Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform f√ľr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Stefan Oehm Headshot

Schafft die Rente ab!

Veröffentlicht: Aktualisiert:
OLD POOR
Jan Erik Posth via Getty Images
Drucken

Philipp Mi√üfelder war zeit seines Lebens ein Mann deutlicher Worte. Hatte er schon 2003, als 24j√§hriger, den 85j√§hrigen unmissverst√§ndlich zu verstehen gegeben, dass sie sich doch bitte sch√∂n statt auf teure k√ľnstliche H√ľftgelenke auf Kosten der Allgemeinheit zu hoffen zuk√ľnftig besser mit dem Gedanken vertraut machen sollten, wie ehedem auf Kr√ľcken laufen zu m√ľssen, so erfuhren auch die Rentner 2007, was seiner Ansicht nach die Stunde geschlagen hat.

Die Lebensarbeitszeit der Deutschen m√ľsse deutlich erh√∂ht werden, das Renteneintrittsalter sei mit 67 entschieden zu niedrig. 70 sei realistisch. Sonst drohe uns ein rentenpolitisches Desaster. 2016, also fast 10 Jahre nach dieser damals noch recht provokant anmutenden Bemerkung, geht das Institut der deutschen Wirtschaft (IM) noch einen Schritt weiter: Das Renteneintrittsalter m√ľsse unbedingt auf 73 heraufgesetzt werden. Sonst, siehe oben, drohe uns ein rentenpolitisches Desaster.

Besagter Philipp Mi√üfelder h√§tte dieser Forderung begeistert zugestimmt. Mit einer Einschr√§nkung: Sie solle nicht erst 2041 umgesetzt werden, h√§tte er gesagt. Sondern am besten sofort. Leider war ihm nicht beschieden, sich daf√ľr noch stark zu machen - tragisch sein Tod mit gerade mal 36 Jahren. Und dazu, betrachtet man es einmal stockn√ľchtern finanzmathematisch, v√∂llig unn√∂tig. Schlie√ülich war er als langj√§hriges Mitglied des Deutschen Bundestages l√§ngst pensionsberechtigt, eine Belastung der Rentenkasse w√§re er sicher nie geworden.

Ein fr√ľhes Ableben ist nur die zweitbeste L√∂sung

Finanzmathematisch gesehen ist ein solch fr√ľhes Ableben, zumindest unter Rentenbezugsberechtigten, eh nur die zweitbeste L√∂sung. Generell sollten sich verantwortungsbewusste deutsche Arbeitnehmer dar√ľber im Klaren sein, dass es volkswirtschaftlich gesehen das Beste ist, wenn sie bis zum Renteneintrittsalter Vollzeit arbeiten. Und hernach fristgerecht dahinscheiden. Aber das ist wieder ein anderes Thema, Thema hier ist die Lebensarbeitszeit.

Laut einer aktuellen Statistik waren im Juli 2016 871.656 der √ľber 50j√§hrigen arbeitslos, zudem wurden √ľber 164.000 der Arbeitslosen √ľber 58, die l√§nger als ein Jahr Hartz IV bezogen haben, gar nicht mehr in der Statistik erfasst. Erfasst sind auch nicht mehr die, die bereits, mit betr√§chtlichen Abschl√§gen, in den Vorruhestand gegangen wurden. Oder die √ľber 50j√§hrigen, die man in irgendwelche F√∂rderma√ünahmen gesteckt hat. Wohl wissend, dass √ľber 50j√§hrige, erst einmal arbeitslos, kaum noch realistische Chancen auf einen ihrer Qualifikation halbwegs entsprechenden Arbeitsplatz haben. Folgerichtig werden denn auch ab 55 solche Ma√ünahmen eingestellt - das Bundesamt f√ľr Arbeit selbst sieht dann keine weitere Notwendigkeit mehr.

Durchaus nachvollziehbar. Zwar werden √§ltere Arbeitnehmer, die noch in Amt und W√ľrden sind, durchaus gesch√§tzt. √Ąltere Bewerber jedoch werden sch√§l angesehen. Und fallen durchs Raster. So steigt denn auch, wenn sie aus allen F√∂rderma√ünahmen fliegen, der Anteil der Arbeitslosen √ľber 55j√§hrigen schlagartig an. Was sich aber bis 58 wieder gibt. Dann fallen sie ja ganz aus der Statistik. Clever.

Das zentrale Schlagwort des Industriezeitalters hei√üt ‚ÄěDigitale Transformation". Arbeitsmarktforscher gehen bei dieser vierten industriellen Revolution von einem radikalen Wandel unserer Arbeitswelt aus. Nicht 2050, sondern quasi morgen, in den kommenden zehn Jahren. Also in den Jahren, in denen sich sukzessive die Lebensarbeitszeit auch der letzten Baby-Boomer dem Ende zuneigt.

Als Renteneintrittsalter im Jahre 2040 ist 78 erforderlich, besser noch 80

Vielleicht sollte man besser sagen: die offizielle Lebensarbeitszeit, nicht die tats√§chliche. Denn die Transformation der Arbeitswelt wird zwar sehr viele Gewinner hervorbringen. Aber sicher ebenso viele Verlierer. Kaum anzunehmen, dass ausgerechnet die derzeit 871.656 Arbeitslosen √ľber 50 nicht zu letzteren geh√∂ren werden. Oder die √ľber 164.000 der Arbeitslosen √ľber 58, die gar nicht mehr in der Statistik auftauchen. Oder der Gro√üteil der √ľber 50j√§hrigen, die momentan zwar noch in Lohn und Brot, aber sp√§testens bei Einf√ľhrung digitaler Arbeitswelten in ihren Unternehmen zur Disposition stehen. Was keine Wertung darstellen soll. Nur eine n√ľchterne Bestandsaufnahme.

Tatsächlich werden, sofern es sich nicht um Gewerkschaftsfunktionäre handelt, zumindest prozentual gesehen immer weniger Menschen Vollzeit in ihrem Beruf arbeitend ihr Renteneintrittsalter erleben. Was nichts anderes bedeutet als dass der Begriff Lebensarbeitszeit eine recht zynische Konnotation erhält - Lebensarbeitsloszeit wäre wohl der treffendere:

Wenn ein Beitragszahler, wie vorgesehen, mit 67 in Rente gehen kann, er aber ab 50, falls er arbeitslos werden sollte, heute schon, obwohl oftmals durchaus gut qualifiziert, kaum noch Chancen hat, eine halbwegs ad√§quate Arbeit mit einer ebensolchen Bezahlung zu finden, Chancen die sich, siehe oben, im Zeitalter von Industrie 4.0 nicht gerade zu seinen Gunsten verbessern werden - dann erscheint die Forderung, dass die Menschen in Zukunft generell l√§nger werden arbeiten m√ľssen, ein wenig, sagen wir's freundlich: lebensfern.

Oder steckt da etwa etwas ganz anderes dahinter? Denn wie kann man von einem Menschen ernsthaft fordern, in seinem Leben länger zu arbeiten, wenn er keine realistischen Chancen hat, eine ihm adäquate Arbeit zu finden? Wird von ihm dann vielleicht ganz selbstverständlich erwartet, dass er sich ab 50 gut 17 Jahre, bei Eintritt 2041 gut 23 Jahre als Minijobber verdingen wird?

Wer auf gro√üer B√ľhne eine, wahrscheinlich tats√§chlich unabdingbare, Verl√§ngerung der Lebensarbeitszeit und damit ein Hinausschieben des Renteneintrittsaltes fordert, ohne nicht im mindesten konkret sagen zu k√∂nnen, wie denn diese Verl√§ngerung der Lebensarbeitszeit als Arbeitszeit f√ľr die √ľber 50j√§hrigen in der heutigen Arbeitsmarktrealit√§t unter lebensqualitativ halbwegs akzeptablen Bedingungen aussehen soll, handelt unverantwortlich. Denn er tut gerade so, als st√ľnde es ihnen allen doch jederzeit frei, bis 67 zu arbeiten. Gute Jobs gibt's f√ľr sie schlie√ülich wie Sand am Meer, sie m√ľssen nur wollen.

Aber Schwamm dr√ľber. Das Institut der deutschen Wirtschaft wird eh 2018 eine Erh√∂hung des Renteneintrittsalters auf 75 Jahre fordern. Und wenn 2020 das Arbeitsministerium das Renteneintrittsalter 2035 mit den Stimmen einer neuen Groko erst auf 70, 2024 dann auf 72 festsetzt, wird auch das n√§chste Institut ausgerechnet haben, dass das l√§ngst nicht ausreichen wird: 2040 ist 78 erforderlich, besser noch 80. Schon allein, um das bis dahin kaum noch wahrnehmbare Rentenniveau zu halten.

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende: Ich pl√§diere f√ľr die Abschaffung der Rente. Jetzt sofort. Zack. Aus. Ende. Fr√ľher gab's ja schlie√ülich auch keine. Was soll also das Gejammer?

Dieser Beitrag erschien zuerst auf http://oehm60.blogspot.de/

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform f√ľr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: