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Stefanie Giesselbach Headshot

Wie ich als Deutsche im amerikanischen Frauenknast landete

Veröffentlicht: Aktualisiert:
WOMAN GETS ARRESTED
napatcha via Getty Images
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In getrennten Fahrzeugen transportieren die Männer vom ICE Moritz und mich ins Untersuchungsgefängnis von Chicago, das Metropolitan Correctional Center, kurz MCC genannt. Das dreieckige Hochhaus mit den seltsamen schlitzförmigen Fenstern liegt mitten in der Innenstadt. Trotzdem habe ich es noch nie bewusst wahrgenommen.

Nacheinander fahren wir mit unseren Bewachern im Fahrstuhl in den zweiten Stock des Gebäudes. Dort sehen wir uns noch einmal kurz wieder, bevor er nach links abgeführt wird und ich nach rechts. Sie schieben mich in einen kahlen Raum, in dem es nichts als eine Metalltoilette und eine schäbige Sitzbank gibt. Hier ist Platz für bestimmt zwanzig Leute, aber ich bin ganz allein. Eine Klimaanlage bläst eiskalte Luft herein.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, als eine schwarze Justizbeamtin mich abholt. Sie bringt mich in einen Umkleideraum mit meterhohen Regalen, in denen Gefängniskleidung in allen erdenklichen Größen lagert.

Die Ankunft

"Zieh deine Sachen aus und reich sie mir einzeln rüber", ordnet sie routiniert, fast ein wenig gelangweilt an. Stück für Stück vermerkt sie meine Wäschestücke auf einem Formular und packt sie in einen Karton.

Meine Ohrringe tütet sie separat ein, sogar mein Haargummi nimmt sie in Gewahrsam. Schließlich stehe ich mit offenen Haaren und splitternackt vor ihr. Dann folgt die Leibesvisitation.

"Schüttel deine Haare aus", verlangt sie. Ich schaue sie ungläubig an. "Na los, Kopf runter", sagt sie mürrisch. "Ist das etwa dein erstes Mal?" Danach inspiziert sie meine Ohrläppchen, schaut mir in den Mund, lässt mich die Füße anheben, damit sie die Fußsohlen sehen kann. Ich muss meine Brüste nacheinander anheben und die Arme in die Luft strecken, damit sie auch meine Achselhöhlen kontrollieren kann.

Mir ist bitterkalt, aber ich befolge ihre Anweisungen. "Squat and cough!", fordert sie zuletzt. "Wie bitte?" "Squat and cough!" Sie muss sich noch mehrmals wiederholen, bis ich verstehe. Ich soll breitbeinig in die Hocke gehen und husten. Falls ich irgendwelche Schmuggelware in meinen Körperöffnungen mit mir herumtrage, würde diese dabei zutage kommen.

Dann stellt sie mich auf die Waage und greift nach einem prüfenden Blick auf meinen Körper gezielt in verschiedene Regalfächer. Ich bekomme eine knallorange Hose und ein dazu passendes kurzärmliges Oberteil. Beides erinnert an die Arbeitskleidung einer OP-Schwester.

Dazu gibt es zwei riesige weiße T-Shirts und Unterwäsche. Die unförmigen Oma-Schlüpfer sind so groß, dass definitiv jede Frau hineinpassen würde, und die Büstenhalter haben keine Metallbügel. Ein paar dünne, schlauchartige Tennissocken und dunkelblaue Billig-Slipper vervollständigen das Outfit.

Meine Habseligkeiten soll ich per Postpaket an jemanden »draußen« schicken lassen. "Nach Deutschland?", frage ich naiv. Nein, das geht natürlich nicht. Ich brauche eine Adresse in den USA. Auf die Schnelle fallen mir Susan und Kurt ein. Ihre Anschrift unterscheidet sich ja nur durch die Apartment-Nummer von meiner.

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Zum Schluss muss ich noch meine Fingerabdrücke abgeben. Dann bringt mich die Wache in einen anderen Raum, wo ich fotografiert werde. Ein sogenannter Mugshot, wie sie die US- Strafverfolgungsbehörden zu Zehntausenden im Internet veröffentlichen. Eine halbe Stunde später drückt mir ein mürrischer Wachmann eine kreditkartengroße Plastikkarte in die Hand, die mich als Federal Inmate, als Bundesgefangene Nummer 22604-424 ausweist. Ungläubig starre ich in die Kamera, hinter mir eine weiße Wand mit einer Maßtabelle.

Ich kann nichts anderes tun als warten

Die Tür des Fahrstuhls öffnet sich geräuschvoll in eine Art Aufenthaltsraum. Ich sehe orange gekleidete Frauen in Gruppen beieinandersitzen. Es ist merkwürdig still. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich, dass fast alle Ohrstöpsel tragen und auf einige Bildschirme starren, auf denen verschiedene Programme stumm vor sich hin flackern.

Ich soll mich bei dem diensthabenden Wachmann melden. Sein Schreibtisch steht mitten im Raum und der Weg dorthin ist ein Spießrutenlauf. Etwa zwei Dutzend Augenpaare folgen mir auf meinem Weg. Dass ich ein Neuzugang bin und von draußen komme, erkennen sie vermutlich schon daran, dass ich noch geschminkt und sorgfältig frisiert bin.

Der Wachmann begrüßt mich knurrend, wirft einen kurzen Blick auf den Belegungsplan und nennt mir eine Zimmernummer. Mit dem Kinn deutet er auf eine dicke Frau, die in der Nähe sitzt. "Von der da kriegst du alles, was du für die Nacht brauchst." "Siehst du nicht, dass du störst?", blafft mich die Gefangene entnervt an, als ich sie vorsichtig anspreche. "Kannst wiederkommen, wenn der Film zu Ende ist."

Mein Bett finde ich in einem seltsam geschnittenen Raum, der mit drei Etagenbetten und den dazugehörigen Spinden und Plastikstühlen vollgestopft ist. An einer Wand ist ein Waschbecken angebracht. Eine Toilette entdecke ich nicht, und darüber bin ich einigermaßen erleichtert: Es scheint jedenfalls separate Klos zu geben.

Alles hier wirkt unhygienisch, abgenutzt und speckig. Die Tür ist zwar nicht vergittert, aber auf einer Seite in Sichthöhe verglast, damit die Wachen jederzeit von außen hineingucken können.
Mir ist eine obere Liege zugeteilt worden. Im Bett darunter liegt eine Frau, die schon zu schlafen scheint. Eine weitere Zimmergenossin schnarcht in einer anderen Ecke. Vorsichtig deponiere ich mein Kleiderbündel auf der dünnen Matratze. Bettzeug habe ich ja noch nicht. Ich kann vorläufig nichts anderes tun als warten.

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Die Frauen sind mir suspekt

Nach und nach tröpfeln die anderen Bewohnerinnen herein, holen etwas aus ihren Spinden, putzen sich die Zähne. Niemand nimmt groß Notiz von mir. Nur eine ältere Schwarze starrt mich mit weit aufgerissenen Augen unverhohlen an. Sie ist verwirrt und verwahrlost und sagt kein Wort. Als sie den Mund öffnet, sehe ich, dass sie völlig zahnlos ist. Den penetranten Geruch, den sie verströmt, versuche ich zu ignorieren.

Ich bin die einzige Weiße in diesem Raum, noch dazu blond. Obwohl ich zu Tode erschöpft bin, kann ich mir nicht vorstellen, in dieser Umgebung auch nur ein Auge zu schließen. All diese Frauen sind mir mehr als suspekt. Vorerst starte ich einen zweiten Versuch, an meine Bettwäsche heranzukommen.

"Da bist du ja endlich! Mitkommen!", herrscht mich die zuständige Insassin an. Keuchend steht sie auf, watschelt zum Wachmann und lässt sich den Schlüssel für ein winziges Kabuff geben. Dort überreicht sie mir missmutig eine kratzige grüne Decke und ein Laken. "Kopfkissen sind aus."

Außerdem bekomme ich einen speckigen beigen Trinkbecher, ein Stück Billigseife, ein kleines Shampoo-Fläschchen, eine dünne Zahnbürste mit einer Mini-Tube durchsichtiger Zahnpasta und zwei brettharte Handtücher. Und einen Kamm, der so dünn ist, dass er beim ersten Einsatz in meinem langen Haar garantiert brechen wird. Flüchtig wundere ich mich darüber, dass auch zwei Einweg-Nassrasierer zu dieser Erstausstattung gehören. Hat man in dieser Situation keine anderen Sorgen, als sich die Beine und Achselhöhlen zu rasieren?

Auf dem Weg zurück nehme ich meine neue Umgebung vorsichtig in Augenschein. An zwei Seiten der dreieckigen Etage sind die Zellentüren angeordnet. An der dritten, längeren Wand liegen der Eingang zum Fahrstuhl, ein Büro, ein kleiner Sportraum und eine Art Teeküche mit einer Spüle. In der Mitte des Raumes sind einige dunkle Metalltische im Boden verankert, an denen drehbare Hocker befestigt sind. An einer Seite registriere ich flüchtig mehrere Telefonapparate. Und dann stehe ich auch schon wieder vor meiner Zellentür.

Zum ersten Mal ist jemand nett

Das obere Bett zu beziehen, ohne die Frau unter mir aufzustören, ist fast unmöglich. Ich balanciere auf einem Plastikstuhl und zerre verzweifelt an dem Laken herum, als zwei Latinas den Raum betreten. "Hi! Ich bin Sandra", erklärt mir eine der beiden mit einem starken spanischen Akzent. Sie macht einen sehr verhärmten Eindruck und weist mit dem Daumen auf die andere. "Und das ist Nora. Die kann aber kein Englisch."

"Stefanie", stelle ich mich unsicher vor. Was wollen die zwei von mir? "Hast du wirklich vor, in diesem Zimmer zu schlafen?" Niemand benutzt hier das Wort "Zelle", das werde ich schnell lernen. Angewidert sieht sie sich in dem vollgestopften Raum um. "Hier gibt's ja noch nicht mal ein Klo. Willst du dich etwa nachts beim Wachmann melden, wenn du mal musst?"

"Kann ich mir mein Bett denn aussuchen?", frage ich verblüfft. "Ich könnte schon was Besseres für dich klarmachen", erklärt Sandra lässig. Am Ende des Flurs gebe es ein Zweibettzimmer, das im Moment nur von einer Frau bewohnt werde. "Brenda ist Mexikanerin, aber sie kann gut Englisch. Ist eine wie du, ihr kommt bestimmt miteinander klar."

Das Angebot klingt verlockend. Ich weiß trotzdem nicht, was ich davon halten soll. Zum ersten Mal, seitdem dieser Albtraum begonnen hat, ist jemand einfach nett zu mir. Aber warum? Welche Gegenleistung erwarten die Frauen? Und was passiert, wenn ich ihren Vorschlag ablehne? Ich beschließe, meinem Gefühl zu trauen.

Sandra ist mir sympathisch. "Okay, klar - gerne", sage ich zögernd. Sie schleppt mich mit zum Aufseher, damit der meinen Umzug genehmigt. Anscheinend ist es ihm völlig egal.

Bekanntschaft mit "Princess"

Auf meiner papierdünnen Matratze friere ich erbärmlich. Ich liege oben im Stockbett, habe meine komplette Häftlingskleidung anbehalten und die grüne Kratzdecke fest um mich herumgewickelt. Dennoch ist mir kalt. Direkt über mir strahlt eine Neonlampe gleißend hell von der Decke. Ich warte sehnsüchtig darauf, dass es dunkel wird. Doch Brenda lässt sich Zeit, räumt und raschelt unten herum, bis endlich um halb zwölf das Licht für alle ausgeht.

Meine Zimmergenossin ist Mexikanerin, eine schwarzhaarige Schönheit und drei Jahre jünger als ich. Sie stammt sichtbar aus einer ganz anderen Welt als die meisten Gefangenen hier, hat studiert und spricht wirklich hervorragend Englisch. "Princess" nennen Sandra und Nora sie ehrfürchtig, Prinzessin.

Wir mögen uns auf Anhieb, aber an diesem ersten Abend sprechen wir nicht viel miteinander. Ich stehe unter Schock, bin völlig erledigt und brauche meine ganze Kraft, um nicht zusammenzubrechen. Morgen, rede ich mir unentwegt ein, morgen holt mich jemand hier raus, ganz bestimmt. Oder spätestens nach den Feiertagen.

Die ganze Nacht über rauscht die Klimaanlage und bläst kalte, staubige Luft in das Zimmer. Brenda hat kleine Kartons mit Damenbinden vor den Lüftungsschacht gestapelt, um sich ein bisschen vor diesem Luftstrom zu schützen. Aber das bringt nicht viel. Zwei oder drei Stunden nachdem ich endlich eingeschlafen bin, werden wir schon wieder geweckt. Jemand bollert laut an die Tür, und das Licht geht an.

Wie beim Militär

Es ist kurz nach fünf. Spätestens um halb sechs müssen wir zum Frühstück im Tagesraum antreten. Schlaftrunken absolviere ich eine flüchtige Morgentoilette. Als ich im T-Shirt aus unserem Zimmer stolpern will, hält mich Brenda erschrocken zurück. "Du musst die Uniform anziehen! Vollständig! Die schicken dich sonst sofort zurück."

Dann heißt es Schlange stehen. Die meisten Frauen holen sich nur einen kleinen Becher Cornflakes von den Tabletts, die in einen Wagen gestapelt sind. Dazu gibt es eine Art Milch. Ziemlich wässrig, stelle ich nach einer ersten Kostprobe fest. Viele verzichten anscheinend auf das Zeug. Man darf es im Gegensatz zu den Cornflakes auch nicht mit aufs Zimmer nehmen. Andere Getränke kann man sich aus Wasser und einem der schrill bunten Pulver, die neben der Spüle ausliegen, selbst mixen.

Mehr zum Thema: Das teils aggressive Auftreten nordafrikanischer Häftlinge ist kulturell bedingt

Mit diesem "Frühstück" verschwinden alle schnell wieder in ihren Zimmern. Sich noch mal hinzulegen und weiterzuschlafen ist aber verboten, erklärt mir Brenda. Unsere erste und, wie ich bald lerne, einzige Aufgabe am Vormittag heißt: "Betten machen", und zwar wie beim Militär. Keine Falte, kein Stück Laken darf zu sehen sein.

Ein Wachmann geht durch die Räume und kontrolliert jedes Bett genau. Was ihm nicht gefällt, zerrt er wieder auseinander, um die Insassin im herrischen Befehlston anzuschreien: "Mach das noch mal! Und dieses Mal ordentlich!" Natürlich trifft es auch mich. Es ist die erste aus einer endlosen Kette von Zurechtweisungen, die noch folgen werden.

Ich sehne mich nach einer vertrauten Stimme

Danach haben wir für den Rest des Vormittags nichts zu tun. Und zwar überhaupt nichts. Ich sitze abwechselnd im Zimmer und auf einem der harten Hocker im Aufenthaltsraum herum und starre die Uhr an, deren Zeiger einfach nicht vorrücken wollen. Quälend langsam vergeht jede einzelne Minute, bis gegen elf Uhr das Mittagessen kommt.

Wie auf Kommando fangen alle spanischsprachigen Gefangenen an zu bellen, als sich die Fahrstuhltüren öffnen und der Wärmeschrank mit dem Essen hereingefahren wird. "Perro, perro", skandierten sie lauthals: Hund, Hund. Dabei ist dieser Fraß streng genommen noch nicht einmal für Vierbeiner genießbar. Das Fleisch, zäh wie eine Schuhsohle, schwimmt in einer fünf Zentimeter hohen Fettlache. Was für ein Tier "es" einmal gewesen sein soll, ist nicht zu erkennen - wahrscheinlich handelt es sich um ein zusammengeklebtes, elternloses Industrieprodukt.

Das Gemüse kommt aus der Dose und schwimmt geschmacklos in den Resten des Kochwassers. "Angerichtet" ist die Plörre in reichlich abgenutzten gelblich braunen Tabletts mit verschieden großen Mulden. Schon allein beim Anblick vergeht mir jeglicher Appetit.
Lustlos kaue ich auf einem labberigen Stück Toastbrot herum. Als die Frauen an meinem Tisch bemerken, dass ich kaum etwas anrühre, nehmen sie sich begeistert und dankend das Essen von meinem Tablett.

Schon seit dem Morgen überlege ich, wie ich Kontakt zu meinen Angehörigen aufnehmen kann. Haben Christoph und meine Eltern schon in Erfahrung gebracht, was überhaupt los ist? Können sie mich hier rausholen? Sie könnten Jim Marcus informieren, den Anwalt, den ich vor ein paar Wochen schon einmal zu Rate gezogen habe! Bestimmt machen sie sich wahnsinnige Sorgen um mich. Ich sehne mich so sehr danach, eine vertraute Stimme zu hören.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Meine abgeschminkten Jahre" von Stefanie Giesselbach.

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