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Ich hatte einen Job und eine Familie - dann verlor ich alles und landete auf der Stra├če

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Ich habe es gut getroffen im Leben, das dachte ich lange Zeit.

Ich war gl├╝cklich, hatte einen guten Job, eine s├╝├če Tochter und eine Frau, die ich geliebt habe. Ich dachte, es w├╝rde immer so weitergehen. Wir drei, ich als Alleinverdiener unserer kleinen Familie.

13 Jahre lang habe ich im Personenschutz gearbeitet und Promis durch die Gegend gefahren. Ich habe gut verdient. Wir hatten ein angenehmes Leben.

Doch dann, von einen Tag auf den anderen, 2012, ist meine Welt zusammengebrochen.

Oben im Video erz├Ąhlt Steffen, wie es ihm ergangen ist.

Meine Frau hat sich von mir getrennt, hat das alleinige Sorgerecht f├╝r unsere kleine Tochter beantragt. Meine Tochter war damals gerade mal f├╝nf Jahre alt. Ich war v├Âllig fertig.

So fertig, dass ich mich ablenken musste. Ich habe nur noch gearbeitet. Mein Chef wusste nicht, was mit mir los ist. Ich habe den ganzen Tag und die ganze Nacht gearbeitet, sechs Tage lang ohne Pause. Mit genug Koffein geht das. Zumindest, um sechs Tage durchzuhalten.

Dann hatte ich alle Kraft verloren. Ich konnte nicht mehr. Ich musste zum Arzt und er stellte die Diagnose: Burn-Out. "Sie sind ausgelaugt", sagte er mir.

Ich hatte nichts mehr

Ich musste mich in ├Ąrztliche Behandlung begeben. Meine Ex-Frau hat das alleinige Sorgerecht f├╝r unsere Tochter bekommen. Das war alles zu viel f├╝r mich. Ich musste die Stadt, in der ich jeden Tag meiner Frau und meiner Tochter begegnen k├Ânnte, ohne mit ihnen zusammen zu leben, so schnell wie m├Âglich verlassen.

Ich habe meinen Job aufgegeben, im gegenseitigen Einvernehmen, bin nach Berlin gegangen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Aber ich hatte nichts mehr. Keine Familie, keinen Job, auch meine privaten Eigent├╝mer und meine F├╝nfzimmer-Wohnung hatte ich meiner Ex-Frau ├╝berlassen. Ich wusste nicht mehr, wohin mit mir. So bin ich auf der Stra├če gelandet.

Ô×Ę Mehr zum Thema: Ich lebe jeden Tag mit der Angst, angez├╝ndet zu werden

Monatelang habe ich auf der Friedrichstra├če gelebt, von September 2013 bis Juli 2014, einen ganzen kalten Winter auf der Stra├če. Ich bin tagelang herumgelaufen, um mich warm zu halten und um mir die Zeit zu vertreiben.

Man muss dar├╝ber sprechen

Es war eine schlimme Zeit. Aber ich habe auch Freunde gefunden. Andere Obdachlose, die mir geholfen haben. Es war ein T├╝rke, der mich von der Stra├če geholt hat. Drei Jahre lang durfte ich f├╝r ihn arbeiten, das hat mir sehr geholfen.

Andere Obdachlose haben mir von der Suppenk├╝che in Pankow erz├Ąhlt. Seitdem komme ich hierher. Hier habe ich auch Bruder Johannes kennengelernt, der hier arbeitet und mir sehr geholfen hat, einfach, indem er mit mir gesprochen hat.

Das ist ein Tipp, den ich nur jedem geben kann, dem es schlecht geht, der vielleicht selbst Burn-Out hat, oder sogar auf der Stra├če lebt: Ihr m├╝sst mit anderen Menschen dar├╝ber sprechen, nur dann wird es besser.

Meine Tochter habe ich nie wieder gesehen

Mittlerweile geht es mir besser. Ich habe den Kontakt zu meinem Chef nie verloren, weil wir immer einen guten Draht zueinander hatten. Er hat mir wieder Auftr├Ąge gegeben und so arbeite ich teilweise wieder als Sicherheitsmann, aber nicht angestellt, sondern frei.

Ich verdiene nicht viel, aber es reicht, um nicht mehr auf der Stra├če leben zu m├╝ssen. Wenn ich jetzt im Sommer wieder auf der Stra├če lebe, dann, weil ich es m├Âchte. Hier f├╝hle ich mich frei.

Und ich habe Angst vor einem erneuten Burn-Out. An meine Tochter denke ich jeden Tag. Sie ist mittlerweile 11. Ich habe sie nie wieder gesehen.

Aber ich wei├č, dass sie irgendwann dazu bereit sein wird, sp├Ątestens wenn sie 18 ist und selbst entscheiden darf. Sie hat einen starken Charakter, da kommt sie ganz nach mir.

Der Text wurde von Amelie Graen aufgezeichnet.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen ├╝ber Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut l├Ąuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie pr├Ągen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie f├╝hlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Fl├╝chtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gel├Âst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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