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AKW Fessenheim: Die tickende Zeitbombe!

11/05/2017 17:38 CEST | Aktualisiert 11/05/2017 17:38 CEST
zubin li via Getty Images

In den vergangenen Wochen wurden wieder Pannen im "deutschesten" aller französischen Kernkraftwerke bekannt. Dass die Franzosen Kernkraftwerke lieben, ist ein Mysterium um das man weiß.

Rund 75% ihres Stroms ziehen sie aus AKWs, so viel wie kein anderes großes europäisches Land. Dass sie die AKWs zu einem guten Teil an interessante Stellen gebaut haben, ist weniger bekannt. Denn statistisch betrachtet herrscht in Frankreich viel Westwind.

Ist es deshalb Zufall, dass viele Reaktoren an Stellen gebaut wurden, wo der radioaktive Niederschlag im Falle eines Super-GAUs wie in Tschernonbyl oder Fukushima, auf Italien, die Schweiz, Luxemburg, Belgien oder Deutschland niedergehen würde?

Betrachtet man die Standorte, könnte man auf die fast schon diabolische Idee kommen, dass dies eine gezielte Form der Risikominimierung Frankreichs zu Lasten der europäischen Nachbarn ist.

Unter all den französischen Atomreaktoren in der Nähe Deutschlands ist eines besonders als alte Klapperkiste berüchtigt: die beiden Uraltreaktoren des Atomkraftwerks Fessenheim stehen direkt auf der deutschen Grenze, am Rhein, im Breisgau in Südbaden.

So fit wie ein alter Renault?

Die stromerzeugende Industrieruine soll zwar stillgelegt werden, doch kann man bei den Franzosen in dieser Materie erst sicher sein, wenn die atomar betriebenen Dampfkochtöpfe wirklich unwiderruflich ausgeschaltet sind.

Laut eines Erlasses soll die Stilllegung von Fessenheim zwar 2019 erfolgen, aber nur - und das ist die Krux - wenn das neue AKW Flamanville in Betrieb geht. Nachdem dort bereits beim Bau Pannen in Serie auftreten, ist es mehr als fraglich, ob dieses neue Werk 2019 wirklich ans Netz kann. Das bröckelnde Nuklearmuseum Fessenheim würde andernfalls ohne ausreichenden Erdbebenschutz weiterarbeiten, Deutschland und die Schweiz bedrohend.

Der Wind weht zuverlässig!

Denn zumindest von den Wahrscheinlichkeiten her haben die Franzosen von Fessenheim ungleich weniger zu befürchten als die Baden-Württemberger. Meist herrscht gerade in Südwestdeutschland Wind aus westlichen Richtungen und das sehr zuverlässig. Die Japaner sind das lebende Exempel.

Sie hatten bei Fukushima deutlich mehr Glück als Verstand, dass gerade Wind zur See war, als dort die Reaktoren explodierten. Ein "kriegsentscheidendes" Detail, das gerne mal untergeht. Kaum auszumalen, was passiert wäre, wenn der Wind aus Norden in Richtung des nahen, 30 Millionen Einwohner großen Tokio geweht hätte. Japan hätte in diesem Fall wegen Unbewohnwarkeit de facto aufgehört zu existieren. Würde Fessenheim hochgehen wie Fukushima, dann wäre vermutlich halb Süddeutschland unbewohnbar. Entsprechende Simulationen von Umweltaktivisten legen dies nahe.

Wieder eine Panne!

Im April gab es laut französischen Agenturmeldungen und des Betreibers EDF abermals eine Panne in Fessenheim. Einer der Reaktoren sei wegen einer Störung heruntergefahren worden. Alles sei harmlos, man wolle die Stromversorgung schnellstmöglich wieder aufnehmen. Nähere Details von Wert drangen nicht nach außen. Die Franzosen lassen jede Sorge der Nachbarnationen an sich abperlen. Seit 40 Jahren kämpfen Umweltschützer in Baden-Württemberg und der Schweiz für die Stilllegung der Schrottreaktoren.

Sind AKWs genereller Unsinn?

Kernkraft zur Stromgewinnung zu nutzen ist an sich nicht komplett verkehrt, vor allem in Riesennationen wie Russland, China, Kanada oder den USA. Wenn dort ein Super-GAU geschieht, evakuiert man eben einen Landstrich in der Größe Niedersachsens und gut. Das wäre schlimm, aber würde nicht das Schicksal einer Nation besiegeln. Anders ist dies im ultradicht besiedelten Westeuropa. Hier hätte ein Atomunfall das Potential, ganze Staaten auszuradieren: Baden-Würrtemberg, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Belgien, das Saarland, Luxemburg, die Niederlande und nicht zuletzt die Schweiz sind so klein, dass eine nukleare Wolke à la Tschernobyl ausreichen würde, das Territorium dieser Länder auf Jahrtausende unbewohnbar zu machen. Da muss man sich dann schon mal fragen, was die Franzosen reitet, ein ausgelaugtes Kraftwerk wie Fessenheim am Netz zu halten. Denn dieses AKW ist nicht nur steinalt, sondern auch noch klein. Mit einer Gesamtleistung von rund 1800 MW in Summe ist es das leistungsschwächste atomgetriebene Kraftwerk der Grande Nation. Sind diese paar Megawatt das Risiko wert? Natürlich nicht! Doch Fessenheim ist finanziell abgeschrieben und damit eine Gelddruckmaschine.

Respektlos und uneuropäisch!

Was die Franzosen dort tun ist nichts als respektlos und mangelt an europäischem Denken. Denn in einem Umkreis von 30km leben knapp eine Million Menschen, in der etwas weiter entfernten Region Basel weitere 800.000 und im Ballungsraum Straßburg-Baden Baden-Offenburg nochmals an die 800.000. Die EU führte nach Fukushima "Stresstests" durch. In Fessenheim wurde festgestellt:

  • Keine ausreichende Erdbebensicherheit.
  • Bei Überflutung durch den Rhein ist ein Kontrollverlust möglich, weil die französischen Ingenieure - wie in Fukushima - sicherheitsrelevante Systeme weit unterhalb des Wasserpegels des Rheins installiert haben und eine Überflutungsgefahr für das Anlagegelände besteht.
  • Als heikel eingestuft wurde auch der Fakt, dass elementare Sicherheitsfunktionen nicht redundant ausgelegt sind.

Auf gut Deutsch: Fessenheim ist eine atomare Zeitbombe. Da die Franzosen in dieser Hinsicht unbelehrbar sind, bleibt nur den Nachbarn viel Glück zu wünschen.

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