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Backhaus mahnt: minderjährige Flüchtlinge in Not

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REFUGEES CHILDREN
DANIEL MIHAILESCU via Getty Images
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Die Flüchtlingsthematik dominiert in Deutschland die Medienlandschaft seit Monaten. Doch einer Gruppe wurde bislang erstaunlich wenig Aufmerksamkeit geschenkt, und zwar verlassenen und gestrandeten Kindern.

Laut offiziellen Angaben aus Berliner Ministerien werden die Gesellschaft und Behörden mit 800.000 Asylsuchenden vor eine beachtliche Herausforderung gestellt. Aufnahme und Registrierung, komplexe Asylverfahren und Integrationsmaßnahmen treiben die Bundesregierung schlichtweg an deren Kapazitätsgrenzen.

"Die Jugendlichen geraten hier unter die Räder mahnt Sigrun Müller", die sich ehrenamtlich in der Jugendarbeit engagiert. "Was wir derzeit erleben ist beispiellos."

Eine bisher weitgehend unbekannte Problematik

Eine besonders spezielle und sensible Gruppe der Asylsuchenden sind die sogenannten "UMF". Hierbei handelt es sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Besonders Jugendämter werden mit einer bisher weitgehend unbekannten Problematik konfrontiert.

Allein im letzten Jahr sind schätzungsweise 30.000 Minderjährige ohne Begleitung von Eltern oder Verwandten über eine der bekannten Flüchtlingsrouten nach Deutschland gekommen. Der Libanon spielt dabei eine zentrale Rolle, wie man hier vor Ort in Beirut, in diesem von Flüchtlingen überfüllten Land erleben muss.

Kinder werden sogar von ihren Eltern losgeschickt, da diese eine ausreichende Ernährung oder Schutz nicht gewährleisten können. Dieses Jahr wird mit weitaus mehr Ankommenden gerechnet.

Die aus Kriegs- und Krisengebieten stammenden Kinder und Jugendlichen haben ihre Familie meist entweder schon vorher oder auf dem gefährlichen Weg in bessere Umstände verloren und konnten schlicht der Masse folgen. Die akute Not spiegelt sich auch in dem im November erlassenen Gesetz wieder, welches den erstaufnehmenden Jugendämtern erlaubt, die Minderjährigen an andere Bundesländer weiter zu verteilen.

Ungeahnte Herausforderungen

Erfahrungswerte im Zusammenhang mit der Ankunft, Unterbringung und Versorgung elternloser jugendlicher Flüchtlinge sind auf Seiten staatlicher Einrichtungen marginal. Dies stellt die Behörden vor ungeahnte Herausforderungen, die von den Ämtern allein nicht zu bewältigen sind.

Aufgrund der breiten Masse an unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aus Krisengebieten wie dem Libanon, ist man sich über den Verbleib dieser Kinder oft nicht im Klaren, wodurch sie schlicht und ergreifend in Vergessenheit geraten.

Es besteht eine starke Dringlichkeit, diesen Kindern eine Perspektive zu bieten. So findet auch Gerhard Backhaus, Kinder- und Jugendexperte von der Kinder- und Jugendhilfe, dass es wichtig ist, den Geflüchteten einen Schutzraum zu bieten und sie willkommen zu heißen. Darüber hinaus sei eine Inklusion von großer Bedeutung.

Die Aufnahme minderjähriger Flüchtlinge

In der Politik herrscht die Problematik vor, dass die Betreuungsmöglichkeiten von flüchtigen Minderjährigen in Deutschland noch nicht angemessen ausgeschöpft sind. "Wir betreuen schon lange Kinder und Jugendliche, die nicht in ihrer Herkunftsfamilie leben können, weshalb wir - wie so viele andere auch - uns der Herausforderung gestellt haben, bei der Aufnahme der minderjährigen Flüchtlinge mit anzupacken".

Ein Ansatz, dem viele andere Experten und Einrichtungen Folgen. Bei der Aufnahme von minderjährigen Geflüchteten ist es besonders wichtig, eine weitreichende Expertise anwenden zu können, welche sich auf eine langjährige Arbeit mit traumatisierten Menschen stützt. Diese schaffe in solch einer prekären Situation einen vorteilhaften Mehrwert, so Experte Backhaus.

Doch wie wird dieser Mehrwert bisher genutzt? "Uns ist es gelungen, ein großes Wohnhaus für die unbegleiteten Flüchtlinge in Meppen einzurichten. Ein zweites Haus planen wir für eine weitere Gruppe in Bippen", so der Jugendexperte. "Doch wir arbeiten, wie alle in diesem sozialen Beruf, derzeit an der Leistungsgrenze".

Betreuung oft sehr schwierig

Bei genauerer Betrachtung der aktuellen Flüchtlingssituation fällt auf, so Gerhard Backhaus, dass eine Betreuung gerade in kleinen Städten sehr schwierig ist, aber gerade deshalb sehr intensiv ausfällt.

Die Kinder- und Jugendhilfe Backhaus betreue so mittlerweile schon zwei Gruppen mit insgesamt 20 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Marianne Backhaus ergänzt, sie sehe weitere Ansatzpunkte: "Mit der Unterbringung ist die Arbeit nicht getan. Psychologische Beratung und Betreuung, therapeutische Hilfestellungen und Elternarbeit sind nur einige Hürden die bewältigt werden müssen."

Es stellt sich heraus, dass vielerorts die Mitarbeiter geeigneter Einrichtungen an ihre Grenzen stoßen, weshalb sich auch außenstehende Menschen zur Hilfe aufgefordert fühlen sollen, deren die Zusammenarbeit mit jungen Flüchtlingen eine Herzensangelegenheit ist.

"Man muss für diese Menschen immer eine offene Tür haben und sie unterstützen", so Backhaus. Doch alle offenen Türen sind nicht ausreichend, wenn es kein Ende der Fluchtursachen gibt. Die Politik hat hier noch große Aufgaben vor sich, mahnt Sigrun Müller.

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Für die Huffington Post Deutschland ist der 21. April ein besonderer Tag: Peter Maffay ist heute unser Chefredakteur. Er gibt Impulse, lässt Texte schreiben und führt Interviews.Ein Schwerpunkt sind die vielen traumatisierten Flüchtlingskinder, die seit Monaten zu Tausenden in Deutschland ankommen. Leseempfehlungen:

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