BLOG

Eine offene Plattform fĂĽr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Stefan Schmidt Headshot

War da nicht was in Afghanistan?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
AFGHANISTAN
Jeffrey Coolidge via Getty Images
Drucken

Es gibt hier in Beirut ein kleines Caféhaus, in dem man neben Kaffee und allerlei süßem Gebäck auch einen ziemlich gut informierten Herrn Treffen kann, der gerne redet, aber lieber anonym bleiben möchte. Nennen wir ihn also der Einfachheit halber Herr Ali. Dieser hat sich über die Jahre als zuverlässige Quelle hinsichtlich der Zustände in manchem Land des nahen und mittleren Ostens erwiesen. Insbesondere in Afghanistan kennt er sich aus. Das ist insofern spannend, als man gegenwärtig wenig hört von dort und die Lage wie eh und je unübersichtlich ist.

Nach einer typisch orientalischen Begegnung mit allerlei Höflichkeitsbekundungen und dem Austausch der Beteuerungen gegenseitigen Respekts, wurde es bei meinem kürzlichen Zusammentreffen mit ihm spannend. Denn anders als viele Experten unkten, ist Afghanistan derzeit, gemessen an afghanischen Verhältnissen, derzeit relativ stabil. Es gebe sogar so etwas wie einen kleinen wirtschaftlichen Aufschwung, auch wenn die regionalen Unterschiede erheblich seien.

Bemerkenswert, so Herr Ali, der gerade aus Kabul nach Beirut kam, sei dass die afghanischen Verhältnisse ruhiger wurden, je mehr der Krieg in Syrien und in Teilen des Iraks wütete. Könnte es daran liegen, dass die "üblichen Verdächtigen" von Teheran über Moskau bis Washington derzeit eine neue Arena gefunden haben, auf die sie ihre nicht unendlichen Kräfte konzentrieren? Lässt man einmal den ebenso typischen wie unangenehmen arabischen Hang zu Verschwörungstheorien beiseite, könnte man dieser These schon etwas abgewinnen.

Die Afghanen jetzt komplett sich selbst zu überlassen, das wäre fatal. Das sieht auch Herr Ali so, wärend er in seiner Tasse den Schaum ablöffelt. Die Taliban und verwandte Kräfte warteten nur darauf, dass auch der letzte ausländische Soldat das Land verlässt, um Afghanistan dann wieder schnurstracks in die Steinzeit zu katapultieren. Aber "less attention on Afghanistan" (weniger Aufmerksamkeit auf Afghanistan), so Herr Ali, tue dem Land und seinen Menschen offenbar gut. Wirtschaftliche Zusammenarbeit sei jetzt gefragt, humanitäre und logistische Hilfe zur Selbsthilfe. Es sei auf jeden Fall etwas in Bewegung. Vor allem nennenswerte Teile der Jugend entradikalisierten sich.

Herr Ali sieht derzeit eine Trennlinie durch die islamische Welt laufen, die er entlang von Euphrat und Tigris sieht. Westlich davon sei die Jugend dabei, sich weiter zu radikalisieren. Östlich hingegen sei der Zenit dieser Entwicklung bereits überschritten. Es müsse dringend soziologisch untersucht werden, ob seine Hypothese stimme, pocht Herr Ali mit seiner rechten Hand auf den Tisch. Denn wer Huntington gelesen habe, der wisse, dass dieser nicht nur Recht behalten habe. Vielmehr könne man an bestimmten soziologischen Merkmalen wie der Bevölkerungspyramide und dem Radikalisierungsgrad der fünfzehn- bis dreißigjährigen Männer ablesen, wie stabil ein Land sei, beziehungsweise wie es sich entwickeln werde.

Tatsächlich lassen sich solche Thesen bei Huntington finden. Untersuchungen dazu, vor allen in Afghanistan, gibt es bis heute aber keine. Zumindest keine die öffentlich recherchierbar wären. Ein schweres Versäumnis sei das, findet Herr Ali. Man muss ihm wohl zustimmen.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform fĂĽr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: