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Stefanie Gleising Headshot

An die Krankenschwestern im Hospiz, die mich in meinen schwersten Stunden begleitet haben

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Im Herbst 2014 durfte ich eine wunderbare Heilung erleben. Ich war schon dem Tode geweiht und kam mit einer geschätzten Lebenserwartung von nur noch wenigen Tagen ins Hospiz. Doch es sollte ganz anders kommen.

Anstatt schlechter ging es mir von Tag zu Tag besser, sodass ich sogar nach sechs Wochen das Hospiz wieder verlassen habe. Ich konnte wieder reden, ganze zusammenhängende Sätze formulieren, hatte wieder Bezug zur Realität und konnte wieder alleine laufen. Wie wunderbar!

Mein Bild von dem Heilungsprozess ist ein Puzzle, das aus unterschiedlich großen Teilen besteht. Ein großes Teil ist der Umgang des Pflegepersonals mit mir im Hospiz, dem ich mit diesem Brief herzlich danken möchte.

Liebes Pflegeteam,

Ihr habt Euch so ehrlich und fürsorglich um mich gekümmert, habt Dank für so Vieles.

Als ich in das Hospiz eingeliefert wurde, war ich nicht mehr bei Sinnen. Ihr musstet mich tragen, füttern, an- und ausziehen. Hatte ich eine wache Phase, war ich, glaube ich, am Anfang nicht sehr freundlich.

In meinem Kopf spielten sich Folterszenen ab. Ich projizierte die Täterrolle auf Euch. Weil mir jede Berührung weh getan hat, glaubte ich zunächst, dass Ihr mir schaden wollt. Dennoch seid Ihr nett und freundlich geblieben. Ihr habt es nicht persönlich genommen.

Voller Geduld habt Ihr gewartet, bis ich beim Essen mit großer Mühe ein kleines Bisschen zu mir genommen hatte. Nie habt Ihr mich unter Druck gesetzt.

Als ich mich das erste Mal nackt im Bad gesehen habe, war ich tief erschrocken, was für ein elendes Gerippe ich war. Doch keine/keiner von Euch hat sich abfällig über mich geäußert. Ihr habt Euch so verhalten, als ob alles an mir in bester Ordnung sei.

Danke, dass ihr euch mit mir über meine Heilung gefreut habt

Jeden Morgen habt Ihr mir unermüdlich das Frühstück an das Bett gebracht. Selbst als ich schon längst alleine runter an den gemeinsamen Essenstisch gekonnt hätte, habt ihr mir auf Wunsch das Frühstück in mein Zimmer getragen. Das war unbestritten eines der Highlights des Tages.

Nach Monaten kaum was essen können, war das Frühstück, nun mit Appetit, ein Fest. Frischer Kaffee, ein Brötchen mit Marmelade oder Honig mit Quark, Joghurt, Käse, ein Glas Orangensaft, ein frisch gekochtes Ei. Manchmal reichte ein Tablett nicht aus.

War ich die einzige Patientin? Nein, das Hospiz war bis auf das letzte Zimmer gefüllt. Selbst als es mir schon so gut ging, dass ich in die Einliegerwohnung für Gäste ziehen konnte, dafür musste ich Treppen steigen, habt ihr mir das Frühstück noch ans Bett gebracht. Einfach nur, weil ich das so genossen habe. Nie hat sich jemand beschwert. Ihr habt Euch einfach mit mir über meine wunderbare Heilung gefreut.

Ich habe mich bei euch als vollständigen Menschen empfunden

Es war Euch auch nicht zu viel, extra für mich das futuristisch anmutende Bad einzulassen. Ihr hattet regelrecht Freude daran, mir die Atmosphäre so schön wie möglich zu gestalten. Ich hatte Musik, eine Kerze und durfte sogar die Zeit alleine genießen. Auf meinen ausdrücklichen Wunsch, habt Ihr mir das zugetraut. Außerdem hatte ich ja eine Klingel in Reichweite.

Doch das Allerwichtigste war wohl Euer Umgang mit mir. Ich hatte nicht das Gefühl, eine Kranke zu sein, bei der es der Job verlangt, sich um sie zu kümmern. Ich habe mich umgekehrt bei Euch stets als einen vollständigen Menschen empfunden, der gerade eine schwere Krankheit hat.

Trotz meiner würdelosen Situation habt Ihr mir nie die Würde aberkannt. Damit habt Ihr sicherlich ein für die Heilung notweniges Feld aufgebaut.

Ich war euch nie zu viel

In Euren Augen konnte ich stets Respekt und Wohlwollen für meine Person erkennen. Ich war Euch nie zu viel. In der Regel hattet ihr auch immer ein offenes Ohr, wenn ich reden wollte. Ging es mal nicht, dann kamt ihr mit Sicherheit an einem günstigeren Zeitpunkt wieder, um das Gespräch wieder aufzunehmen.

Manche haben sich auch mir anvertraut. Wie wunderbar zu fühlen, dass auch ich noch, trotz (oder gerade?) wegen meiner Situation, hilfreich sein kann.

Wenn ich an meine Zeit im Hospiz zurückdenke, dann ist sie fast ausschließlich mit schönen Erinnerungen durchwebt. Wie kann das sein? Ich lag im sterben. Aber ich habe auch eine wunderbare Heilung in einem liebevollen und sicheren Umfeld erfahren.

Sterben und Heilen, alles ist so möglich!

Danke, danke, danke ....

Stefanie

Stefanie Gleising ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie erkrankte 2010 an Brustkrebs, der im Verlauf der Erkrankung metastasierte. Im September 2014 wurde sie ins Hospiz eingeliefert, ihre Lebenserwartung betrug nur noch wenige Tage. Nach sechs Wochen hatte sie sich soweit erholt, dass sie das Hospiz wieder verlassen konnte. Über ihre Spontanheilung hat Stefanie Gleising ein Buch geschrieben. "Meine wundersame Heilung - die Geschichte einer Spontanheilung von Krebs" ist im Herder Verlag erschienen.

2016-11-14-1479123054-2340810-Cover_Gleising_60016.jpg

256 Seiten, €[D] 19,99
ISBN 978-3-451-60016-6

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