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Wie missioniere ich missionarische Eiferer?

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Sie kennen nicht zufälligerweise den antiken griechischen Philosophen Arkesilaos? Nein? Kein Wunder. Schließlich lehrte er, ein Vertreter des Skeptizismus, seine Schüler Ungeheuerliches: nämlich „darauf zu verzichten, bloße Meinungen als Urteile mit Wahrheitsanspruch zu formulieren".

Ist doch klar, dass so jemand nicht den Hauch einer Chance hat, populär zu werden. Wo kämen wir denn dahin, würde man keinen Wahrheitsanspruch mehr formulieren, also auch keine Deutungshoheit mehr beanspruchen? Was, wenn man prinzipiell bereit wäre, seine Ansichten im Gespräch jederzeit zur Disposition zu stellen? Dann könnte man ja womöglich mit jedem in einen gedeihlichen, fruchtbaren und ergebnisoffenen Dialog treten, zur Primetime-Talkrunde genauso wie am Stammtisch. Pah.

Die Realität ist eine andere. Der herrschaftsfreie Diskurs bleibt ein schönes Ideal, die intersubjektive Wahrheit eine Chimäre. Was im alltäglichen sozialen Miteinander vielleicht nur heftige verbale Auseinandersetzungen heraufbeschwört, kann auf breiterer gesellschaftlicher Ebene schnell zu einer echten Bedrohung für Leib und Seele werden. Schlimmstenfalls sogar von genozidalem Ausmaß.

Nehmen wir nur einmal die ganze Fraktion der diversen Heilspropheten. Der politischen, rassischen oder religiösen Fanatiker, missionarische Eiferer jedweder Couleur. Was sie strukturell kennzeichnet, ist eine fast schon universelle Blaupause des Schreckens: Sie sind vollkommen durchdrungen von subjektiver Gewissheit. Hegen keinerlei Zweifel am alleinigen Wert und Wahrheit ihrer Überzeugungen. Lassen sich nicht von gegenteiligen Erfahrungen beirren. Jeder abweichenden Meinung begegnen sie mit größtem Misstrauen und völliger Intoleranz. Einer vernünftigen Argumentation sind sie nicht zugänglich. Und nicht im Mindesten willens, ihre eigenen Ansichten kritisch zu hinterfragen oder auch nur ein Jota davon abzuweichen.

Damit fehlen ihnen alle notwendigen Voraussetzungen, um mit Andersdenkenden in einen sinnvollen Dialog treten zu können. Ganz gleich, in welchem medialen Rahmen dies nun geschieht - missionarische Eiferer wollen nur eins: belehren und bekehren. Macht ausüben. Ausgrenzen. Vereinnahmen. Ihre Ziele durchsetzen. Die sympathischeren unter ihnen vielleicht noch mit einem friedvoll esoterischen Lächeln auf den Lippen, die anderen notfalls mit brutaler, menschenverachtender Gewalt. Koste es, was es wolle.

Die Werbung für einen fairen Dialog mit ihnen ist deshalb höchst ehrenwert, aber prinzipiell zum Scheitern verurteilt. Missionarische Eiferer sind von der absoluten Wahrheit ihrer Botschaft nun einmal so erfüllt, beseelt und besessen, dass sie bestenfalls ein irrationales Erweckungserlebnis von ihrem Weg abbringen wird, aber ganz sicher kein rationaler Diskurs.

Ihnen ist jedes Mittel recht. Sie überziehen und überzeichnen. Instrumentalisieren andere. Verbreiten Lügen, wenn es ihrer Sache dient. Geben den Diskurs auf Augenhöhe der Lächerlichkeit preis. Und nutzen gnadenlos eben die systemische Schwäche einer Demokratie aus, die sie für uns erst so lebenswert macht: Toleranz.

Intoleranz Andersdenkenden und -gläubigen gegenüber ist ihnen oberstes Gebot. So den Pfingstchristen mit ihrer protestantisch-kapitalistischen Ethik, die extrem erfolgreich und aggressiv besonders in Brasilien, aber auch in Afrika missionieren. Sie stehen oft unter massivem Einfluss erzkonservativer, mitunter radikal homophober religiöser Gruppen und Hassprediger aus den USA.

Wie der ausgewiesene Holocaust-Leugner Scott Lively, Präsident der "Abiding Truth Ministries" in Kalifornien. Er ist seit 2009 „aktiv an der ugandischen Kampagne gegen Schwule und Lesben beteiligt, greift in die Gesetzgebung ein und will die Todesstrafe für Homosexuelle verankern": Ähnliches möchte auch am liebsten der Verity-Baptistenprediger Roger Jimenez, der öffentlich über die fast 50 ermordeten Homosexuellen im Pulse Nightclub in Orlando frohlockte.

Die zunehmende Kriminalisierung und Verachtung der Homosexualität ist also mitnichten nur ein russisches Phänomen. Oder ein islamisches. Sie ist ein weltweites, zunehmend auch deutsches Phänomen.

Bei den Evangelicos in Nordamerika ist diese Intoleranz ebenso ausgeprägt wie bei der kreationistischen Internationalen. Bei den Scientologen. Oder den Charedim, einer radikalreligiösen, ultraorthodoxen jüdischen Gruppierung. Bei IS und Al-Kaida. Oder ihrer historischen Wurzel, dem aggressiv-missionarisch agierenden Wahhabismus.

In nahezu jeder Geschichtsepoche sind solche fanatischen Gruppierungen, religiöse wie politische, anzutreffen. Oftmals angeführt von demagogisch höchst begabten, charismatischen Menschen, die von ihren Überzeugungen besessen waren. Das war bei den Wiedertäufern unter Jan van Batenberg nicht anders als bei Jim Jones und seinem Peoples Temple, bei Hitler nicht anders als bei Mussolini oder Stalin, Mao Tse-tung oder Pol Pot. Selbst ein Andreas Baader und die RAF gehören strukturell in diese Typik.

Und heute? Heute gibt es einen weltweiten Trend hin zu solchen Agitatoren und Demagogen. Ein Trend, der, so Sedat Ergin, Chefredakteur des Hürriyet, anlässlich seiner Verleihung des ‚Freedom of Speech Award' der Deutschen Welle, nicht allein die Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei bedroht. Es sind "nicht nur Diktaturen und autoritäre Regime betroffen (...), sondern mehr und mehr auch Regierungen, die sich selbst als demokratisch verstehen - wie etwa Polen und Ungarn." Victor Orban und Jaroslaw Kaczyński, Recep Erdogan und Wladimir Putin. Und morgen Donald Trump? Marie Le Pen?

Ihnen gemeinsam ist, dass sie eine Sprache des Glaubens sprechen. Denn darauf, so Victor Klemperer, gründet sich die Sprache des Fanatismus. Ein solcher Glaube ist blind gegenüber allem anderen, völlig immun gegen kritische Stimmen. Und er schweißt die Gläubigen weihevoll fest in einem Wir-Gefühl zusammen: Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen. Der Einzelne geht auf in diesem Wir, in der sicheren Masse, dem kollektiven Subjekt, das ihm eine Identifikation ermöglicht, eine Identität bietet. Er gibt seine Verantwortung ab. Und überlässt das Denken anderen. Den Leitfiguren, die sich, so es sich um charismatische Gestalten handelt, zu kultisch überhöhten Führern entwickeln können. Hohepriestern. Abgöttern.

Wir sollten dieses Mal auf der Hut sein, wem wir in Deutschland eine Bühne bieten.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf http://oehm60.blogspot.de/