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Krank in die Klinik und tot wieder raus?

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SURGERY ROOM
AdrianHancu via Getty Images
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Immer mehr Deutsche haben Angst, sich zu einer invasiven Ma├čnahme in ein Krankenhaus zu begeben, weil sie - v├Âllig zurecht - Furcht vor der Ansteckung mit resistenten Erregern haben. Das zust├Ąndige Robert-Koch-Institut beziffert die Betroffenen auf 600.000 pro Jahr, von denen 15.000 sterben. Die Gesellschaft f├╝r Krankenhaushygiene geht sogar von bis zu 40.000 Todesf├Ąllen aus. Zum Vergleich: im Jahr 2016 starben in Deutschland 3.214 Menschen im Stra├čenverkehr und rund 55.000 Menschen an einem klassischen Herzinfarkt. Von jenen 600.000 pro Jahr, die sich infizieren, leiden viele schrecklich.

Ein verschwiegenes Drama...

Manche so sehr, dass sie sich sogar das Leben nehmen, wie der baden-w├╝rttembergischen Abgeordnete Wolfgang Raufelder (Gr├╝ne), der sich bei Mannheim selbst anz├╝ndete, weil sein K├Ârper nach einem Routineeingriff von multiresistenten Keimen zerfressen war. Enge Freunde berichten, dass die Bakterien zuletzt sogar im Gehirn des beliebten Landespolitikers "angekommen" waren.

Thema verfehlt!

In der besagten Fernsehsendung wurde das Thema vor allem sozialistisch behandelt. Es fehle an Geld und Personal, so die Moral - und nat├╝rlich am zu h├Ąufigen Einsatz von Antibiotika. Klingt einleuchtend, ist aber nicht der Grund f├╝r die Verkeimung der deutschen Krankenh├Ąuser. Dieser ist viel einfacher. Die Deutschen sind in Sachen Hygiene einfach unter aller Sau. Nur traut sich das keiner zu sagen, weil niemand sch├Âner putzen kann als eine deutsche Hausfrau. Deutsche Reinlichkeit ist der Stolz der ganzen Nation. Nur verwechselt diese Nation seit Jahrzehnten Sauberkeit mit Hygiene.

Der selbe Lappen f├╝r alles?

Der Autor dieser Zeilen war bereits zwei Mal Hintergrundrechercheur f├╝r Kollegen zu diesem Thema. Ich lebe meist im Ausland und sehe die Unterschiede. Bei einem Deutschlandaufenthalt 2014 besuchte ich einen Freund im Krankenhaus und suchte nach den im Ausland allgegenw├Ąrtigen Desinfektionsspendern f├╝r Besucher. Es gab keine. Ich h├Ârte mich um. Es gab auch in anderen Kliniken keine. Inzwischen soll es damit besser sein, doch setzen Sie sich einfach mal in ein deutsches Krankenhaus und schauen Sie dem Treiben zu. Sie werden verwaiste Desinfektionsspender f├╝r Besucher sehen, ├ärzte und Pflegepersonal, die von Zimmer zu Zimmer gehen, ohne sich die H├Ąnde oder die Ger├Ątschaften zu desinfizieren, eklige Sammeltoiletten und Putzpersonal, das offenbar nur einen einzigen Lappen zu haben scheint, mit dem von der Klobrille bis zum Essensbrett am Krankentisch alles auf hochglanz gefeudelt wird - die Verteilung von Keimen inklusive.

Von wegen Einzelf├Ąlle!

Und nein, das sind keine Einzelf├Ąlle. Desinfiziert Ihr Arzt zum Beispiel den Kopf des Ultraschallger├Ątes zwischen den Untersuchungen? Ich gehe die Wette ein und sage: nein in 19 von 20 F├Ąllen. Von den Stethoskopen ganz zu schweigen. Oder die Telefone am Hosenbund der ├ärzte? Wann glauben Sie, haben diese das letzte Mal Bekanntschaft mit einem Desinfektionsmittel gemacht? Von deren Handys, auf denen sie zwischendurch herumfingern, ganz zu schweigen. Schauen Sie, fragen Sie, diese Thematik liegt vor Ihnen als B├╝rger und Patient offen zur Eigenrecherche.

Sauberkeit oder Hygiene?

Sie m├╝ssen dabei eines verinnerlichen: nicht alles, was sauber ist, ist auch hygienisch. Wenn eine Fl├Ąche gl├Ąnzt, n├╝tzt das rein gar nichts, wenn der Lappen kontaminiert war. Sauberkeit sieht man, Hygiene nicht. Man kann als Laie nur indirekt auf sie schlie├čen, indem man die Handelnden in den Kliniken beobachtet. Ob das Putzpersonal strikt nach den Hygienevorgaben arbeitet, ob die ├ärzte und das Personal anst├Ąndig H├Ąnde und Ger├Ątschaften desinfizieren und so weiter. F├Ąllt Ihnen etwas Negatives auf, und das wird es nach wenigen Minuten in vielen deutschen Kliniken, dann melden Sie es. Sie retten damit Leben. Und nein, der Spruch "ein bi├čchen Dreck schadet nicht" stimmt nicht. Dreck t├Âtet. Derzeit 40.000 mal pro Jahr.

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