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Schafft die Rente ab!

01/08/2016 12:42 CEST | Aktualisiert 02/08/2017 11:12 CEST
Jan Erik Posth via Getty Images

Philipp Mißfelder war zeit seines Lebens ein Mann deutlicher Worte. Hatte er schon 2003, als 24jähriger, den 85jährigen unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie sich doch bitte schön statt auf teure künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Allgemeinheit zu hoffen zukünftig besser mit dem Gedanken vertraut machen sollten, wie ehedem auf Krücken laufen zu müssen, so erfuhren auch die Rentner 2007, was seiner Ansicht nach die Stunde geschlagen hat.

Die Lebensarbeitszeit der Deutschen müsse deutlich erhöht werden, das Renteneintrittsalter sei mit 67 entschieden zu niedrig. 70 sei realistisch. Sonst drohe uns ein rentenpolitisches Desaster. 2016, also fast 10 Jahre nach dieser damals noch recht provokant anmutenden Bemerkung, geht das Institut der deutschen Wirtschaft (IM) noch einen Schritt weiter: Das Renteneintrittsalter müsse unbedingt auf 73 heraufgesetzt werden. Sonst, siehe oben, drohe uns ein rentenpolitisches Desaster.

Besagter Philipp Mißfelder hätte dieser Forderung begeistert zugestimmt. Mit einer Einschränkung: Sie solle nicht erst 2041 umgesetzt werden, hätte er gesagt. Sondern am besten sofort. Leider war ihm nicht beschieden, sich dafür noch stark zu machen - tragisch sein Tod mit gerade mal 36 Jahren. Und dazu, betrachtet man es einmal stocknüchtern finanzmathematisch, völlig unnötig. Schließlich war er als langjähriges Mitglied des Deutschen Bundestages längst pensionsberechtigt, eine Belastung der Rentenkasse wäre er sicher nie geworden.

Ein frühes Ableben ist nur die zweitbeste Lösung

Finanzmathematisch gesehen ist ein solch frühes Ableben, zumindest unter Rentenbezugsberechtigten, eh nur die zweitbeste Lösung. Generell sollten sich verantwortungsbewusste deutsche Arbeitnehmer darüber im Klaren sein, dass es volkswirtschaftlich gesehen das Beste ist, wenn sie bis zum Renteneintrittsalter Vollzeit arbeiten. Und hernach fristgerecht dahinscheiden. Aber das ist wieder ein anderes Thema, Thema hier ist die Lebensarbeitszeit.

Laut einer aktuellen Statistik waren im Juli 2016 871.656 der über 50jährigen arbeitslos, zudem wurden über 164.000 der Arbeitslosen über 58, die länger als ein Jahr Hartz IV bezogen haben, gar nicht mehr in der Statistik erfasst. Erfasst sind auch nicht mehr die, die bereits, mit beträchtlichen Abschlägen, in den Vorruhestand gegangen wurden. Oder die über 50jährigen, die man in irgendwelche Fördermaßnahmen gesteckt hat. Wohl wissend, dass über 50jährige, erst einmal arbeitslos, kaum noch realistische Chancen auf einen ihrer Qualifikation halbwegs entsprechenden Arbeitsplatz haben. Folgerichtig werden denn auch ab 55 solche Maßnahmen eingestellt - das Bundesamt für Arbeit selbst sieht dann keine weitere Notwendigkeit mehr.

Durchaus nachvollziehbar. Zwar werden ältere Arbeitnehmer, die noch in Amt und Würden sind, durchaus geschätzt. Ältere Bewerber jedoch werden schäl angesehen. Und fallen durchs Raster. So steigt denn auch, wenn sie aus allen Fördermaßnahmen fliegen, der Anteil der Arbeitslosen über 55jährigen schlagartig an. Was sich aber bis 58 wieder gibt. Dann fallen sie ja ganz aus der Statistik. Clever.

Das zentrale Schlagwort des Industriezeitalters heißt „Digitale Transformation". Arbeitsmarktforscher gehen bei dieser vierten industriellen Revolution von einem radikalen Wandel unserer Arbeitswelt aus. Nicht 2050, sondern quasi morgen, in den kommenden zehn Jahren. Also in den Jahren, in denen sich sukzessive die Lebensarbeitszeit auch der letzten Baby-Boomer dem Ende zuneigt.

Als Renteneintrittsalter im Jahre 2040 ist 78 erforderlich, besser noch 80

Vielleicht sollte man besser sagen: die offizielle Lebensarbeitszeit, nicht die tatsächliche. Denn die Transformation der Arbeitswelt wird zwar sehr viele Gewinner hervorbringen. Aber sicher ebenso viele Verlierer. Kaum anzunehmen, dass ausgerechnet die derzeit 871.656 Arbeitslosen über 50 nicht zu letzteren gehören werden. Oder die über 164.000 der Arbeitslosen über 58, die gar nicht mehr in der Statistik auftauchen. Oder der Großteil der über 50jährigen, die momentan zwar noch in Lohn und Brot, aber spätestens bei Einführung digitaler Arbeitswelten in ihren Unternehmen zur Disposition stehen. Was keine Wertung darstellen soll. Nur eine nüchterne Bestandsaufnahme.

Tatsächlich werden, sofern es sich nicht um Gewerkschaftsfunktionäre handelt, zumindest prozentual gesehen immer weniger Menschen Vollzeit in ihrem Beruf arbeitend ihr Renteneintrittsalter erleben. Was nichts anderes bedeutet als dass der Begriff Lebensarbeitszeit eine recht zynische Konnotation erhält - Lebensarbeitsloszeit wäre wohl der treffendere:

Wenn ein Beitragszahler, wie vorgesehen, mit 67 in Rente gehen kann, er aber ab 50, falls er arbeitslos werden sollte, heute schon, obwohl oftmals durchaus gut qualifiziert, kaum noch Chancen hat, eine halbwegs adäquate Arbeit mit einer ebensolchen Bezahlung zu finden, Chancen die sich, siehe oben, im Zeitalter von Industrie 4.0 nicht gerade zu seinen Gunsten verbessern werden - dann erscheint die Forderung, dass die Menschen in Zukunft generell länger werden arbeiten müssen, ein wenig, sagen wir's freundlich: lebensfern.

Oder steckt da etwa etwas ganz anderes dahinter? Denn wie kann man von einem Menschen ernsthaft fordern, in seinem Leben länger zu arbeiten, wenn er keine realistischen Chancen hat, eine ihm adäquate Arbeit zu finden? Wird von ihm dann vielleicht ganz selbstverständlich erwartet, dass er sich ab 50 gut 17 Jahre, bei Eintritt 2041 gut 23 Jahre als Minijobber verdingen wird?

Wer auf großer Bühne eine, wahrscheinlich tatsächlich unabdingbare, Verlängerung der Lebensarbeitszeit und damit ein Hinausschieben des Renteneintrittsaltes fordert, ohne nicht im mindesten konkret sagen zu können, wie denn diese Verlängerung der Lebensarbeitszeit als Arbeitszeit für die über 50jährigen in der heutigen Arbeitsmarktrealität unter lebensqualitativ halbwegs akzeptablen Bedingungen aussehen soll, handelt unverantwortlich. Denn er tut gerade so, als stünde es ihnen allen doch jederzeit frei, bis 67 zu arbeiten. Gute Jobs gibt's für sie schließlich wie Sand am Meer, sie müssen nur wollen.

Aber Schwamm drüber. Das Institut der deutschen Wirtschaft wird eh 2018 eine Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 75 Jahre fordern. Und wenn 2020 das Arbeitsministerium das Renteneintrittsalter 2035 mit den Stimmen einer neuen Groko erst auf 70, 2024 dann auf 72 festsetzt, wird auch das nächste Institut ausgerechnet haben, dass das längst nicht ausreichen wird: 2040 ist 78 erforderlich, besser noch 80. Schon allein, um das bis dahin kaum noch wahrnehmbare Rentenniveau zu halten.

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende: Ich plädiere für die Abschaffung der Rente. Jetzt sofort. Zack. Aus. Ende. Früher gab's ja schließlich auch keine. Was soll also das Gejammer?

Dieser Beitrag erschien zuerst auf http://oehm60.blogspot.de/

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