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Künftig werden uns Hightech-Kapseln im Körper gesünder machen

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PILL
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Als Apotheker und Experte für Gesundheit und Prävention weiß ich um meine Verantwortung, die darin besteht, unabhängig zu beraten. Es geht darum, den Patienten fachlich und menschlich bei der Umsetzung seiner Therapie im Alltag zu unterstützen.

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Diese Aufgabe geht weit darüber hinaus, Menschen ordnungsgemäß mit wichtigen Arzneimitteln zu versorgen. Ich bin die letzte Instanz, welche das verschriebene Medikament und die Dosierungsempfehlung des Arztes weitergibt. Wenn ich dem Kunden einen schönen Tag wünsche und er meine Apotheke verlässt, trägt er jedoch selbst die Verantwortung für seine Gesundheit und dafür, was er aus meiner Empfehlung macht.

Was wäre aber, wenn die Verantwortung weiterhin ausschließlich in der Hand des behandelnden Arztes bliebe? Was, wenn er die Medikation von seinem Schreibtisch aus steuern könnte? Was klingt, als wäre es dem Kopf eines Science-Fiction-Autors entsprungen, ist inzwischen Realität. Eine digitale Pille existiert bereits und ist nun in den USA von der Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) zugelassen. Die Pille verfügt über einen Chip, welcher überprüft, ob der Patient tatsächlich seine Medikamente einnimmt.

Hitzige Diskussionen über Für und Wider des digitalen Medikamenten-Feedbacks

Der sandkorngroße Chip - einseitig mit Magnesium und auf der anderen Seite mit Kupfer beschichtet - erzeugt ein Signal, sobald er mit Magensäften in Berührung kommt. Ein behandelnder Arzt kann auf diese Weise genau dokumentieren, wie der Patient das Medikament annimmt und welche Reaktionen sein Körper zeigt. Er kann auf diese wiederum sofort eingehen.

Diese konkrete Überwachung der Dosis beinhaltet auch ein Feedback an den Patienten. Dies soll verhindern, dass er eine Medikamenteneinnahme auslässt. Immerhin nehmen in Deutschland 50 Prozent der Patienten ihre Medikamente gar nicht oder falsch ein.

Ein sogenannter „Drug Holiday" verursacht aber jährlich nicht nur Milliarden Euro Kosten, sondern hat auch schwerwiegende Folgen für die Gesundheit der Patienten. Dank der digitalen Pille ist der behandelnde Mediziner sofort über eine lückenhafte oder falsche Einnahme informiert. Gleichzeitig muss eine veränderte Medikation nicht mehr zwangsläufig mit dem lästigen Arztbesuch und langen Wartezeiten einhergehen - eine besondere Erleichterung für alte oder schwer kranke Patienten.

Auch was in Form der Wearables in den letzten Jahren als Spielerei für Gesundheitsfanatiker teilweise lächelnd beäugt wurde, könnte nun besonders für Senioren lebensrettend sein. Denn neben der überwachten Medikamentenzufuhr und Wirkungsweise kann der Arzt außerdem wichtige Daten über Herzschlag und Puls konstant im Blick behalten und entsprechend schnell handeln.

Warum die digitale Pille Gesundheitsethiker auf den Plan ruft

Eben dieses Reagieren des Arztes lässt kritische Stimmen laut werden. Gesundheitsethiker betrachten die Innovation als bedenkliche Überwachung - und sehen selbst das mögliche Eingreifen im Notfall kritisch. Wer kontrolliert in diesem Fall wiederum die Ärzte? Der geäußerte Missbrauchsvorwurf erinnert im Ansatz an die kontroverse Debatte zum Thema Sterbehilfe, die Politiker, Mediziner und Gesundheitsethiker in Atem hält.

Die Befürchtung: Der Patient könnte „unmündig" werden, da ihm die Entscheidungsgewalt in einem solchen Fall ein Stück weit entzogen wird. Ein Lösungsansatz könnte hier eine rechtliche Vorlage für den Patienten sein - ähnlich wie bei der Patientenverfügung. Eine schriftliche, regelmäßig aktualisierte Einwilligung des Patienten könnte ein Missbrauchsrisiko zumindest eindämmen. Betont werden sollte an dieser Stelle der Nutzen, den eine Behandlung mit der digitalen Pille gerade für alte oder sogar demente Menschen haben könnte.

In welchen Bereichen sind Kontinuität und Präzision besonders gefragt?

Doch digitale Mediaktion ist auch fernab von altersbedingten Krankheiten auf dem Vormarsch. Bald können Frauen sich zur Empfängnisverhütung Mikrochips einsetzen lassen. Diese werden per Fernsteuerung aktiviert und sorgen dafür, dass der Körper automatisch die haargenau notwendige Dosis an Hormonen aufnimmt.

Bisher bot ein Hormonstäbchen, das am Oberarm der Frau implantiert wurde, lediglich drei Jahre lang umfassenden Verhütungsschutz. Nun kann die Patientin ganze 16 Jahre lang vor einer ungewollten Schwangerschaft geschützt sein.

Die neuen Mikrochips sollen, mit entsprechenden Medikamenten bestückt, auch bei chronischen Krankheiten zur Anwendung kommen. Besonders dort, wo eine regelmäßige Verabreichung penibel genau dosiert sein muss, könnte diese Form der Medikation bald unerlässlich sein.

So sieht es Thomas Rabe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin (DGGEF). Auch die Behandlung von Diabetikern mit Insulin wäre auf diesem Wege beispielsweise noch gezielter und außerdem, aufgrund der ausbleibenden Injektionen, gewebeschonender möglich.

Der digitalen Medikation zum Trotz: Das persönliche Gespräch ist unerlässlich

Auch in diesem Fall drängt sich die kritische Frage auf: Was, wenn es zu einem Defekt kommt und der Patient eine falsche Dosierung erhält? Eine Regulierung per Fernbedienung birgt darüber hinaus eine Manipulationsgefahr durch Dritte.

Umstritten ist derzeit auch die Datensicherheit. Die Kommunikation zwischen Chip und Fernbedienung erfolgt noch über ein unverschlüsseltes Funksignal. Diese Datenübertragung muss erst sicher sein, bevor sich die Amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA den Tests am Patienten widmen kann. Eine verlässliche Datenübertragung ist ein Ziel für das nächste Jahr.

Ob digitale Medikamente zur Behandlung von Krankheiten oder zur Verhütung: Wichtig ist immer, den Patienten als mündig anzusehen, seine Rechte und Bedürfnisse zu wahren und zu achten, aber auch auf seine Ängste einzugehen. Die moderne Medizin bietet uns viele Möglichkeiten, Menschen besser zu behandeln, entbindet Ärzte und Apotheker aber nicht von der Verantwortung gegenüber dem Patienten. 

Das persönliche und aufklärende Gespräch ist wahrscheinlich durch diese Neuerungen sogar wichtiger als zuvor. Der autonome Mensch hat selbst die freie Entscheidungsgewalt über seinen Körper. Aus diesem Grund ist an den Eckpunkten der Medikamentenverordnung und -ausgabe besondere Sensibilität gefordert, die über ein nüchternes "Hallo und Auf Wiedersehen" hinausgehen muss.

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