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Die Nazi-Organisation der Dritte Weg will Ostdeutschland erobern - in Plauen haben sie schon einen Stadtteil gekapert: Ein Hilferuf

16/01/2017 21:34 CET | Aktualisiert 17/01/2018 11:12 CET
dpa

In Plauen versucht eine rechte Partei, die sich der Dritte Weg nennt, nicht nur einen ganzen Stadtteil unter Kontrolle zu bringen. Sie versucht von dort auch, den ganzen Osten zu erobern.

Haselbrunn heißt das Viertel. Schon seit Jahren sind hier Gruppen aktiv, die sich dem rechten Spektrum zuordnen lassen. Doch seit der Dritte Weg hier Anfang des Jahres ein Büro eröffnet hat, hat das Treiben seinen Höhepunkt gefunden.

Die Anhänger treten öffentlich auf. Sie veranstalten Rechtsrock-Konzerte, wie jetzt wieder Ende Januar. Sie tragen Kleidung mit Nazi-Sprüchen drauf. Sie sprühen auf Hauswände und öffentlichen Plätzen das Zeichen „NS-Zone". Sie veranstalten rechte Workshops und Schulungen. Unter ihnen tummeln sich Schläger und Nazis aus der ganzen Republik. Und sie bedrohen die Einwohner hier - auch mich.

Als ich mir ein neues Auto gekauft habe, wurde ich ihnen angesprochen: Schönes Auto! Mein Briefkasten ist regelmäßig voll mit Drohbriefen. Bislang ist mir nichts passiert - aber das Signal ist klar:

"Wir wissen, wo du wohnst. Und wir können zuschlagen, wenn wir es wollen."

Die Partei versucht, in die Fußstapfen der NPD zu treten und höhere Ziele anzustreben, etwa eine Kandidatur für den Bundestag. Sie wollen ein Sammelbecken für alle rechten Kameradschaften sein, die sich in unserer Region gebildet haben. Und ich fürchte, dass sie damit Erfolg haben könnten.

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Mit Plauen haben sie sich dafür die richtige Stadt ausgesucht. Wir haben hier einen Hang dazu, uns in die eine oder andere extreme Richtung zu bewegen. Dieses Gedankengut versucht der Dritte Weg, wiederzubeleben.

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Wir haben schon in der Nazi-Zeit eine Vorreiterrolle gespielt. 1933 haben hier die überwältigende Mehrheit NSDAP gewählt. Nach dem Krieg haben unsere Großeltern das Gedankengut an unsere Kinder weitergegeben - so konnte es historisch überleben. Für den Pegida-Ableger sind hier 5.000 Menschen auf die Straße gegangen. Das klingt wenig - aber Plauen hat nur 60.000 Einwohner. Verglichen mit Dresden ist das also eine ganze Menge.

Polizei und Politik und schauen zu

Hinzu kommt, dass die Öffentlichkeit dem Dritten Weg das Feld fast ohne Gegenwehr überlässt. Es ist schwer, der Mehrheit begreiflich zu machen, welche Gefahr von der Partei ausgeht. Viele sagen: Lass die mal machen, die sind nicht so schlimm. Auch Freunde und Bekannte - das ist erschreckend.

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Und die Politik? Schaut zu. Es geht nicht, dass in Plauen 800 Personen mit Feuerwerkskörpern über eine EU-Fahne laufen und sie niedertrampeln können wie am ersten Mai vergangenen Jahres - und die Stadt nichts dagegen unternimmt. Die Reaktion des Bürgermeisters war damals: Macht die Türen zu, lass sie laufen.

Wer glaubt, dass das schon ausreicht, ist naiv.

Auch von der Polizei fühle ich mich im Stich gelassen. Dort ist man zu neutral oder sogar auf der anderen Seite. Auf einer Nazi-Demo habe ich einen Polizisten gefragt, auf welcher Seite er steht. Er hat gesagt: Ich bin Patriot. Was das nun bedeutet, kann jeder selbst beurteilen. Aber das war nicht die Antwort, die ich erwartet hatte.

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Diese Mischung aus wegschauen, dulden, mitmachen hat Deutschland schonmal in eine dunkle Zeit gestürzt - das darf nicht wieder passieren! Wir haben das Aktionsbündnis Vogtland gegen Rechts ins Leben gerufen, dessen Sprecher ich bin. Wir gehen in Schulen und klären auf. Organisieren Workshops und veranstalten Demonstrationen.

Aber es hilft nichts, wenn sich die Mehrheit darauf ausruht. Wir müssen alle auf die Straße gehen und sagen: Wir wollen euch hier nicht! Wir als Bürgerliche haben es in der Hand. Wir müssen auch unseren Freunden, Bekannten und unserer Familie immer wieder erklären, was hier vor sich geht.

Ich bin in der DDR aufgewachsen und weiß, was es bedeutet, in einem Unrechtsstaat zu leben. Ich habe große Angst, dass die Demokratie, die wir uns im Osten erkämpfen mussten, durch Bewegungen wie der Dritte Weg wieder zunichte gemacht wird. Wir müssen alles dagegen tun, dass sie keinen Erfolg haben. Das dürfen wir nicht zulassen.

Nicht nocheinmal.

Das Protokoll wurde aufgezeichnet von Jürgen Klöckner.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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