuss rund um die Uhr. Krieg, Tod und Leid begleiten uns medial, aber wir sind abgestumpft. Wir haben unsere Empathie verloren oder wir werden infiziert mit einer dieser Zivilisationskrankheiten wie Burnout, Depression oder einer Alkoholsucht. Und wenn es uns nicht trifft, kennen wir welche in unserem Umfeld, die es getroffen hat. Allgegenwärtig. Gedichte und Lyrik sind Gefühle auf Papier, sind ein Gegenpol. Wer sie liest, findet sich wieder und wird zum Innehalten angehalten. Wer sie schreibt, öffnet sich und lässt Gefühle raus, spricht andere an und lernt Achtsamkeit. Denn nur wer in sich rein hört, spürt seine Gefühle ungefiltert - positive wie negative. Aber man spürt sich, und das ist wichtig.

Vielen Dank für die aufrichtigen Worte von Markus Häusler.
Seine Homepage findet ihr hier.
Auch auf Facebook kann man ihn erreichen.

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