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Die ewige Wiederkehr des Gleichen

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PEGIDA
Matthias Rietschel via Getty Images
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Was ist faul im Staate Deutschland? Da wird derzeit ein ums andere Mal der Untergang des ach so christlichen Abendlandes beschworen, Bürgerwehren durchkämmen des Nachts die Städte auf der Suche nach marodierenden Banden levantinischer Gestalten, in Blogs berichten, „unzensiert", digitale 'Treppenterrier' über „Deutschlands tägliche ‚Einzelfälle' und weitere ‚Kulturelle Bereicherungen' ". Und der Herr Jedermann fühlt sich bemüßigt, sein unsägliches „Man wird doch noch mal sagen dürfen" dazu zu raunen.

Wir haben allen Grund nicht zu jammern

Einmal abgesehen davon, dass wir in Deutschland, ganz im Gegensatz zu Südeuropa, wo nicht nur eine ganze Generation junger, zum Teil bestens ausgebildeter Menschen in Armut und völliger Perspektivlosigkeit zu versinken droht, sondern auch, wie eben erst wieder eine aktuelle Bertelsmann-Studie aufzeigt, die Langzeitarbeitslosigkeit „zu einem Massenphänomen (wird), das die wirtschaftliche Erholung Europas gefährdet", allen Grund haben, nicht zu jammern.

Außer vielleicht über die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich. Doch die hat nun wirklich nichts mit irgendwelchen Flüchtlingskontingenten zu tun - die Lektüre von Thomas Pikettys umfassend recherchierten Werk „Das Kapital im 21. Jahrhundert" macht diesem Gedanken schnell den Garaus.

Wie gesagt, einmal abgesehen davon: Wenn wir uns, völlig zurecht, über widerliche sexuelle Übergriffe durch nordafrikanische Männer echauffieren - haben wir uns auch einmal die aktuellen Statistiken über die alltägliche, vor allem innerfamiliäre sexualisierte Gewalt in Deutschland gegen Frauen angesehen? Einfach nur mal so, damit wir nicht für einen kurzen Moment der Illusion erliegen, der gute Deutsche wäre die reine Unschuld und der ja doch komplett testosterongesteuerte, prinzipiell islamistische Muselmane wäre die Inkarnation des übergriffigen Bösen.

Alte Stereotype

Oder die Saga vom Untergang des Abendlandes, heraufbeschworen durch einen apokalyptischen „Migrationstsunami" von gefühlt 50 Millionen rudelpoppender Muslime? Alte, überwunden geglaubte Stereotypen brechen sich da plötzlich wieder Bahn, die die für gewöhnlich an einer differenzierten Sichtweise desinteressierten Kreise wie ein panisch besitzstandswahrendes Mantra wiederholen.

Nicht, dass diese Sorgen hier klein geredet werden sollen. Aber es täte jenen gut, wenn sie sich einmal den Artikel von Antje Schmelcher zu Gemüte führen würden, den diese kürzlich in der F.A.Z. veröffentlichte.

Darin beschreibt sie, wie nach 1945 die gut 12 Millionen Deutschen, die „aus den östlichen Gebieten des ehemaligen Reiches nach Deutschland" kamen, in ihrer neuen Heimat von den Deutschen empfangen wurden. Um es kurz zu machen - nicht viel anders als die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Nordafrika heute:

Es gab auch offenen Rassismus von Deutschen gegen Deutsche. Den größten Anteil von Vertriebenen an der Bevölkerung trug Schleswig-Holstein. Dort hielten sich viele Politiker für besonders ‚reinrassig'. Ein Flensburger Landrat sprach von der ‚Mulattenzucht, die der Ostpreuße nun einmal im Völkergemisch getrieben hat' ".

Angst vor dem Fremden

Da ahnt man, dass die Angst gar nicht dem Muslim gilt. Sie gilt dem Fremden, Anderen, der eine Bedrohung der bestehenden, lieb gewonnenen Verhältnisse darstellt. Der Muslim ist nur eine Variable: Gestern war's der Polacke, dann der Jud', später der Ostpreuße - und heute ist es eben der Algerier oder Syrer. Wer mag es wohl morgen sein? Gar der krakeelende Pegidist selber? Wer weiß das schon.

Apropos ‚Syrer': Da sage noch jemand, Geschichte würde sich nicht wiederholen. Public Radio International, ein Non-Profit-Netzwerk von weltweiten öffentlich-rechtlichen und Publik Radio Stationen, berichtete kürzlich in einem Beitrag über die überfüllten Flüchtlingscamps, in die Ende des Zweiten Weltkriegs Zehntausende über eben jene Routen strömten, die auch heute wieder Schauplatz einer menschlichen Tragödie sind.

Nur waren es damals Bulgaren, Griechen, Kroaten, Serben und auch Türken, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Vor den Deutschen. Nach Palästina, Ägypten und - Syrien.

Was für eine historische Pointe.

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