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Viele Eltern tun alles, damit sich ihr Kind nicht langweilt - und damit machen sie es nur krank

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SAD KID PLAYING THE PIANO
Andy Dean via Getty Images
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Schule, Tennis, Klavierstunden, Nachhilfe - so sieht heute oft der Alltag deutscher Kinder aus. Gesund ist das jedoch gar nicht. So wertvoll die Angebote sein können, zu viel ist nicht gut, denn Stress - auch Freizeitstress - macht Kinder krank.

Seit 16 Jahren arbeite ich als Arzt mit Kindern. Im Laufe dieser Zeit habe ich immer öfter den Eindruck, dass Kinder mit Freizeitangeboten regelrecht überfordert werden, zusätzlich zu den grossen Anforderungen in der Schule. Es sollte definitiv nicht so sein, dass die Freizeit letztendlich stressiger ist als die Schule.

Stress ist ein wichtiges Thema in der Kinderheilkunde

Ein möglicher Hintergrund: Mit den wachsenden Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft werden Eltern immer ehrgeiziger oder sie haben Sorge, etwas zu verpassen.

Sie wollen - sicher in bester Absicht - ihren Kindern besonders gute Voraussetzungen bieten, helfen ihnen damit aber oft nicht. Stress und seine Folgen ist in der Kinderheilkunde tatsächlich inzwischen ein wichtiges Thema und wird auch in der medizinischen Forschung sehr beachtet.

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Denn Stress führt bei den Kindern zu einem bunten Potpourri aus physischen und psychischen Symptomen. Wenn Kinder in meiner Praxis über chronische Kopfschmerzen, Bauchweh oder Schlafstörungen klagen oder Verhaltensprobleme auftreten, dann ist tatsächlich die Ursache immer wieder eine Mischung aus Schul - und/oder Freizeitstress, die diese Symptome auftreten lässt.

Ein Kind sollte selbst bestimmen, welchen Hobbies es nachgeht

In einem solchen Fall sollte es das Kind in der Freizeit unbedingt ruhiger angehen lassen und generell mit seinen Eltern herausfinden, wo die Stressquelle liegt. Stressreduktion soweit wie möglich und das Erlernen eines sinnvollen Herangehens an die Anforderungen des Alltags sind dann die heilenden Maßnahmen.

Und schließlich sollte ein Kind natürlich selbst herausfinden und bestimmen, welchen Hobbies es nachgehen möchte. Leider ist das oft nicht selbstverständlich. Einen extremen Fall habe ich einmal als Klinikarzt miterlebt.

Eine junge Mutter betrachtete ihr Frühgeborenes im Brutkasten - und füllte nebenbei eine Anmeldung für den Tennisclub aus. Ich konnte es nicht fassen. Kaum auf der Welt, plante diese Mutter schon die Freizeit ihres Neugeborenen.

Langeweile kann extrem wichtig für die Entwicklung sein

Außerdem ist es für ein Kind in der Entwicklung auch mal wichtig, sich ohne eine vorgegebene Beschäftigung frei zu entfalten. Wochenende und Ferien bieten dafür Platz. In dieser Zeit sollen sich Kinder vor allem erholen, neue Eindrücke sammeln oder Zeit mit Freunden verbringen.

Doch manche Eltern versuchen auch in den Ferien, ihrem Kind ein möglichst straffes Programm zu bieten. "Bloß keine Langeweile aufkommen lassen", ist da die Devise. Dabei kann gerade Langeweile extrem wichtig für die Entwicklung sein.

Aus Langeweile entsteht Kreativität. Wenn nichts vorgegeben ist und Kinder frei Ideen entwickeln und ausprobieren können, entfalten sich die Kinder, werden selbstständig und lernen dazu.

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Im Urlaub Zeit mit den Kindern zu verbringen ist wichtig

Auch wichtig ist, gemeinsam mit seinen Kindern eine gute Zeit zu erleben, im Alltag, aber auch im Urlaub. Da muss und sollte nicht immer ein grosses Programm vorgegeben sein. Ein Spaziergang am Strand und Muscheln sammeln kann als Rahmen beispielsweise oft schon ausreichen.

Die Kleinen deshalb im Urlaub von morgens bis abends in einen Kinderclub mit einem vorgegebenen Programm beschäftigen zu lassen, ist deshalb natürlich eher kontraproduktiv. Klar, auch Eltern brauchen Erholung abseits von Arbeit und Alltag und Zeit für sich. Und mal eine oder zwei Aktionen mitzumachen mit anderen Kindern, macht den Kurzen ja auch oft Spass.

Aber eine Fremdbeschäftigung über den ganzen Urlaub - nach dem Motto: Urlaub für die Eltern - Programm für die Kinder - wäre aus meiner Sicht nicht sinnvoll. Eine ausgewogene Mischung ist es, die Sinn macht.

Brecht mit euren Kindern aus dem Hamsterrad aus

Auch nicht gut wäre es, noch Lernanforderungen mit reinzupacken. Noch einige Englischstunden etwa. Zu bedenken ist, dass die Kinder von den enormen Anforderungen der Schule schlicht Erholung brauchen. Deshalb würde ich nicht empfehlen, generell noch Schulisches mit in das Ferienprogramm aufzunehmen.

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Die Entwicklung zeigt: Leistung wird in unserer Gesellschaft immer wichtiger, führt aber zu Rastlosigkeit und Stress. Wir wollen doch kein burn out bei unseren Kindern!

Mein Rat an alle Eltern: Brecht mit euren Kindern so weit wie möglich aus diesem Hamsterrad aus. Überfordert eure Kleinen nicht, gebt ihnen Raum für freie Entfaltung und lasst auch mal Langeweile aufkommen.

Wenn Kinder ungestresst und von einer Sache begeistert sind, dann kommen Lernwille und Leistungsbereitschaft von ganz alleine. Ohne Stress und Druck, dafür aber mit ganz viel Freude.

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