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Österreich: Kickls großer Coup

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AUSTRIA EU MAP
Veronaa via Getty Images
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Schockwellen gehen durch die bürgerliche Mitte Europas, die Linke bebt und die Intellektuellen raufen sich die Haare. In Österreich hat der Kandidat der "sozialen Heimatpartei" Norbert Hofer (FPÖ) die erste Runde der Präsidentschaftswahlen für sich entschieden und sieht beste Chancen in die Wiener Hofburg einzuziehen, den Sitz des Bundespräsidenten der Alpenrepublik.

Doch nicht nur das, er hat auch angekündigt den verfassungsrechtlichen Spielraum des Amtes, nach etwaigem Gewinn der Stichwahlen gegen seinen grünen Herausforderer, in vollem Umfang auszunutzen und so zum Beispiel die österreichische Regierung zu feuern, wenn ihm deren Richtung nicht passt.

Rund 35 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher haben Hofer ihre Stimme gegeben. Die Kandidaten der Sozial- und Christdemokraten kamen zusammenaddiert mühsam auf etwas über zwanzig Prozent. Dabei ist der smart auftretende und äußerst sympathische Herr Hofer ein glasklarer Rechtsnationaler, da braucht man sich gar nichts vormachen.

FPÖ Parteichef Heinz-Christian Strache und seinem Mastermind Herbert Kickl ist damit ein echter Volltreffer gelungen. Kickl, PR-Chef schon unter Jörg Haider, gilt Fachleuten bereits lange als Europas talentiertester und resultatestärkster Kampagnenexperte. Hofer in der Hofburg, es wäre auch sein Verdienst beziehungsweise seine Schuld, je nachdem aus welcher politischen Richtung man derzeit nach Wien blickt.

Interessant ist der Blick von ganz außen auf das Geschehen. Von meinem Beiruter Büro aus ist Österreich in Friedenszeiten etwa so wichtig wie der Oman, um mal eine Spitze gegen die adrette Alpenrepublik loszulassen. Aber es steht seit Monaten im Zentrum der großen Flüchtlingswelle und hat damit einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Was sagen also meine arabischen Kollegen und die Menschen hier über die Vorstellung eines rechtsnationalen Präsidenten in Österreich? Die Antwort wird sie überraschen, ebenso wie mich. Die meisten sehen es als logische Konsequenz der Ereignisse der vergangenen Monate.

Mein Taxifahrer, der mich vom Beiruter Flughafen zum Haus meines Kollegen fuhr, sogar er hatte von der blauen Überraschung von Wien mitbekommen. "Wir werden doch hier im Libanon auch überrannt. Wohin mit diesen Menschen? Ihr Europäer seid so wunderbar naiv.

In Österreich hätte ich auch den Tür-zu-Mann gewählt." Wo denn da der humanitäre Aspekt bliebe, fragte ich ihn. "Helfen, ja, unbedingt", stimmte er mir zu, "aber wieso in Europa? Saudi Arabien, Iran, die Emirate, Katar, die Russen, die Türkei, sie allen spielen doch das große Spiel in Syrien. Warum sollt Ihr Europäer das ausbaden", sprach es und schüttelte den Kopf.

Dank der meisterhaften PR-Maschine Kickl und der Auswahl eines linientreuen, aber sehr sympathischen Kandidaten steht das Land und eigentlich sogar die ganze EU nun wirklich an einer Art Scheideweg.

Hofer als Österreichs Präsident und demnächst der Brexit. Das war es dann wohl mit der EU. Aber hatte mein Taxifahrer nicht recht? Sind wir nicht selbst daran schuld? Ich bin froh, kein Österreicher zu sein. Die Auswahl in der Stichwahl, sie ist heftig.

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