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Die Evolution der Altruisten: Nur so retten wir die Welt

03/02/2016 14:44 CET | Aktualisiert 03/02/2017 11:12 CET
Tooga via Getty Images

Unsere Welt ist voll von Krisen: Eurokrise, Klimakrise, Flüchtlingskrise. Egal welche neuen Krisen uns im Jahre 2016 erwarten, im Grunde genommen wird es immer eine Krise der Menschlichkeit sein. Menschlichkeit gegenüber Menschen, die weit weg wohnen, die ganz anders sind, oder die noch gar nicht geboren sind.

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Egoismus scheint sich immer wieder gegen Altruismus durchzusetzen. Doch Schweizer Wissenschaftler haben nun gezeigt, unter welchen Bedingungen Altruisten gegen Egoisten gewinnen können.

Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht

Egoisten haben es einfacher in der Welt. Sie stellen ihr eigenes Interesse in den Vordergrund ihres Handelns. Altruisten dagegen werden leichter ausgenutzt und sind, wenn überhaupt, nur auf lange Sicht erfolgreich. Unser gesamtes Wirtschaftssystem baut auf Egoisten auf - der Homo Sapiens wird Homo Oeconomicus genannt, ein vernunftgetriebener Agent, der seinen Nutzen maximieren will.

Sei es der Konsument, der ein Produkt kauft, das Unternehmen, das nach Profit strebt, oder der Staat, der seinen Interessen auf der internationalen Bühne folgt. Das Konzept des Homo Oeconomicus ist eng verwandt mit der berühmten Wirtschaftsheorie Adam Smiths, nach welcher durch eine "unsichtbare Hand" das größte Gemeinwohl erreicht wird, indem jeder seinen eigenen Nutzen maximiert.

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Für die meisten Situationen beschreiben diese und verwandte Theorien die Realität sehr gut. Und in der Tat treibt das Profitdenken einzelner Akteure, die sich im gegenseitigen Wettbewerb befinden, den wirtschaftlichen Fortschritt weiter an und stiftet damit einen gesellschaftlichen Nutzen.

Doch gleichzeitig sind die großen Probleme unserer Zeit auch das Resultat einer anhaltenden Nutzenmaxierung eines jeden. Eine Situation, in der es dem Gemeinwohl dienen würde, wenn unterschiedliche Akteure kooperieren würden, es aber gleichzeitig von Vorteil für den einzelnen Akteur ist, dies nicht zu tun, nennt man soziales Dilemma.

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Ein einfaches Beispiel ist der industrielle Fischfang. Eine einzelne Firma würde davon profitieren, so viele Fische wie möglich zu fangen. Doch damit könnte der Gesamtbestand der Fische so weit reduziert werden, dass für die Allgemeinheit insgesamt weniger Fische zur Verfügung stehen.

Würde der Fischfang nicht reguliert sein, d.h. ein nachhaltiges Maß an Fischfang definiert sein, würde ein rationaler Akteur - ein Homo Oeconomicus - sich dafür entscheiden, so viel wie möglich zu fischen. Würden das alle machen, gäbe es sehr schnell gar keine Fische mehr. Dieses Szenario ist ein klassisches Beispiel für die "Tragödie des Allgemeinguts" (engl. tragedies of the commons). Hierzu zählen nicht nur die Überfischung, sondern auch die globale Erderwärmung oder Spekulationsgeschäfte von Großbanken auf Kosten des Steuerzahlers.

Auf den Staat allein ist nicht Verlass

Die Lösung, dies zu verhindern, scheint offensichtlich zu sein: Es müssen Regeln definiert werden, die sicherstellen, dass unterschiedliche Akteure miteinander kooperieren und somit letztendlich dem Gemeinwohl dienen. Unsere Gesellschaft erreicht dies mit unterschiedlichsten Gesetzen, die den Homo Oeconomicus in die Schranken weisen. Seien es Emissionsstandards, Steuerabgaben oder Sozialgesetze.

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Doch die Gesetzgebung kann nicht immer mit allen potentiellen sozialen Dilemmata Schritt halten und Anreize zur Förderung des Gemeinwohls schaffen. Sogar die Gesetzgebung selbst kann zum sozialen Dilemma werden: Handle ich als Partei in einer bestimmten Angelegenheit für das Gemeinwohl oder denke ich bereits an die nächste Wahl?

Ein neues Modell in der Verhaltensökonomie erweitert das Konzept des Homo Oeconomicus und erklärt die Evolution von Selbstlosigkeit in einer Welt, in welcher der Eigennutz dominiert. Damit liefert es Ansätze, Tragödien der Gemeingüter und somit die Krisen der Menschlichkeit unserer Zeit zu bewältigen.

Vom Homo Oeconomicus zum Homo Socialis

Ein Forscherteam an der ETH Zürich hat in einem Computer-Experiment gezeigt, wie sich Altruismus in einer Welt voller Egoismus entwickeln kann und unter welchen Umständen Altruisten sogar bessere Chancen in der Evolution haben.

Grundlage des Experiments ist eine Computersimulation eines Evolutionsspiels: Eine große Zahl von Spielern konkurriert miteinander um begrenzte Ressourcen. Die Agenten haben unterschiedliche Eigenschaften und verfolgen unterschiedliche Strategien.

Die Gewinner des Spiels überleben und pflanzen sich fort. Mit ihnen werden erfolgreiche Überlebensstrategien vererbt - z.B. wie sehr das Wohl der Mitspieler die eigene Strategie bestimmt. Dem Homo Oeconomicus ist dieser gänzlich gleich, dem Homo Socialis nicht. So nennen die Forscher den selbstlosen Agenten, dem das Gemeinwohl wichtig ist und sich bei seinen Entscheidungen in die Lage des Anderen versetzt.

Die Interaktionen erfolgt paarweise und jeder Agent kann mit seinem Gegenüber entweder kooperieren oder nicht. Kooperieren beide, ist der Gesamtnutzen maximal. Kooperiert nur einer, ist der Eigennutzen des Abtrünnigen maximal. Kooperieren beide nicht, ist sowohl der individuelle Nutzen als auch der Gesamtnutzen negativ - die Agenten werden bestraft. Nicht zu kooperieren ist also verlockend, aber riskant.

Dieses Entscheidungsdilemma ist die einfachste und allgemeine Form eines sozialen Dilemmas und bspw. im Gefangenendilemma illustriert. Viele reale Entscheidungen von Individuen, Unternehmen oder Staaten lassen sich auf die Frage reduzieren, mit Normen, Regeln oder Gesetzen zu kooperieren oder nicht. Daher kann mit solchen Computersimulationen zu einem gewissen Grad die Realität beleuchtet werden.

Bei der Kooperationsfähigkeit eines Agenten spielt auch die Anzahl der benachbarten Agenten, die im letzten Spielzug kooperiert haben bzw. abtrünnig waren, eine entscheidende Rolle: Ist die eigene Nachbarschaft wenig kooperativ, wäre es bspw. irrational selbst kooperativ zu sein. Denn man würde nur ausgenutzt werden.

Agenten, die mit ihrer Strategie erfolgreich sind, pflanzen sich mit höherer Wahrscheinlichkeit fort und vererben ihre Eigenschaften an die Nachkommen - survival of the fittest. In den meisten Fällen gewinnt das egoistische Gen. Dennoch scheinen Altruisten überleben zu können.

Der Aufstieg von Altruismus

Die Computersimulation der Forscher beginnt mit einer Welt voller Egoisten. Doch wie auch in der Natur treten vereinzelt zufällige Mutationen auf, die einen Egoisten in manchen Situationen zum Altruisten werden lassen: Der Agent neigt dazu zu kooperieren, auch wenn seine Nachbarschaft wenig kooperativ ist.

Ist ein Zufallsaltruist nur von puren Egoisten umgeben, wird dieser ausgenutzt und kann seine altruistischen Gene nicht vererben. Treffen aber zufällig mehrere Altruisten aufeinander, resultiert die erhöhte Tendenz zur Kooperation in einem evolutionären Vorteil gegenüber den Egoisten:

In der Gruppe der Egoisten gibt es immer wieder Abtrünnige, die das Gemeinwohl der Gruppe mindern, während es bei der selbstlosen Gruppe höher ist. Ein größeres Gemeinwohl im Spiel der Evolution bedeutet höhere Überlebenschancen und Vererbung der eigenen, altruistischen Gene - die Gruppe der Altruisten wächst und bildet einen cluster of cooperation.

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Damit die Altruisten überleben und gewinnen, müssen deren Nachkommen in der Nähe der Eltern bleiben, denn nur in der Gruppe sind Altruisten stark. Doch Menschen migrieren - potentiell auch in weniger kooperative Umgebungen - und haben dort geringere Erfolgsaussichten. Dieser Migrationsfaktor ist im Computer-Modell der Forscher ein weiteres Schlüsselkriterium für den Aufstieg von Altruismus.

Heißt das, Migration muss verhindert werden? Nein, denn Migration ist ein wichtiger Mechanismus, durch welchen Menschen eine missliche Lage verlassen, um in eine Umgebung mit höherer Sicherheit, höherer Kooperationsfähigkeit zu gelangen. Dadurch tragen sie zum Wachstum des "clusters of cooperation" bei.

Deutschland muss für Migranten ein Cluster of Cooperation werden

Die Welt braucht mehr Menschen, Firmen und Staaten, die wie der Homo Socialis handeln. Damit wird nicht nur das Gemeinwohl maximiert, sondern - wie das Modell zeigt - unter bestimmten Bedingungen auch der individuelle Nutzen. Nur so können die Krisen unserer Zeit bewältigt werden. Denn häufig sind diese im Kern eine Tragödie der Allgemeingüter - als Folge von Egoismus. Doch wie erreichen wir das in einer Welt, in der der Homo Oeconomicus dominiert?

Besonders in Zeiten hoher Migration muss Kooperation gefördert werden. Andernfalls gehen Flüchtlinge und die vielen Menschen, die ihre Heimat verlassen (mussten), in ihrer neuen Umgebung unter - und werden erst recht selbst zu Abtrünnigen. Dies gilt im besonderen Maße für Länder, die selbst ein "cluster of cooperation" bilden und deswegen Migranten und Flüchtlinge anziehen wie z.B. Deutschland.

Dem Staat kommt hier zwar eine wichtige Rolle zu, aber das ist nicht ausreichend. Jeder Akteur in der Gesellschaft, seien es Unternehmen oder Individuen, sollten versuchen, genauso wie der Homo Socialis sich in die Lage des Anderen zu versetzen und entsprechend zu entscheiden und zu handeln - aus Eigeninteresse für das Allgemeinwohl.

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