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Babys schreien halt nun mal

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BABY SON CRYING
Monashee Alonso via Getty Images
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Die zweite Schwangerschaft hatte uns überrascht

Ich habe schnell gemerkt, unser zweiter Sohn erntet weniger Begeisterung, teilweise sogar Ablehnung. Verstehen konnte ich das nicht. Warum soll mein kleiner Engel weniger interessant oder wert sein als unser 7-jähriger? Ich nahm mir also vor, das alles zu ignorieren.

Auch wenn unser Wunder eine Überraschung war und unser ganzes Leben durcheinander brachte, wollte ich alles ganz positiv angehen und ihm gerade deshalb alle Liebe und Geduld geben. Die Schwangerschaft war anstrengend, monatelange Übelkeit und so allerlei Wewehchen. Zudem bin ich als Schwangere kein besonders angenehmer Zeitgenosse. Mein Respekt meinem Mann, meinem Sohn und meiner besten Freundin gegenüber wuchs in dieser Zeit. Hätte ich gekonnt, ich wäre vor mir selbst geflüchtet.

Doch ich sagte mir wenn "Hugo", so nannten wir unseren Bauchzwerg im Scherz, erstmal da ist, wird alles einfacher. Bei unserem Großen war die Zeit nach der Geburt im Vergleich zur Schwangerschaft pure Erholung. Er war sehr entspannt, hatte nur alle 3 bis 4 Stunden Hunger und ein richtiges Brüllen kam in der Babyzeit vielleicht 3 bis 4 mal vor.

Wir konnten ihn überall mit hin nehmen und genossen unsere Kuschelzeit. Also fokussierte ich die Zeit nach der Geburt. Schließlich konnte es nur besser werden.

Dann war es soweit

Er zeigte schon früh seinen Sturkopf. Wie ein Bayer mit Breze in der einen und einer Mass in der anderen Hand saß "Hugo" in meinem Bauch. Also war schnell klar, auch diesmal wird es ein Kaiserschnitt. Wir legten im Krankenhaus den Termin auf eine Woche vor dem errechneten Geburtstermin fest. Aber unser Schatz entschied sich eine Woche vor der OP, dass es Zeit wird.

Im Krankenhaus war "Hugo" wie man es sich wünscht. Er kam alle 3 bis 4 Stunden und schrie wenig, also doch ganz sein Bruder. Ich konnte trotz wesentlich stärkerer Schmerzen als beim ersten Mal sehr schnell wieder laufen und kümmerte mich bereits im Krankenhaus jede Sekunde um unseren Engel. Es kam für mich gar nicht in Frage, dass ihn jemand ohne mich zu einer Untersuchung brachte.

Nach 7 Tagen ging es endlich nach Hause



Ich konnte es gar nicht mehr erwarten. Auch hier ging es zu Anfang so gut weiter. Endlich konnte ich wieder schlafen, was mir in der Schwangerschaft schon sehr früh nicht mehr gelang. Als "Hugo" ca. 2 Wochen alt war, kippte die Stimmung. Er schrie immer mehr und ließ sich durch nichts beruhigen. Für mich war klar, er steckt in einem Schub, das is nach ein paar Tagen vorbei.

Doch es zog sich. Es wurde schlimmer statt besser. Er schrie immer mehr und es nahm kein Ende. An Schlaf war ab sofort nicht mehr zu denken. Tag und Nacht wurde gebrüllt. 5, 6 Stunden am Stück. Ich hatte durchgehend Kopfschmerzen, meine Ohren taten weh, ich hangelte mich durch die Nächte mit stundenlangem Schreien, eine halbe Stunde schlafen, wieder stundenlanges Schreien.

Ich fühlte mich dumm und unfähig, fühlte mich wie eine furchtbare Mutter, die nicht in der Lage ist zu verstehen was ihr Kind will. Unser Großer hielt sich nur noch die Ohren zu und verdrehte die Augen. Mein Mann hörte Gebrüll wenn er morgens zur Arbeit musste und Abends wieder kam. Eine Unterhaltung war gar nicht mehr möglich.

Eine Pause auch nicht. Den ganzen Tag versuchte ich mit Baby auf dem Arm irgendwie Ordnung zu schaffen, mich um unseren 7-Jährigen zu kümmern, der auch noch frisch in die Schule kam, und irgendwie Essen auf den Tisch zu bringen.

Ich merkte schnell welche Geräusche funktionierten. Um zu kochen stellte ich unsere Wippe in die Küche und schaltete den Dampfabzug auf höchster Stufe ein. So konnte ich Hugo 15 bis 20 Minuten in die Wippe legen und mich schnell um unser Essen kümmern. Wenn ich duschen wollte, stellte ich die Wippe vor unser kleines Bad. Ich fixierte den Fön an der Türklinke.

Während das Wasser lief, konnte ich bei offener Tür duschen. Sobald ich das Wasser abstellte, musste ich sofort den Fön anstellen um mich in Ruhe abtrocknen und anziehen zu können. Mehr als die Grundpflege war sowieso nicht mehr drin. Duschen, Haare waschen, Zähne putzen und alles Notwendige. Für Make-Up oder Ähnliches hatte ich weder Zeit noch Nerven.

Ich verfluchte diese überglücklichen lachenden Frauen auf den Magazinen von Elternzeitschriften oder in der Werbung. Alles Glückspilze. Alle zum Kotzen. Aber wahrscheinlich alles bessere Mütter als ich eine bin. Sehr früh ging es mit den Weisheiten aller Besserwisser los.

"Was willst du denn, er schläft doch ganz friedlich!" - Ja, irgendwann gibt jeder mal auf.

"Schau, bei mir schreit er gar nicht!" - Gratulation, du hast 5 Minuten mein Baby auf dem Arm und er ist leise. Nimm ihn mit, wenn du es so gut kannst!

"Das liegt an dir Steffi, du bist viel zu unruhig" - Verrückt, man müsste meinen, bei einer Stunde Schlaf pro Nacht sollte ich die Ruhe in Person sein...

"Der hat bestimmt Bauchweh!" - Danke! Auf die Idee wäre ich nie gekommen. Endlich ist das Rätsel gelöst.

"Wenn du stillen würdest, ginge es ihm auch besser" - Hätte es länger als 3 Tage geklappt würde ich das auch tun!

"Du rauchst? Hast in der Schwangerschaft auch gemacht stimmt's?" - Nein!!!! Habe ich nicht. Bei Beiden nicht! Aber ich habe jetzt wieder angefangen!

"Nimm dir doch mal Zeit für dich!" - Hier konnte ich nur dumm schauen.

"Der braucht mehr Ruhe, du solltest mit ihm zu Hause bleiben!" - Gut. Ich erkläre unserem Großen dann, dass er jetzt komplett auf seine Mutter verzichten muss weil jetzt ein Baby da ist. Kein Training mehr, keine Ausflüge mehr! Und einkaufen darf er dann gehen oder das macht Papa während der Arbeit.

"Lass ihn schreien der lernt das schon" - ein kleines Baby für sich allein zu lassen, sein Schreien zu ignorieren wo er sich doch einfach nicht anders ausdrücken kann, ist für mich Kindesmisshandlung! Die Liste setzt sich so fort. Dann gute Ratschläge wie "dann mach doch mal den Fliegergriff, geh mit ihm spazieren (was jetzt, einsperren oder raus gehen?!) Wechsel die Milch, hol dir Dies, Das, Jenes...

Wir haben alles, wirklich alles getan, gekauft, gelesen

Längst vor all diesen klugen Ratschlägen. Es brachte nichts. Und das Beste: "Babys Schreien Halt viel! Das geht doch vorbei, da musst halt jetzt durch." Stellte ich mich tatsächlich nur an? War ich zu empfindlich? War es beim Großen vielleicht genauso und ich weiß es nur nicht mehr? Sind denn wirklich alle so und die anderen Mütter sind einfach stärker und besser als ich? Nein!

Liebe Frauen,ob Mütter oder (noch) nicht. Was ich jetzt weiß, auch durch Ärzte und andere Fachkräfte: Es gibt Babys die extrem viel schreien. Manche Mütter dieser armen Wesen haben in der Schwangerschaft z. B. weiter geraucht- oder Schlimmeres.

Aber es gibt auch so viele andere Gründe warum ein Baby schreit. Kann man die bekannten Ursachen wie Bauchweh usw. ausschließen, kommt das große Fragezeichen. Warum wird ein Baby zum Schreibaby? Und ab wann spricht man von einem Schreibaby? Mir wurde gesagt, dieser Begriff wird genutzt wenn Kinder drei Wochen, drei mal die Woche, drei Stunden am Stück schreien. Unser Sohn schrie dreieinhalb Monate lang täglich bis zu sechs Stunden am Stück am Tag UND dasselbe in der Nacht.

Ursache war laut Ärztin ein Geburtstrauma. Zudem wuchs und entwickelte sich "Hugo" lt. Ärztin sehr schnell und tat sich dann schwer das zu verarbeiten. Wir fanden unseren Weg mit dem es ein wenig besser wurde. Doch diese Monate gibt uns niemand mehr wieder. Ich habe mehrere Freunde und Bekannte, denen es genauso oder ähnlich erging/ergeht wie uns. Ich denke, ich spreche im Namen aller wenn ich euch sage: Wir wissen eure Ratschläge sind gut gemeint.

Aber wir haben alles durch. Bitte habt Verständnis und steht uns bei. Nicht mit Ratschlägen sondern mit eurer Anwesenheit. Vielleicht mit Ablenkung, Zuspruch. Wenn ihr uns die Zwerge abnehmt, dann bitte nicht um uns zu beweisen, dass es in diesen paar Minuten bei euch viel besser funktioniert. Sondern nur um uns zu unterstützen. Uns beizustehen.

Bitte habt Verständnis wenn unser Verstand nicht mehr so arbeitet wie er sollte.

Bitte habt Verständnis wenn unser Verstand nicht mehr so arbeitet wie er sollte

Ohne Schlaf kommt auch kaum ein klarer Gedanke. Dasselbe gilt für unsere evtl. Unruhe oder Ungeduld. Glaubt mir, mit nur wenigen Stunden Schlaf am Stück würden wir besser funktionieren. Bitte habt Verständnis, wenn wir einfach auch so aussehen wie wir uns fühlen.

Nein, diese Mama lässt sich nicht gehen. Sie kann einfach nicht mehr. Sie weiß einfach nicht mehr, wo sie noch Kraft hernehmen soll. Und sie ist unendlich traurig, weil es ihrem Kind nicht gut geht. Das Letzte woran man da denkt, ist Makeup, eine Spange im Haar oder zueinander passende Socken. Ja, mit halb geschlossenen Augen kann man da schon mal durcheinander kommen.

Wir haben diese Zeit hinter uns. Das Positive? Schockieren kann uns nicht mehr viel. Und es ist wunderbar mittlerweile sehen zu können, wie glücklich unser Baby doch ist. Jedes Lachen ist Balsam für die Seele.

Irgendwas haben wir in dieser schweren Zeit wohl doch richtig gemacht. Und wenn es nur die Tatsache ist, dass wir ihn stundenlang getragen und gekuschelt haben.

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