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Was diese Städte tun, werden Sie nicht glauben

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Und von unten leuchtet es rot - nein, nicht aus der Hölle, aus dem Asphalt.

In großen Städten ist ein neuer Trend ausgebrochen: LEDs im Boden, um die Generation „Kopf unten" vor herannahenden Straßenbahnen zu warnen, wenn diese den Blick nicht von ihrem Smartphone wenden können. Deshalb gibt es in Augsburg und Köln bereits an manchen Bahnübergängen die Ampel im Boden. Und auch München will jetzt nachziehen. Dort gab es erst im März zwei schwere Unfälle mit einer Toten und einem Schwerverletzten, die von der Straßenbahn erfasst wurden.

Das Problem mit dem Symptom verwechselt

Selbstverständlich wollen die Städte weitere solcher Smombie-Unfälle vermeiden, das kann ich sehr wohl verstehen. Sie wollen die Unfallrate senken, was ich nur unterstützen kann. Nur sehe ich den Unfällen nicht das Problem, sondern eher ein Symptom. Das eigentliche Problem liegt doch nämlich viel tiefer: in der fehlenden Achtsamkeit im Alltag.

Seien Sie einmal ehrlich zu sich selbst: Wie viel Zeit verbringen Sie am Tag tatsächlich damit, den Moment und Ihre Umgebung aufmerksam wahrzunehmen? Und wie viel Zeit verbringen Sie damit, mehrere Dinge gleichzeitig abzuarbeiten, ohne sich richtig auf eine Sache zu konzentrieren? Ich will Sie damit nicht anprangern, es geht mir ja selbst oft genug so.

Und schauen Sie sich in Ihrer Umgebung um: An der Bushaltestelle starren alle auf ihr Handy, anstatt sich miteinander zu unterhalten. Im Zug haben viele Mitfahrer Kopfhörer am Ohr, anstatt mit ihren Mitreisenden zu sprechen. In Cafés klappt so manch einer seinen Laptop auf und freut sich über das kostenlose WLAN, das für jedes angesagte Kaffeehaus mittlerweile ein Muss ist - ja sogar auf öffentlichen Plätzen.

Das intensive Leben

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin ein großer Fan neuer Technologien. Ich kann mir ein Leben ohne Internet und Smartphone auch nicht mehr vorstellen. Es ermöglicht mir, mit Leuten zu kommunizieren, die gerade nicht vor Ort sind, oder Menschen kennenzulernen, die ich im realen Leben niemals getroffen hätte. Ich bekomme schnelle jede Information, die ich benötige.

Aber ich finde es höchst beunruhigend, dass die Menschen dadurch verlernen, direkt miteinander zu kommunizieren - als könnten Emojis mehr sagen als ein echter Gesichtsausdruck. Als könnte ein Bild von einem Sonnenaufgang auf Instagram das echte Erlebnis in der Natur ersetzen. Als könnte ein kurzer Kommentar auf Facebook über den Mangel an intimen Gesprächen mit echten Freunden hinwegtäuschen.

Das wahre Leben ist doch so viel intensiver, als es je ein Handydisplay zeigen kann. Und trotzdem starrt gerade die junge Generation unentwegt auf das Handy und kriegt es noch nicht einmal mit, wenn eine StraĂźenbahn angerauscht kommt. DAS ist das eigentliche Problem.

Die Reaktion der Städte auf die Unfälle ist daher zwar nachvollziehbar, wird aber das Problem nicht lösen. Ich befürchte eher, dass dadurch das isolierte Verhalten noch gefördert wird, anstatt das Miteinander zu fördern. Überlegen Sie doch einmal: Wenn Sie selbst an Ampeln nicht mehr gezwungen sind, aufzuschauen, wie wahrscheinlich ist es dann, dass Sie Ihre Mitmenschen wahrnehmen? Wohin verschwindet denn dann die Mitmenschlichkeit?

Achtsamkeit lehren

Ich glaube, eine bessere Möglichkeit, solche Unfälle zu verhindern, wäre es, wieder mehr Achtsamkeit zu lehren. Wenn Kinder nicht schon mit Handys aufwachsen würden, wenn sie von kleinauf noch lernen würden, miteinander zu kommunizieren - von Angesicht zu Angesicht. Wenn sie mit ihren Eltern am Tisch oder auf dem Sofa sitzen und sich miteinander unterhalten würden, anstatt sich mit Fernsehsendungen ruhig zu stellen. Wenn es mehr Cafés ohne Wifi gäbe, damit sich die Leute mit den netten Menschen am Nachbartisch unterhalten. Wenn es statt ständigem Go Go Go bewusste Momente der Ruhe gäbe.

Würden Sie dann Ihre Umgebung nicht viel bewusster wahrnehmen? Und bräuchte es dann überhaupt Ampeln im Boden?

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