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Bücher im 21.Jhd- Selfpublisher

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Die Verlage kränkeln, kalkulieren härter und greifen lieber auf kostengünstige, perfekte Autoren zurück, welche ihnen den wenigsten Aufwand bescheren. Kritische oder gar geistig wertvolle Romane finden kaum noch einen Weg in die großen Verlagshäuser. Dennoch träumen viele Autoren davon, entdeckt zu werden.
Auf der anderen Seite gibt es die Selbstpublisher. In anderen Ländern werden sie gelobt, doch bei uns scheinen sie noch immer ins Abseits gedrängt zu werden. Zwei stellte ich bereits vor: Kat Hönow und Mark Krüger, welche sehr schöne Werke veröffentlichen. Doch nun widme ich mich mal zwei weiteren Selfpublishern, die mich richtig beeindruckten.

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„Die alte Frau am Fenster" von ALaRé - ein höchst merkwürdiger Autorenname. Doch diese Dame verzauberte mich mit ihrem Buch. Eine kurze, mitreißende Erzählung, die man verstehen muss. Sie verwendet einen schlichten Sprachgebrauch, der absolut Sinn ergibt. Sie schickt den Leser auf eine wundervolle Reise. Ein kleines Mädchen, welches sich Zeit für ihre Urgroßmutter nimmt, mit ihr spricht und gespannt den Erzählungen der alten Dame lauscht. Eine Frau, die in die Jahre gekommen ist, aus Ungarn nach Deutschland kam und uns ihre Lebensgeschichte offenbart. Ich muss zugeben, dass ich etwas Zeit brauchte, um dieses Werk zu verstehen. Aber dann lies es mich nicht mehr los. Es verzauberte mich vollkommen und ich kann Ihnen dieses kleine kunstvolle Buch nur ans Herz legen.
Der eigene Stil der Autorin, wie sie einen in ihre Kindheit führt und wie sie sich dies alles vorstellte. Die Zeit des Krieges, wie die Landbevölkerung Ungarns ebenfalls darunter litt. Das Leben der Frau, welche nun alt und grau aus dem Fenster blickt.
ALaRé, den Namen sollten Sie sich merken. Dieses kleine Buch darf auf keinen Fall in der Versenkung verschwinden. Ich bin froh, dass kein Verlag es zerriss, zu Tode lektorierte. Es ist perfekt, genauso wie es ist.

Eine weitere Geschichte ließ mich staunen.

Iris Krumbiegels „Tintentränen". Eine weitere Autorin, die einen Platz in der Welt der Bücher verdient. Ich muss hinzufügen, dass ich allein in den letzten beiden Monaten weit über fünfzehn Selfpublisher-Romane las und teils sind die wirklich nicht gut. Aber auch Iris Krumbiegel gebührt Aufmerksamkeit.
Ein sehr politisches Buch, wobei ich ihre Ansichten nicht vollkommen teile. Trotzdem gehört sie gelesen. Sie teilte ihren Roman in zwei Handlungsstränge. Der erste Strang erzählt eine Geschichte eines jüdischen Mädchens. Der Leser begleitet sie durch die Unruhen, durch den Krieg des 3. Reichs. Parallel dazu berichtet die Autorin über einen jungen Mann, welcher in Dresden als Altenpfleger lebt und einer rechtsradikalen Gruppe verfällt. Mir persönlich gefielen die Einblicke in das Pflegesystem. Die Autorin zeigt uns die Abgründe, die Einsamkeit, die Hoffnungslosigkeit der alten Menschen. Wie sie einsam in den Heimen verkommen, ihre Kinder dem Leistungsdruck der Gesellschaft unterliegen, sie die Kosten nur mühsam aufbringen können. Wie die Pfleger ihr Bestes geben und dabei selbst am Rand ihres Abgrunds stehen. Schichtdienste, gefolgt von kalten Abläufen, kaum Zeit für die Menschlichkeit. Nebenbei kämpft die kleine Jüdin Elsa um ihr Überleben. Sie steht vor den Scherben ihrer Vergangenheit und landet im KZ Dachau. Die Autorin schafft es, dass diese beiden Geschichten ineinander übergehen, was mich sehr beeindruckte.
Sie gehört mit zu den besten Selfpublishern, welche ich bisher lesen durfte und verdient ebenfalls, wie ALaRé, einen wichtigen Platz in der Buchwelt.

Nehmen Sie sich Zeit für Bücher, nehmen Sie Abstand von diesen kalten, schockierenden, mitreißenden Nachrichten. Widmen Sie sich bitte etwas mehr Zeit der Literatur. Wir leben in einer Zeit, wo Reisen schwieriger werden. Dann machen Sie Urlaub mit einem Buch, lassen Sie sich entführen, schenken Ihrem Geist etwas Entspannung, fangen Sie wieder an zu hinterfragen. Denn alles was in einsamen, kalten Stunden bleibt, das sind die Bücher und die Liebsten, um die wir uns sorgen.

Amazon-Links:

Die alte Frau am Fenster

Tintentränen