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"Die Armut macht sie psychisch krank": Kinderarzt warnt, so geht es Kindern in armen Familien

26/09/2017 11:15 CEST | Aktualisiert 27/09/2017 10:47 CEST
Graham Monro/gm photographics via Getty Images

Woran spart eine Mutter, die am Rande des Existenzminimums steht und um das Überleben ihrer Kinder kämpft? Wenn irgend möglich nicht an Essen, Trinken und einem sicheren Dach über dem Kopf - denn das sind Lebensgrundlagen.

Eine arme Mutter spart in Deutschland an der Bildung ihres Kindes - weil sie es muss.

Für das Kind hat das weitreichende Folgen - bis hin zu deutlich schlechteren beruflichen Perspektiven oder tiefgreifenden psychischen Beeinträchtigungen.

Ich bin Kinderarzt im Landkreis Bayreuth. Obwohl das im Vergleich zu anderen deutschen Regionen eine eher reiche Gegend ist, habe ich auch mit Eltern zu tun, die nicht genug Geld für eine gute, umfassende Ausbildung ihrer Kinder haben.

Vielen Kindern ist es nicht möglich, am sozialen Leben teilzuhaben

Das fängt schon damit an, dass es diesen Kindern definitiv nicht immer möglich ist, außerhalb der Schule am sozialen Leben teilzuhaben. "Wissen Sie, er würde ja gerne in den Sportverein, aber dafür ist leider nicht genug Geld da". Sätze wie diesen höre ich in der Sprechstunde. Da schüttelt es mich.

Mehr zum Thema: Über zwei Millionen Kinder leben in Hartz-IV-Familien - das ist gegen das Gesetz

Für ein Kind ist das eine traumatisierende Erfahrung: Es würde gerne etwas tun und kann nicht - sieht dabei aber, wie andere Kinder genau das tun können.

Das drückt das Selbstbewusstsein. Außerdem fördert es die soziale Ausgrenzung und kann damit sogar psychische Schäden verursachen. Das Kind muss schließlich schon in so jungen Jahren lernen, dass seine Möglichkeiten im Leben äußerst beschränkt sind.

Ein niedriges Selbstbewusstsein ist Gift für die Entwicklung eines Kindes. Es beginnt, sich weniger zuzutrauen und kann sein Potenzial niemals ganz ausschöpfen.

Wenn ein Kind ausgegrenzt wird, tut es sich schwer, soziale Schlüsselqualifikationen zu erlangen, Freunde und seinen Platz in der Welt zu finden.

Armut setzt Kinder einer großen Stresssituation aus

Noch schlimmer ist es für das Kind, wenn das Geld nicht einmal für den Schulbedarf oder gerechte Förderung reicht. Dann wirkt sich die finanzielle Situation der Eltern direkt auf die Schulleistung des Nachwuchses aus.

Schlechte Noten und wiederholte Misserfolgserlebnisse in der Schule verringern die Lernfreude und wiederum das Selbstbewusstsein eines Kindes. Ob es je nach einem guten Schulabschluss oder gar einem Studium streben wird, bleibt fraglich.

Die Armut setzt das Kind damit einer großen Stresssituation aus. Das unbeschwerte Erwachsenwerden und eine normale Entwicklung werden mehr als nur erschwert, wenn nicht gar unmöglich.

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Hartz IV, Wohnungsnot, Armut: Viele Menschen in Deutschland sind betroffen - hier sind ihre Geschichten

An Bildung zu sparen ist höchst problematisch und kurzsichtig von der Gesellschaft - denn schlechte Bildung ist ein Armutsrisiko und führt zu vielfachen Problemen für das zukünftige Leben eines Kindes. Und doch passiert das in Deutschland. Einige Fakten:

Vielen Eltern fällt es schwer, über ihre finanzielle Situation zu sprechen

Armut ist in unserer Bundesrepublik ein großes Problem, das nur nicht so sehr im Interesse der Öffentlichkeit steht: Laut dem Armutsbericht des paritätischen Wohlfahrtsverbandes sind 15,7 Prozent der deutschen Bevölkerung arm.

Dem deutschen Kinderhilfswerk zufolge lebt etwa jedes fünfte Kind in Deutschland in Armut.

Besonders armutsgefährdet seien kinderreiche Familien und Alleinerziehende. Das erlebe auch ich so in meiner Praxis.

Wie wirkt sich das nun aus, welchen Zusammenhang gibt es zur Bildungssituation unserer Kinder?

Vor einiger Zeit kam eine Mutter zu mir. Sie wollte eine Krankschreibung für ihren Sohn - um einen Grund zu haben, ihm nicht das Schullandheim bezahlen zu müssen.

"Er möchte ja mit und ich will es ihm auch ermöglichen, aber ich kann es mir einfach nicht leisten", sagte sie zu mir. Sie war alleinerziehend und hatte nur das Nötigste. Die Geschichte ging gut aus: Die Mutter raffte sich auf, ihre prekäre Situation der Schulleitung zu eröffnen und wurde unterstützt.

Doch das ist wohl nur ein Fall von tausenden in Deutschland. Für Eltern ist es oft sehr schmerzhaft, ihre finanziell schwierige Situation nach außen zu tragen.

In unserer Gesellschaft wird zu oft an Bildung gespart

Trotzdem scheint es unsere Gesellschaft fast vor zu sehen, an Bildung zu sparen. Das fällt auf, wenn man sich die Hartz IV Regelsätze ansieht:

Bezieht eine Familie nur Hartz IV, ist dabei für ein 10-jähriges Kind lediglich ein Betrag von 1,40 Euro pro Monat für Bildung eingeplant.

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Die alleinerziehende Frau, die verzweifelt um eine Krankschreibung für ihren Sohn bat, könnte darüber wahrscheinlich nur lachen. So viel kostet alleine ein Schulheft. Man sieht: Diese Rechnung geht nicht auf. Sie befindet sich fernab der Realität.

Mehr zum Thema: "Das ist asozial hier": Zu Besuch in Leverkusen-Alkenrath, wo die Hälfte der Kinder in Armut aufwächst

Hinzu kommt, dass das Bildungs- und Teilhabepaket für Kinder schwierig zu beantragen ist. Ich habe das im Gespräch mit den Familien, die in meine Praxis kommen, herausgehört: Es muss ein wahnsinnig großer bürokratischer Aufwand sein.

Der kostet natürlich auch etwas: Fast ein Viertel der Gesamtkosten des Pakets verschlingt die Bürokratie.

Auch arme Familien haben einen Anspruch auf soziale Teilhabe

Eine Lösung für die Kinderarmut und die nachfolgenden Schwierigkeiten für die Bildung der armen Kinder in Deutschland ist das nicht.

Meiner Meinung nach muss in der Politik ein Umdenken stattfinden. Kinder aus finanzschwachen Familien müssen dieselben Möglichkeiten haben, wie Kinder aus einem reichen Elternhaus.

Und sie haben Anspruch auf soziale Teilhabe. Sie sollen fähig sein, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und ein selbstbestimmtes, glückliches Leben zu führen. Schließlich sind unsere Kinder unsere Zukunft.

Das Gespräch wurde von Franziska Kiefl aufgezeichnet.

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