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Trump, AfD und der Geist von Blondi

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GERMAN SHEPHERD
Getty
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Irgendwie hatte ich diese Woche das Gefühl, ich müsse doch mal einen Arzt aufsuchen. Meine Verdachtsdiagnose in eigener Sache: Wahrnehmungsstörungen. Und das lag sicher nicht am arabischen Fernsehen, denn dieser Tage bin ich in Deutschland, es ist immerhin Vatertag und Muttertag und überhaupt ist der Mai in Deutschland schöner als in Beirut. Aber zurück zu meinen etwaigen Wahrnehmungsstörungen.

Da war zum einen neulich diese außenpolitische Rede von Donald Trump, der jetzt wohl tatsächlich Präsidentschaftskandidat der US-Republikaner wird. Ich habe die Kommentare dazu gelesen und das Schlimmste erwartet. Also habe ich mir die Rede im Original angeschaut und stecke jetzt in einem echten Dilemma: ich fand alles vernünftig, was der Mann gesagt hat. Jedes einzelne Wort.

Ich bin Politikwissenschaftler, vielleicht nicht der beste, aber immerhin mit Abschluss. Und ich wähle sogar ab und an grün. Aber ja, Grundgütiger, Trumps Rede war realistisch, moderat und absolut solide. Dagegen waren George W. Bushs Tiraden aus ganz anderem Holz. Und selbst so manche Aussage der guten Frau Clinton ist schärfer als Trumps Pläne für die Weltpolitik. Da stellt sich doch die Frage: weshalb die völlig abstrusen Kommentare zu seiner Rede? Wer es nicht glaubt, der schaue sie sich an. Erschreckend. Erschreckend gut.

Dann gab es den Parteitag vom neuen deutschen Schreckgespenst. Die AfD versetzt ja manchen Kollegen in Schnappatmung als sei der selige Führer persönlich wieder auferstanden und mache jetzt als Frau mittleren Alters mit Bubifrisur die Republik unsicher. Also habe ich mir den Parteitag der AfD im Lifestream angetan. Komplett. Ja, das war Folter. Aber nur wegen der Länge, des Chaos und der Debattierfreude - auch so manches Zitat wird mir unvergessen bleiben: "Ich beantrage eine Abstimmung darüber, dass wir eine Abstimmung beantragen, ob jetzt abzustimmen ist." Loriot müsste Tränen gelacht haben, Gott hab ihn selig.

Der einzige Unterschied zu frühen grünen Parteitagen war die andere Art schräger Zeitgenossen und das Fehlen strickender Männer. Selbst einen Schäferhund namens Blondi suchte man vergeblich. Dafür gab es einen für meinen persönlichen Geschmack zu laschen Versammlungsleiter, sichtlich am Rande des Nervenzusammenbruchs sowie einen Rentner, der seine Pillen offenbar daheim vergessen hatte.

Der stellte einfach denselben Antrag wieder und wieder und wieder. Doch eines gab es nicht: Rechtsextremismus. In manchen Zeitungen las sich das anders und mir dämmert langsam, woher diese fixe Idee von der "Lügenpresse" herrührt.

Also bleiben logisch betrachtet nur zwei Alternativen: entweder ich habe veritable Wahrnehmungsstörungen - oder aber Donald Trump ist ein passabler Außenpolitiker und die AfD eine relativ normale konservative Partei. Entscheiden Sie selbst.

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