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Das Leben als Hotel California

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MALIBU
Markus Henttonen via Getty Images
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Von Stefan Schmidt, inspiriert von Bernd Fuhlert und Lea Wolf-Millesi

Die Welt ist doch ein guter Ort, trotz all der schlimmen Dinge in den Nachrichten. Wenn man Los Angeles gegen Abend auf dem Küstenhighway nach Norden verlässt, dann ist die Welt auf einmal ein einziger Zauber. Kein Wunder, dass hier der aus Österreich stammende Musiker, Komponist und Produzent Peter Wolf zusammen mit seiner Frau Lea Wolf-Millesi und den gemeinsamen Kindern sein neues Zuhause gefunden hat. In diesem stadtgewordenen kalifornischen Traum am Pazifik, dessen Lage und Schönheit auch andere Stars angezogen hat.

Ein Mann wie Wolf, dessen künstlerisches Spektrum von André Heller bis Frank Zappa reicht, fand nicht rein zufällig hier an der pazifischen Küste, am gefühlt schönsten Ende der Welt zu traumhafter Musik, ebenso wie viele andere. Don Henley, der als Sänger der Eagles mit „Hotel California" ein musikalisches Denkmal setzte, gehört ebenso dazu wie Joe Zawinul, der mit „Weather Report" Jazz-Geschichte schrieb, oder der deutsche Musikproduzent Hans Zimmer, dessen Kompositionen epochalen Kinofilmen wie „Rain Man" oder „König der Löwen", für den er den Oskar erhielt, ihren Klang gaben.

In den letzten fünfzig Jahren hat Peter Wolf die Musikszene weltweit mitgeprägt, kennt das Musikgeschäft von Jugend an in allen Facetten. Nach einer klassischen Ausbildung als Pianist machte er sich als Jazz-Musiker europaweit einen Namen, bevor er Mitte der Siebziger Jahre seinen Wohnsitz nach Amerika verlegte. Hier erlebte er in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts den kongenialen Frank Zappa, dessen Mann an den Tasten er wurde, und an dessen Seite er Scheiben wie „Tinsel Town Rebellion", „Joes Garage" und „Sheik Yerbouti" mitgestaltete.

Das Oberlippenbärtchen, das Peter Wolf damals trug, ist längst abrasiert und die blonden Haare sind ergraut, doch die kreative Energie ist ihm erhalten geblieben. Das merkt man, wenn man ihn, unweit der berühmten Panamericana, die Malibu als Pacific Coast Highway durchzieht, besucht. Nahe den berühmten Sandstränden wohnt er in einem wahrhaft inspirierenden Ambiente und arbeitet in seinem traumhaften Tonstudio, dessen große Fenster den Blick direkt in die Natur freigeben. Hier entstehen heute die meisten seiner Produktionen, hier realisiert er seine Ideen. Da liegt für uns die Frage nahe, was für ihn die größte Herausforderung beim Komponieren ist.

Und man staunt, denn für diesen Mann mit seiner großen Musikgeschichte steht eine durchaus handwerkliche Komponente im Vordergrund: „Für mich ist das Wichtigste, dass man sich selbst diszipliniert und sich jeden Tag ans Klavier setzt und versucht, neue Ideen zu entwickeln." Wolf ist ein Mensch, mit Schaffensdrang, buchstäblich und im besten Sinn des Wortes bodenständig. Er wartet - nach eigenen Worten - nicht auf den „göttlichen Einfall": „Der kommt dann schon, wenn man konzentriert in eine Richtung arbeitet", sagt er, und sein Lebenswerk gibt ihm recht.

Peter Wolf arbeitet seine Ideen konsequent aus, bevor er sie mit dem Computer realisiert. Zufallstreffer sind nicht seine Welt: „Ich schreibe meine Einfälle ganz traditionell nieder, bevor ich sie aufnehme. Anders als viele junge Kollegen setze ich bei der Kreation einer neuen Komposition nicht gleich im ersten Schritt den Computer ein. Ich muss dem Klang erst ganz traditionell nahekommen, muss ihn in mich aufnehmen, ihn spüren. Erst wenn ich eine gute Idee habe, die in mir gereift ist, die ich also kenne, die ich am Klavier gespielt habe, mache ich dann die Aufnahme mit dem Computer. Der Computer ist für mich lediglich ein Werkzeug, mit dem ich mein kreatives Schaffen festhalte. Für die Dokumentation und Aufarbeitung meiner Kompositionen ist er allerdings eine große Hilfe. So arbeite ich bei Filmscores mit dem Notensatzprogramm Sibelius, in das ich die gesamte Partitur hineinschreibe."

Bei allem Traditionsbewusstsein, das den Komponisten Peter Wolf in seiner täglichen Arbeit auszeichnet, treibt ihn letztlich nur an, was wirklich neu ist in Klang und Ausführung. „Das Einzige, was mich musikalisch interessiert, ist etwas zu machen, was ich noch nicht vorher gehört habe." Irgendetwas zu wiederholen, nur, weil es schon einmal erfolgreich war, das ist nicht sein Ding. Stagnation und kommerzielle Produktionen, wie sie die Szene beherrschen, interessieren ihn überhaupt nicht. „Viele Plattenexekutives heutzutage hören einen Hit und versuchen einen ähnlichen Song zu machen, der die gleichen Merkmale hat. Es ist die Sucht nach kommerziellen Erfolg." Reproduktionen zu schaffen unter dem Motto „Das hat einmal geklappt, dann wird es auch ein zweites Mal erfolgreich sein", das liegt ihm längst fern.

Und doch, er kennt solche Zwänge aus eigener Erfahrung und weiß, dass solche beruflichen Kompromisse das ganze Privatleben einbeziehen. Die Unfreiheit, in bestimmte Produktionen gepresst zu werden, sind für Peter Wolf eine schmerzhafte Erinnerung. „Es gab Zeiten, da wurden mir - meistens von Plattenfirmen - Konzepte auferlegt, die mit mir als Person wenig zu tun hatten. Und wenn das Herz nicht bei der Sache ist, kommen auch keine guten Sachen dabei heraus."

Peter Wolf weiß, wovon er spricht: „Falsche Zugeständnisse wird man sein Leben lang nicht los. Sie holen uns in ungerechtfertigter Weise immer wieder ein, auch wenn wir unsere Lebensprinzipien komplett wandeln. Da kann man machen was er will. Das ist ungerecht." Peter Wolf runzelt die Stirn, wenn er sich an diese Zeit erinnert. „Der größte Fehler meines Lebens, sowohl privat als auch beruflich, war die gesamte Zusammenarbeit mit Christine Ganahl ein untalentiertes Desaster", sagt er. Dass sie noch heute unter ihren Pseudonymen mit ihm in Verbindung gebracht wird, belastet Peter Wolf. Und auch, dass Produktionen, mit denen er nichts zu tun hatte, noch immer seinem Namen auftauchen, kann er nicht verstehen. „Das Internet vergisst nicht und vergibt nichts, selbst wenn es eine Falschmeldung ist", und es klingt mit Recht ein wenig verzweifelt, wenn er uns dies sagt, denn sein Privatleben war in den 1980 Jahren eine reine Katastrophe.

Doch das ist heute vorbei. Seit Leben hat sich geändert. „Seitdem ich mit Lea verheiratet und Vater unserer beiden Söhne bin, bin ich auch der glücklichste Mann auf Erden." Und während er dies sagt lässt die Harmonie, die ganz offensichtlich Privatleben und Beruf trägt, seine Augen leuchten. Die Zeiten der Kompromisse hat ein Ende.

„Ja, die Zeiten ändern sich. Das kann man in meinem Alter nicht leugnen. Und von manchem lieben Kollegen musste ich schon Abschied nehmen. Aber auch die Arbeit in der Musikbranche hat sich insgesamt gewandelt. Als ich noch Session-Musiker war - eine Disziplin, die man heute kaum noch findet - war es wirklich das Schönste und Herausforderndste, jeden Tag meine Kollegen in den verschiedensten Studios zu treffen, ein neues Musikstück vorgelegt zu bekommen, und dann eine tolle Version davon zu interpretieren. Das hatte eine ungemeine Dynamik, die uns getragen hat."

Dass heutzutage die Produzenten meistens alleine im Studio sitzen und die Musik im Alleingang programmieren, sieht Peter Wolf als eine fatale Entwicklung. Ob auf der Bühne, im Studio oder beim persönlichen Treffen, es ist für ihn stets der Dialog, der Neues hervorbringt. „Nur indem man die richtigen Menschen zusammenbringt, Künstler die ihr Metier beherrschen und lieben, können wir uns gemeinsam entwickeln." In diesem Zusammenhang urteilt Peter Wolf offen und deutlich über die Musikproduzenten, die aus der Retorte Hits zu zaubern versuchen: „Da die meisten von ihnen nur sehr mittelmäßige Musiker sind, ist die Unterhaltungsmusik der heutigen Zeit einfach zum mittelmäßigen Wegwerfprodukt geworden. Das ist heute leider die Konsequenz der digitalen Massenabfertigung, in der der Künstler keine Rolle mehr spielt."

Gut zu verstehen, dass Peter Wolf bei diesen Sätzen bitter wird. Es war für ihn die Zusammenarbeit, die neue Erfahrungen gebracht und Spaß gemacht hat. Da sind die großen Namen von Stars wie Fatty George, André Heller, Erika Pluhar, Frank Zappa, Kenny Loggins und Gruppen wie Jefferson Starship, Santana, The Who, Chicago und viele andere. „Besonders stolz bin ich auf meine Zusammenarbeit mit Wang Chung bei ‚Everybody Have Fun Tonight', Go West bei ‚King Of Wishful Thinking', Commodores bei ‚Nightshift' und Heart bei ‚These Dreams' ... just to name a few - kurz, es sind nur einige", sagt er und lächelt.

Aber mehr noch als alle Kooperationen zählt für ihn eine Verbindung: „Eigentlich habe ich immer mit fast allen meinen Künstlern gut und gerne zusammengearbeitet, aber am meisten macht es mir jetzt Spaß, mit meiner geliebten Frau Lea zu arbeiten, die die talentierteste und intelligenteste Künstlerin ist, mit der ich je zusammengearbeitet habe." Und bei diesem Satz spürt man die Wärme, die ihrer Verbindung auch die künstlerische Energie gibt.

Und dies lässt sie beide beim Komponieren neue Wege gehen in die Zukunft der Musikproduktion. Sein Resümee: „Alles verlagert sich langsam ins Internet. Das hat weitreichende Konsequenzen und die müssen wir ins Auge fassen. So wie Apple das Music Business mit iTunes in die Knie zwang werden nun auch bald alle TV-Kanäle zur Dumping-Flatrate zugänglich im Internet erscheinen." Die Situation treibt ihn an, Alternativen zu finden: „Man darf diesen Entwicklungen nicht tatenlos zusehen und den Konzernen das Feld überlassen. Deswegen haben meine Frau und ich eine neue Plattform für Kinder entwickelt und sie whamslam.com genannt. Sie ist von A bis Z mit Musik unterlegt, geht dabei aber weit über gewohnte Musikkonzepte hinaus. Es dreht sich darum, die Kinder kreativ einzubeziehen, ihren Geschmack zu entwickeln." Peter Wolf erfüllt es mit Freude ihr gemeinsames Whamslam wachsen und gedeihen zu sehen. „So ein ganzheitlicher Ansatz lohnt sich einfach, da wir mit unserem Internet-Angebot nicht nur die Auffassung und Einstellung zur Musik formen können, sondern auch die kreative Seite fördern und ermutigen."

Sein Leben ist in ständiger Entwicklung. Erfahrung sammeln und umsetzen, neue Projekte realisieren und lernen, das ist für ihn die Konsequenz. Er will Kunstwerke in ihrer Gesamtheit sehen, begreifen, schaffen, mit der Weisheit des Alters und der Lernfreude der Gegenwart. Nicht stehenbleiben, sondern zusammen weitergehen und Grenzen überschreiten: „Mit meiner Frau Lea arbeite ich konstant an Liedern und neuen Ideen, Kunst, die wir gemeinsam schaffen und zum Leben erwecken. Nichts mache ich lieber! Da braucht man nicht immer nachzufragen, was der andere Mensch denkt - man weiß es schon im Voraus. Und das ist einfach das Beste!"

Wer selbst einmal die einmalige Atmosphäre der kalifornischen Pazifikküste erleben möchte, der sollte es wirklich tun. Die Flüge in die ehemals exotisch weit entfernten Traumorte sind erschwinglich geworden - und wenn man dann an einem einsamen Strand der Sonne über dem Pazifik beim Aufgehen in Japan zuschaut, schließt sich ein Kreis. Man hat zu sich gefunden, so wie Peter Wolf und jeder andere, der dem Zauber des Hotel California erliegt.

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