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Was Berufsanfänger stark macht

Veröffentlicht: Aktualisiert:
YOUNG WOMAN JOB
Gary Burchell via Getty Images
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„Überleg' dir gut, was du machen willst, denn das machst du dann dein ganzes Leben lang."

Eltern, die so etwas sagen, meinen es gut mit ihren Kindern. Die Vorstellung, die eigenen Sprösslinge könnten schwerwiegende falsche Entscheidungen treffen und darum später unglücklich in ihrem Beruf sein oder schlecht bezahlt oder gar arbeitslos - du lieber Himmel! Ein echter Horror für Eltern.

Aber: Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Denn mit solchen Sprüchen erreichen die Eltern eines ganz sicher: Sie machen ihren fast flüggen Kindern das Leben schwer. Sie schnallen ihnen einen unnötig schweren Verantwortungsrucksack auf den Buckel. Sie verunsichern, bremsen und fesseln ihre Kinder. Ich finde, das ist unfair!

Was Berufsanfänger nicht können

Ich verstehe ja die Sorgen der Eltern. Aber seien Sie mal ehrlich: Das Schönste im Leben ist doch, wenn Sie Ihre Berufung finden und wirklich das machen können, was Ihre Talente, Neigungen und Ihr Naturell zusammenbringt. Und Sie können sicher sein, dass das auch das erfolgreichste Konzept für den Berufsweg ist.

Ein Berufsanfänger hat es eben schwer, zu wissen, was er will und was wirklich zu ihm passt. Ich z.B. wollte unbedingt Profifußballer werden und setzte alles auf diese Karte. Ich hatte das Talent, trainierte hart dafür und war schon früh sehr weit: Ich wurde Jugendnationalspieler. Mein Vater aber wollte, dass ich eine Lehre beginne: „Du weißt ja nie", sagte er zu mir, „was mit deinem Körper mal passiert."

Also ging ich - mehr oder weniger meinem Vater zuliebe - zum Berufsberatungscenter. Dort suchte man mir irgendwelche Vorschläge und Lehrstellen aus und ich fragte mich: „Puh, Stefan, willst du das wirklich machen?"

Ich hatte keine Ahnung, ob ich wollte oder nicht. Berufsanfänger können das einfach nicht wissen. Hätte ich damals schon einige Pfund Berufserfahrung auf dem Buckel gehabt, dann hätte ich besser beurteilen können, was mir liegt und was nicht. Aber als Anfänger haben Sie doch kaum eine Vorstellung, wie sich der Alltag in dem einen oder anderen Job gestaltet. Also: Wie wollen Sie das entscheiden?

Die erste Liebe ist oft nicht die große Liebe

So ging es auch meiner Tochter am Ende ihrer Schulzeit. Sie wollte Grafikerin werden. Sagte sie. Also nahm ich sie mit zu einem befreundeten Grafiker. Nach einer Stunde wusste sie schon genauer Bescheid: „Ich glaub', ich muss wohl doch eher studieren", sagte sie.

Okay, ich unterstützte sie. Obwohl ich überhaupt nicht sicher war, dass das schon der Volltreffer für sie war. Aber trotzdem fand ich es gut. Denn irgendwo muss eben jeder mal anfangen! Junge Leute müssen sich ausprobieren, sie müssen viel anfangen und viel aufhören, viel scheitern, wechseln, neue Versuche starten - und jedes Mal, wenn sich herausstellt, dass es noch nicht das Richtige war, sind sie einen Schritt weiter.

Ratschläge wie „Überleg' dir gut, was du machen willst!" sind da einfach sinnlos. Was sollen sich die jungen Leute denn überlegen? Die Maßstäbe ihrer Eltern, was ein für sie passender Bildungsweg gewesen wäre, haben doch überhaupt nichts damit zu tun, was das Passende für die Kinder ist. Eins ist sicher: Die Kinder haben zwar tatsächlich keine Ahnung, was das für sie Richtige wäre. Aber die Eltern wissen das noch viel weniger!

Was Eltern aber stattdessen tatsächlich gut könnten: Sie könnten ihre Kinder stark machen, um mit den zwangsläufigen Enttäuschungen und Irrwegen bei der Berufswahl besser umgehen zu können. Sie könnten ihnen helfen, diese Krisen zu überstehen und aus ihnen zu lernen.

Wenn Sie Ihren Sprösslingen mit auf den Weg geben: „Fang mal an und schau, ob es dir gefällt", dann verstehen sie, dass sie mehr als eine Chance haben, dass sie nichts umsonst machen und dass ein missglückter Versuch immer ein wertvoller Erkenntnisfortschritt ist: Okay, Grafiker ist also doch nichts für mich!

Keine Ausrede - versuch' es durchzuziehen

Jetzt verstehen Sie mich aber bitte nicht falsch. Ich will keine Ausreden liefern für Larifari-Typen, die ihre Orientierungslosigkeit vorschützen, um Entscheidungen auf die lange Bank zu schieben oder von einer Lehre zur nächsten zu hüpfen.

Sie haben Recht, wenn Sie einwenden, dass sich der Studien- oder Berufsanfänger darauf einstellen muss, dass auch harte Arbeit und Disziplin dazugehören - Interessen und Neigungen hin oder her.

Durchbeißen, heißt die Devise - aber nicht um jeden Preis. Wenn jemand die Erfahrung macht, dass er auf dem Holzweg ist und sich umorientieren will, dann sollte er diese Chance bekommen, ohne sich dafür schämen zu müssen.

Seine Berufung zu finden, braucht Erfahrung

Überhaupt ist Erfahrung meiner Meinung nach das Schlüsselelement bei der Berufsfindung. Es wäre doch ein seltener Glücksfall, wenn jemand seine Berufung beim ersten Versuch fände. Die meisten müssen einige Erfahrungen sammeln, bevor sie selbst verstehen, was zu ihnen passt und ihnen wirklich Freude macht. Und bei vielen verändern sich die Ansichten darüber ja auch im Laufe ihres Lebens und mit wachsender Erfahrung wieder.

Meine Frau ist gerade an so einem Punkt. Sie hat lange als Apothekerin gearbeitet und war damit auch zufrieden. Nun kommt bei ihr der Wunsch auf, sich zu verändern. Bestimmte Neigungen von ihr sind bisher unbefriedigt geblieben und sie fragt sich nun, was sie machen kann, um sich da zu vervollständigen.

Ich denke, es macht keinen Sinn, in solchen Situationen zu lange zu überlegen. Probieren Sie etwas aus. Sie werden schon Ihre Erfahrungen machen und dann wissen Sie besser, in welche Richtung es gehen kann. Manchmal können Sie Ihre Liebe zu einem Thema erst entdecken, wenn Sie es tun.

Wenn der Mut fehlt

Doch bei manchen ist von Anfang an eine ganz starke Affinität zu einem Thema da. Wer z.B. Musiker, bildender Künstler oder Schauspieler werden will, hat vielleicht seine Liebe dazu schon entdeckt - in der Theater-AG, der Schulband oder im Kunstunterricht, aber sicherlich keine Idee, wie das als Beruf funktionieren kann. Denn feste Ausbildungswege gibt es für solche Berufe nicht.

Mit Sprüchen wie: „Damit verdienst du doch kein Geld", oder „Womit willst du denn später mal deine Familie ernähren", macht es die Elterngeneration den Berufsanfängern nur schwer. Denn die haben keine klare Vorstellung vom Arbeitsalltag als Künstler, keine klaren Verdienstvorstellungen und viele wissen bestimmt auch nicht, wie groß später mal ihre Familie sein soll. Sie haben nur einen Herzenswunsch, etwas zu tun, worin sie sich verwirklichen können.

Wenn Sie so einen Wunsch unterstützen - vielleicht sogar gegen Ihre eigene Überzeugung - kann dieser junge Mensch stark sein. Und ein starker Mensch kann auch in ungewöhnlichen Berufen erfolgreich werden. Denn er tut dann, was er liebt. Die Vorstellung, Albert Einstein wäre Beamter, John Lennon Fabrikarbeiter und Lionel Messi Handwerker geworden, weil ihre Eltern sie in jungen Jahren von Physik, Musik oder Fußball abgebracht hätten, weil das schließlich keine „richtigen Berufe" sind, ist jedenfalls eine sehr traurige Idee, oder? Lassen Sie die wilden Ideen der Kinder wuchern und blühen, denn es könnten Weltstars, Genies oder Wohltäter aus ihnen werden!

Lasst den Menschen Mensch sein

Gut, es muss ja auch nicht gleich Weltruhm sein. Aber dennoch: Überlegen Sie doch mal selbst, mit was für Menschen Sie am liebsten zusammenarbeiten. Das Schönste ist doch, mit Menschen zu arbeiten, die lieben, was sie tun. Die bringen eine tolle Energie mit. Oft wird geunkt, solche Menschen seien Traumtänzer. Ich habe da ganz andere Erfahrungen gemacht. Das sind die wirklich erfolgreichen Menschen, die etwas bewegen können.

Alle jungen Menschen, alle Berufseinsteiger und auch Sie selbst haben es verdient, sich ihren momentanen Herzenswunsch zu erfüllen und wirklich erfolgreich zu werden, mit dem, was sie tun - Sie haben es verdient!

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