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Mensch SPIEGEL, musste das sein?

12/05/2017 09:34 CEST | Aktualisiert 12/05/2017 09:34 CEST
Charles Platiau / Reuters

Die Wahlen in Frankreich sind geschlagen. Der Zeitpunkt ist da, an dem man sachlich über Madame Le Pen schreiben kann, ohne in den Verdacht zu geraten, der Neofaschistin helfen zu wollen. Dass viele Medien für Emmanuel Macron waren, Kommentar und Berichterstattung vermischt haben, geschenkt. Bei einer solch heftigen Auswahl kann das durchaus mal sein und geht ok. Aber eines geht gar nicht. Wenn man unsauber arbeitet. Und das auch noch als DER SPIEGEL.

Verdrehungen voller Hass

Selten hat sich ein Journalist so offensichtlich dabei ertappen lassen wie Stefan Simons. Wer wissen will, warum manche Leser Übelkeit bekommen, wenn sie Medien konsumieren, der braucht sich nur dieses Machwerk des Kollegen (30.04.2017, 18:39 Uhr MESZ, Spiegel Online) anzuschauen.

1. Die Überschrift

Kollege Simons suggerierte mit der Headline "Le Pens Euro-Kehrtwende - Au revoir, Frexit!" auf Spiegel Online, dass Frau Le Pen den Ausstieg aus der EU aus ihrem Wahlprogramm gestrichen habe. Hatte sie nicht. Punkt. Es gibt dafür nicht einmal den Hauch eines belegbaren Faktums. Dieser Punkt stammt aus dem Hirn von Herrn Simons und gewiss nicht von Frau Le Pen. Klare Fake News, die von anderen Medien ohne Gegenprüfung übernommen wurden.

2. Die Behauptungen

Wörtlich schreibt Herr Simons "Marine Le Pen verabschiedet sich von ihrem wichtigsten Wahlversprechen - der Abkehr vom Euro". Pathethisch endet er mit den Worten: "Der Euro ist tot, es lebe der Euro." Ersteres ist schlicht falsch - und der pathetische Abschlusssatz ist es damit auch, bloß dank des Pathos noch ein ganzes Stück peinlicher. Für den Kollegen, nicht für Frau Le Pen.

3. Die Tatsachen

Marine Le Pen stand vor der ohnehin unmöglichen Aufgabe, gegen Emmanuel Macron in der Stichwahl so stark zu punkten, dass sie gegen jede Umfrage doch noch als Siegerin vom Platz gehen würde. Für den Versuch dazu musste sie die Wähler jener rund 76% Franzosen umgarnen, die im ersten Wahlgang latent bis offensiv europaskeptisch gewählt hatten. Dafür hatte sie ein Bündnis mit Nicolas Dupont-Aignan geschlossen, der in der ersten Wahlrunde knapp 5% der Wählerstimmen einsammeln konnte. Nun ist Dupont-Aignan zwar auch ein Euro-Skeptiker, doch kein so radikaler wie Marine Le Pen und ihr Front National. Deswegen hatte sie den Ausstieg Frankreichs aus dem Euro noch einmal explizit unter den Vorbehalt eines Volksentscheides gestellt und an der Zeitachse geschraubt. Das hatte sie zwar auch schon vorher immer mal, doch jetzt betonte sie es. Gleiches gilt für den "Frexit", also den Ausstieg nicht nur aus dem Euro, sondern aus der EU als Ganzes. Dieses Vorhaben stand bei ihr ohnehin schon immer unter striktem Referendumsvorbehalt. Wer anderes behauptet hat, der hat nichts anderes getan als zu lügen. Bei einer Kandidatin, die ohnehin chancenlos ist, wiegt das umso schwerer.

4. Der Zerr-Spiegel

Kollege Simons von Spiegel Online hat also aus dieser kleinen Nuancen-Adaption im Programm von Marine Le Pen eine "Spitzkehre" gemacht und gedichtet: "Ohne Scheu opfert auch Marine Le Pen ihr Wahlversprechen taktischem Kalkül." Ähm, nein, verehrter Stefan Simons, das hat sie nicht. Wirklich so gar nicht. Vielleicht hatten Sie, Herr Kollege, nur einen schlechten Tag oder sind des Französischen nicht so mächtig wie Sie es gerne hätten, um Madame Le Pen folgen zu können - oder Sie haben ihr bei ihren Auftritten und Reden einfach nicht genau zugehört. Aber niemals stand ein Euro-Ausstieg oder gar ein "Frexit" ohne Volksabstimmung auf der Agenda der Marine Le Pen. Niemals. Volksabstimmungen waren Teil ihrer Wahlplattform. Aus einer kleinen Programmadaption auf der Zeitschiene jetzt eine "Spitzkehre" zu machen und das dann auch noch auf der Startseite von Spiegel Online dem deutschen Leser als Journalismus zu verkaufen, das war schlicht dreist und macht einen traurig - auch wenn das Ziel Ihrer Fake News eine intolerante Nationalistin war.

5. Die Konsequenzen

Andere Medien, ja sogar Politiker haben Simons Thesen aufgenommen. Unglaublich, aber im deutschen Fernsehen zu bestaunen gewesen. Dabei war sein Artikel eine faule Arbeit, schlecht recherchiert, falsch eingeordnet und voller Verdrehungen plus Polemik auf Basis von Unwahrheiten, angerichtet auf pathetischem Geschwurbel. Fake News at its worst.