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Liebe Briten, verlasst bitte die EU!

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
BREXIT
dpa
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Die neuesten Umfragen lassen es m├Âglich erscheinen, dass die Briten die EU tats├Ąchlich verlassen. Unglaublich? Nein, keinswegs - vielmehr eine logische Konsequenz und so selbstverst├Ąndlich wie die Tatsache, dass die Themse ins Meer flie├čt. Aber fangen wir am Anfang an. Denn damals gab es ein Missverst├Ąndnis, und zwar ein veritables.

Als die Briten in den Siebzigern, ├╝brigens unter massivem "Pro-Einsatz" von Margaret Thatcher, f├╝r einen Beitritt in die damalige Europ├Ąische Gemeinschaft (EG) stimmten, wollten sie einer Freihandelszone beitreten, mit der Aussicht auf einen gro├čen Binnenmarkt. Es ging also um die Wirtschaft und um sonst nichts. Zwar gab es damals schon Fantasten, die sich "Vereinigte Staaten von Europa" herbeitr├Ąumten. Die Realisierung dieses Hirngespinstes erschien seinerzeit allerdings eher abwegig. Doch die Briten sollten sich irren, sehr sogar.

Denn schon ab den achtziger Jahren trieben die Europa-Ideologen die Europ├Ąische Gemeinschaft nicht nur in Richtung eines Binnenmarktes, sondern auch in eine politische Union. Mit den Vertr├Ągen von Maastricht und Lissabon wurden bereits massiv viele Rechte von den Mitgliedsnationen der EU nach Br├╝ssel ├╝bertragen.

Ein Gro├čteil aller Gesetze, die heute der Bundestag und andere europ├Ąische Parlamente beschlie├čen, sind nichts anderes als Vorgaben der EU aus Br├╝ssel. Von der Aufgabe ├╝ber den Schutz der eigenen Grenzen oder der Abschaffung der nationalen W├Ąhrungen einmal ganz abgesehen.

In Europa herrscht die Ideologie

Die Europ├Ąische Union wird von ideologisch motivierten Protagonisten mit voller Wucht in Richtung einer Staatswerdung getrieben. Um ein Haar w├Ąre dies schon vor Jahren de facto durch die "Europ├Ąische Verfassung" gelungen. Diese wurde in einzelnen Mitgliedsnationen abglehnt, erlebte aber eine Zombie-Revival unter dem Namen "Vertrag von Lissabon", nachdem man nur minimale ├änderungen am Text vorgenommen hatte.

Die Briten sind also keineswegs paranoid, wenn sie behaupten, es g├Ąbe den Plan, die europ├Ąischen Nationen in einer "immer enger werdenden Union" zu einem riesigen Zentralstaat zu verschmelzen. Das sind keine Verschw├Ârungstheorien, sondern Fakten - zu besichtigen jeden Abend in den Nachrichten. Nun sind die Briten aber einer Wirtschaftsgemeinschaft beigetreten und hatten nie vor, sich selbst als souver├Ąne Nation aufzugeben. Insofern verwundert es, dass es Beobachter verwundert, dass die Briten sich dagegen seit Jahren mit aller Gewalt str├Ąuben.

Hinzu kommt, dass die Briten an keinem nationalen Trauma leiden, wie so ziemlich jedes Land auf dem europ├Ąischen Kontinent, der jahrhundertelang so etwas wie stabile Staaten nicht kannte - au├čer der Schweiz, die interessanterweise nie der EU beigetreten ist. Ein Wunder? Eher die Konsequenz eines gesunden Nationalbewusstseins.

Ebenso k├Ânnen auch die Briten auf eine jahrhundertelange Kontinuit├Ąt ihrer Staatlichkeit blicken und sind stolz auf ihre uralte Demokratie, die so stabil ist, dass das Vereinigte K├Ânigreich noch nicht einmal eine geschriebene Verfassung braucht. Dass dieses geschichtlich und kulturell intakte Land sich nicht in einem europ├Ąischen Superstaat aufgel├Âst sehen m├Âchten, ist nicht nur verst├Ąndlich, sondern in jeder Hinsicht nachvollziehbar.

London ist eher ein Vorort von New York, als ein Nachbar von Berlin

Ein weiterer Punkt, den man auf dem Kontinent gerne übersieht, ist die kulturelle Unterschiedlichkeit der Briten zu Kontinentaleuropa. Britannien ist anders. Nicht nur wegen des Linksverkehrs. Der Ärmelkanal ist schmaler als die kulturelle Kluft zwischen der Insel und dem Kontinent. London mag geographisch nahe an Paris und Berlin liegen, mental ist es eher ein Vorort von New York.

Daher w├╝rde nach einem Brexit garantiert nicht die Welt untergehen, sondern eine Welle des Aufatmens durch das Land gehen - und auch die "Verbleib-in-der-EU"-Abstimmer w├╝rden schnell merken, dass es der stolzen Insel au├čerhalb der EU besser gehen wird, ebenso wie der Schweiz und Norwegen.

Vor allem aber k├Ânnte etwas anderes passieren, das die wirtschaftspolitischen Karten ganz neu mischen w├╝rde: Gro├čbritannien, so meine Prognose, w├╝rde relativ schnell der NAFTA beitreten, der nordamerikanischen Freihandelszone. Denn wie gesagt, kulturell geh├Ârt Britannien sowieso dorthin und nicht in eine Union mit Bulgarien und Griechenland.

Die NAFTA und die EU w├╝rden so geographisch echte Nachbarn werden und die Chefideologen der EU m├╝ssten zur Kenntnis nehmen, dass ihr Plan aus der EU einen Superstaat zu machen kein Naturgesetz ist, sondern Ideologie, der V├Âlker nicht einfach blind folgen. Ganz neue Chancen t├Ąten sich also auf, mit oder ohne TTIP. Deshalb nur Mut, liebe Briten. Stimmt f├╝r "out" und rettet damit auch uns vor einer zu gro├čen, zu machthungrigen und zu politischen EU. Danke!

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