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Atomkraft-Egoismus kann tödlich enden!

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In Deutschland wird ein Atommeiler nach dem anderen abgeschaltet. Infolge des mehrfach GAUs in Fukushima war klar, das "Restrisiko" ist auch in Industrienationen kein Rest, sondern ein Risiko. Natürlich gibt es in Nordeuropa keine Tsunamis, doch niemand kann alle Risiken bedenken und oft geht auch der kurzfristige Profit einfach vor.

Die Namen der meisten ausländischen Atomkraftwerke sind der breiten Öffentlichkeit nicht geläufig. Drei sind jedoch jetzt in aller Munde, denn sie könnten weite Teile Deutschlands unbewohnbar machen: Fessenheim in Frankreich und Tihange sowie Doel in Belgien.

Diese gelten als so unsicher, dass die Stadt Aachen ihre Bürger mit Jodtabletten für den Ernstfall bei Westwind austatten will.

Risse am Herz der Reaktoren!

In beiden Kraftwerken kommt es immer wieder zu Störfällen. Insbesondere der sogenannte "Bröckelreaktor" Tihange sorgt für Aufregung, seit bekannt ist, dass er bis zu 18 Zentimeter lange Risse in seinem wichtigsten Bauteil aufweist, dem Reaktordruckbehälter.

Kürzlich hat sich deren Zahl noch erhöht, angeblich, weil Messgeräte anders positioniert wurden. Dass niemand genau weiß, ob die Risse ein Resultat des ursprünglichen Baus sind oder aber erst in letzter Zeit neu entstanden sind, sorgt für Beunruhigung.

Dennoch hält der Protest in Belgien sich zurück, der Atomausstieg wurde auf das Jahr 2025 verschoben. Warum?

Risse, Terror und klapprige Reaktorblöcke!

Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und insbesondere die Grenzregion Aachen wären im Falle eines Unfalls besonders betroffen. Aus diesem Grund wird in Deutschland seit Jahren für die Abschaltung der Reaktoren Tihange 2 bei Lüttich und Doel 3 bei Antwerpen protestiert.

Seit langer Zeit setzt sich ein breites Bündnis aus Bürgern, Kommunen und Politik dafür ein; regelmäßig gibt es Protestaktionen und juristische Versuche, gegen die Meiler vorzugehen. Belgien plante ursprünglich, die Reaktorblöcke Tihange 1 sowie Doel 1 und 2 bereits 2015 stillzulegen.

Die Atombehörde verlängerte die Laufzeiten jedoch um zehn Jahre. Und das ist einem Land, in dem der Terror immer wieder wütet.

Welche Interessen hat die belgische Atomaufsicht?

Besonders in die Kritik geraten ist die belgische Atomaufsicht. Ein Bericht unabhängiger Prüfer stellte kürzlich deren Unabhängigkeit von Politik und Wirtschaft in Frage, die Situation ist unangenehm unklar.

Vermehrte Vorfälle in letzter Zeit lassen sich kaum anders als durch mangelnde Kontrolle und politische Einmischung erklären. Dazu gehören ein bis heute nicht aufgeklärter Sabotageakt und der Fall des Islamisten Ilyass Boughalab, der für rund drei Jahre im Hochsicherheitsbereich des Atomkraftwerks Doel als Sicherheitstechniker (!) gearbeitet hat.

Auch die Tatsache, dass die Aufsichtsbehörde nicht die Abschaltung des von Rissen betroffenen Reaktorblocks fordert, bis geklärt ist, ob diese während des Betriebes entstanden und somit eine enorme Gefahr für die Sicherheit darstellen, sorgt für einen großen Vertrauensverlust und wirft Fragen wider den sprichwörtlichen "gesunden Menschenverstand" auf.

Gleichgültigkeit oder die Ruhe vor dem Sturm?

Erstaunlich ist, dass es die Belgier viel weniger zu beunruhigen scheint als die Deutschen, dass ihr kleines Ländchen, um das sie innenpolitisch so sehr zanken, durch einen Super-GAU im Nichts der Geschichte verschwinden könnte, unbewohnbar und leer.

Zwar gibt es Widerstand, dieser zeigt sich jedoch kaum auf der Straße. Anscheinend gehen die Menschen in Belgien mit einer beachtenswerten Coolness mit der Gefahr um. Oder täuscht dieser erste Eindruck? Tatsächlich gibt es in Belgien eine aktive Anti-Atom-Bewegung.

Nachdem Tihange 2 und Doel 3 wieder in Betrieb genommen wurden, nachdem sie auf Grund mehrerer Zwischenfälle zwischenzeitlich abgeschaltet worden waren, gab es durchaus Proteste, die auch viel Sympathie erfuhren. Mit dem ursprünglich beschlossenen Atomausstieg war die Bevölkerung einverstanden; die Mehrheit wünscht sich einen Ausbau der erneuerbaren Energien.

Demonstranten ruhiggestellt?

Nachdem die Wiederinbetriebnahme der beiden Reaktorblöcke beschlossen wurde, gab es jedoch weder auf der Straße, noch im Parlament Protest. Dies liegt hauptsächlich daran, dass auf Grund der jüngsten Terrorwarnungen und Anschläge in Belgien die Sicherheitsvorkehrungen stark erhöht wurden.

Auf den Straßen ist viel Polizei unterwegs und die Vorgaben sind strenger. Somit werden öffentliche Protestkundgebungen schwierig. Da die Entscheidung außerhalb des Parlaments getroffen wurde, hatten außerdem die Volksvertreter gar keine Möglichkeit, sich zu äußern.

Ein Fehler der Anti-Atomkraft-Bewegung war der, dass sie davon ausging, das Problem sei gelöst, nachdem 2003 der Atomausstieg beschlossen wurde. Die Proteste ebbten ab und der Widerstand zog sich zurück. Erst in letzter Zeit wird er wieder lauter.

Gibt es Hoffnungen auf einen Ausstieg?

Trotz vermehrter Proteste, auch aus dem Ausland, wird es wohl keinen baldigen Atomausstieg in Belgien geben. Als Grund dafür nennt die Regierung die Abhängigkeit des Landes vom Atomstrom und argumentiert mit Engpässen in der Stromversorgung.

Viele sehen jedoch die Atomaufsichtsbehörde als wahren Grund an. Laut einem Bericht unabhängiger Wirtschaftsprüfer, der der Zeitung "Le Soir" zugespielt wurde, wird die Führung der Behörde angeblich von außen unter Druck gesetzt, damit sie Kompromisse eingeht.

Belgische Kritiker gehen davon aus, dass die Regierung sowie der Betreiber der Kraftwerke, Electrabel, die Behörde unter Druck setzen. Premierminister Charles Michel und seine Minister stehen in dem Ruf, eine Pro-Atom Politik zu betreiben.

Grund für diese Anschuldigung ist wohl vor allem die Förderung großer Industrien im Hafen von Antwerpen. Diese benötigen viel Energie, weshalb eine Energieeinsparung oder eine dezentrale Industrieversorgung für sie nicht von Interesse sind.

Solange die Zentralregierung, die in Belgien die Hoheit über die Energiepolitik hat, sich nicht für den Ausbau erneuerbarer Energien und den Atomausstieg einsetzt, scheint auch Protest ein relativ hoffnungsloses Unterfangen.

Bedenkt man jedoch, dass die Laufzeit der Reaktoren auf 40 Jahre ausgelegt ist, wächst der Grund zur Besorgnis. Die Zeit für Tihange 1 ist bereits 2015 abgelaufen, bei Tihange 2 ist das Ende der Laufzeit 2019 erreicht.

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