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Eine Autobahn für den Erlöser

Veröffentlicht: Aktualisiert:
IRAN
BornaMir via Getty Images
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Interessante Nachrichten erreichten uns vergangene Woche aus Teheran, der Haupstadt des Iran. Dort war Mahmud Ahmadinejad, der Ex-Präsident des Iran, beim "Geistlichen Führer" des Landes, Ayatollah Khamenei vorstellig geworden - und hat sich eine Abfuhr geholt.

Denn Ahmadinejad wollte bei den Präsidentschaftswahlen 2017 - nach seiner Zwangspause infolge zweier Amtszeiten - erneut antreten. Doch das wird nun nichts mehr werden. Für die Welt sind das gute Neuigkeiten.

Der Iran, das muss man verstehen, ist eine ziemlich verrückte Mischung aus Mullah-Diktatur und Demokratie. Demokratie à la Iran geht nämlich so: Das Volk darf geheim wählen, vom Bürgermeister bis zum Staatspräsidenten - aber nur Kandidaten, die der "Rahbar", der geistliche und weltliche "Führer" (so die korrekte Übersetzung) vorher von Hand ausgesucht hat.

So bekommt der Führer also immer genau jene Politiker, die ihm gehorchen und das Volk darf sich so fühlen, als lebte es in einer Demokratrie. Ziemlich geschickt diese Iraner, verstecken ihre Diktatur sogar noch besser als Präsident Putin in Russland.

Im Iran läuft alles nach Plan

Dass der iranische "Rahbar" auch noch Oberbefehlshaber aller Streitkräfte ist, schadet seiner Machtfülle ganz gewiss nicht. Lediglich das hohe Alter und die Gesundheit des als jähzornig geltenden Greis im Führeramt ist ein Unsicherheitsfaktor, ansonsten läuft im Iran gerade alles nach Plan.

Das wiederum gefällt Mahmud Ahmadinejad nicht. Denn der international kritisierte Ex-Präsident war nicht nur ob seiner Billigklamotten und seiner Hasstiraden gegen Israel bekannt, sondern auch als "Irrer von Teheran" (Bild Zeitung). Er stürzte den an sich wohlhabenden Iran in eine Wirtschaftskrise und verfolgte Projekte wie den Bau einer Autobahn extra für den kommenden schiitischen Erlöser aus dem Jenseits.

Was erst einmal für unsere westlichen Ohren nur schräg klingen mal, ist auch für einen schiitischen Iraner eine ziemlich komische Sache. Doch es steckt etwas dahinter. Der Akademiker Dr.-Ing. Mahmud Ahmadinejad ist nämlich keinesweg "irre", wie BILD meinte, sondern Anhänger einer Art Sekte, die folgendes glaubt: eines Tages versinkt die Welt im Chaos und ein Erlöser wird kommen, die Erde reinigen und alle braven Leute in das Paradies erheben.

Nun ist Warten eine ziemliche Geduldsprobe. Was läge also näher, dem Chaos etwas nachzuhelfen, damit der "Erlöser" schneller kommt. Deswegen auch die Sache mit der Autobahn und dem einen oder anderen Krieg.

Den Blick nach Teheran wenden

Wir sehen: Mahmud Ahmadinejad daran zu hindern, wieder Präsident werden zu können, ist eine ziemlich gute Nachricht für die Menschheit. Was einen allerdings nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass der Rest der iranischen Führungsriege nicht weniger problematische Figuren beinhaltet.

Und was passiert, wenn der greise und kranke "Führer" stirbt, wird noch einmal spannend und ist für unsere Sicherheit in Europa fast wichtiger als ob der schrille Trump oder die fragile Clinton ins Weiße Haus einzieht.

Denn um die Nachfolge im Amt des iranischen Führers und Allesentscheiders auf Lebenszeit kämpfen mehrere religiöse Strömungen. Alle ultra-schiitisch, alle extremistisch, die Frage ist nur: wie sehr?

Der nächste Rahbar könnte den Iran normalisieren und zu einer Art Islamismus mit menschlichem Antlitz überführen, oder aber aus Ahmadinejads Ecke kommen und zielstrebig auf den jüngsten Tag hinarbeiten. Die Macht und die Mittel dazu hätte er.

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Abgesehen davon, dass der Iran derzeit überall seine Finger im Spiel hat, vom Jemen über Syrien, Afghanistan, den Irak bis zu Hisbollah und Hamas. Die Turbanträger aus Teheran, ihr Geheimdienst und ihre Elitetruppen sind Hauptakteure vieler Konflikte.

Es würde also nicht schaden, wenn die Kollegen in den kommenden Monaten nicht nur den Blick nach Washington wenden, sondern auch nach Teheran. Über unsere Sicherheit in Europa wird derzeit viel mehr dort entschieden als im fernen Washington.

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