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Connected Cars: Zwischen Wundertechnik und Datenkrake

19/09/2015 13:39 CEST | Aktualisiert 19/09/2016 11:12 CEST
Thinkstock

Das Auto braust von alleine über die Straße, die Insassen entspannen währenddessen, surfen im Internet und haben stets die besten Tipps für ihre Ankunft auf Monitoren präsent: So stellen sich viele die Zukunft von Connected Cars und autonomen Fahren vor.

Gerade zur Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) treten diese Themen erneut in den Mittelpunkt.

Experten bescheinigen der Technik ein riesiges Potenzial: Viele Experten gehen davon aus, dass sich das weltweite Marktvolumen von internetbasierten Anwendungen in Fahrzeugen bis 2020 fast vervierfacht haben wird. Zeit, einmal die wichtigsten Fragen rund um Connected Car zu beantworten.

Was bedeutet „Connected Car"?

Die Technologie, das Auto in irgendeiner Form zu vernetzten, ist strenggenommen nichts Neues.

Bereits Anfang der 2000er Jahre hat die Branche unter dem Begriff „Telematik" einen ersten Anlauf in diese Richtung unternommen. Aber erst jetzt bekommt die Vernetzung durch das immer schneller und weiter verbreitete mobile Breitbandnetz so richtig Schwung.

Allgemein gilt ein Fahrzeug als Connected Car, wenn es mit einem Internetzugang ausgerüstet ist und über diesen Daten mit Geräten innerhalb oder Fahrzeugen außerhalb des Autos austauscht.

Welche Anwendungsbeispiele sind denkbar?

Die Vernetzungstechnologie lässt sich beispielsweise zur Onboard-Diagnose nutzen. Ist der Motoröl-Stand gering oder ist es Zeit für einen Winterreifenwechsel, bekommt der Fahrer direkt einen Hinweis ins Cockpit mit dem Vorschlag, direkt eine Werkstatt in der Nähe aufzusuchen oder mit seiner Heimat-Werkstatt einen Termin zu vereinbaren.

Im Infotainment-Bereich ist es schon jetzt möglich, seine Lieblingsmusik, -filme und -serien ins Auto zu streamen. Vielfahrer, Urlauber und Wochenendausflügler freuen sich über zielgerichtete Tipps für Restaurants, Hotels und Veranstaltungen für die Stadt, in der sie sich gerade befinden.

Schon heute sind zudem Versicherungen erhältlich, die auf Basis des Fahrverhaltens die Versicherungsprämie berechnen. Eine große Rolle spielt auch das Thema Sicherheit. Ab 2018 soll das europäische Notrufsystem eCall verpflichtend in alle Neuwagen eingebaut werden.

Dieses setzt bei einem Unfall automatisch einen Notruf ab. Auch werden sich die Autos vermehrt untereinander vernetzten, um Unfällen vorzubeugen. Die verbaute Sensorik lässt sich ebenfalls für sichereres Fahren nutzen. Der Spurlinien-Sensor erkennt beispielsweise, wenn das Auto die Fahrbahn verlässt und bremst ab.

Eine Nachtsichtkamera hilft, auch im Dunkeln Objekte auf der Fahrbahn rechtzeitig zu erkennen. Ein Autopilot übernimmt das oft ermüdende Fahren auf gerader Strecke - ein erster Schritt in Richtung autonomes Fahren, die Technik dafür wird sich in Zukunft enorm weiterentwickeln.

Welche Vorteile bringt Connected Car?

Für die Verbraucher bedeutet Connected Car sichereres Autofahren. Sensoren, die sich mit anderen Verkehrsteilnehmern austauschen oder den aktuellen Zustand mit dem Soll-Status abgleichen, machen die Fahrt deutlich sicherer.

Gleichzeitig werden wir bei der Instandhaltung und saisonalen Umrüstung des Autos entlastet, weil uns das Auto selbstständig und mit deutlichem Vorlauf über anstehende Ereignisse (wie dem drohenden Wintereinbruch) informiert - wer immer wieder beim ersten Schneefall versucht, noch panisch einen Termin für das Wechseln der Winterreifen zu bekommen, wird das zu schätzen wissen.

Die Daten über das Fahrverhalten helfen außerdem beim Spritsparen, indem das Auto darauf aufbauend Tipps für eine sparsamere Fahrweise gibt. Auch die Versicherungskosten könnten sich reduzieren lassen.

Wer sich durch die erhobenen Fahrzeugdaten als Wenigfahrer mit ausgeglichener Fahrweise entpuppt, wird von der Versicherung belohnt.

Auf der anderen Seite bekommen die Automobilhersteller und Händler durch die im Connected Car erhobenen Daten viel mehr Informationen über die Verbraucher, Straßenverhältnisse und Verkehrsdaten für z.B. genauere Stauvorhersagen.

Was sich erstmal unheimlich anhört, hat jedoch zur Folge, dass wir viel gezielter angesprochen werden können und so nur noch speziell auf uns zugeschnittene Angebote und Services erhalten.

Was heißt das in puncto Daten?

Nicht erst seit den letzten Datenmissbrauchs-Skandalen sind die Deutschen besonders skeptisch, wenn ihre persönlichen Informationen erhoben und weiter gegeben werden.

Doch eines muss uns klar sein: Wer nicht zustimmt, dass in seinem Auto Daten in irgendeiner Form erhoben und ausgewertet werden, muss auf die dadurch ermöglichten Services verzichten. Daher sollte jeder für sich entscheiden, wo er hier Grenzen und Prioritäten setzt.

Wichtig ist aber auch, dass die Anbieter transparent damit umgehen, welche Daten erhoben, an wen sie weitergegeben und wie sie genutzt werden. Auch die Gefahr von Hackerangriffen müssen die Hersteller noch mit wasserdichten Sicherheitsmechanismen eliminieren.

Eine große Bremse stellt zurzeit noch die Netzinfrastruktur dar: Denn die interessantesten Anwendungsfälle, zum Beispiel Streaming von Videos ins Auto kommen erst dann zum Tragen, wenn die Geschwindigkeit im mobilen Datennetz noch weiter zunimmt und wenn schnelles mobiles Internet auch in den entlegensten Ecken Deutschlands verfügbar ist.

Für autonomes Fahren ist eine schnelle und lückenlose Verbindung zum Internet nicht zwingend vonnöten - diese Autos müssen auch ohne Internet-Verbindung fahren können. Jedoch wäre dies von enormen Vorteil: Gerät ein anderer Wagen ein paar Kilometer voraus auf Glatteis ins Schlingern, könnte diese Info als Warnmeldung („Vorsicht Glatteis in 2,3km!") in Echtzeit den nachfolgenden Autos übermittelt und damit auch die Sicherheitssensoren sensibilisiert werden.

Was müssen die Automobilhersteller tun?

Connected Car bedeutet nicht nur für uns Autofahrer Veränderungen. Auch die Automobilhersteller müssen sich auf die neue Technologie einstellen.

Denn die Verbraucher werden nur einen Teil der neuen Services und Technologien von den Herstellern selbst beziehen.

Mobilfunk- sowie Drittanbieter oder die großen Internet-Riesen werden ebenfalls fleißig mitmischen. Für die Automobilhersteller gilt es daher, ihre Marktnische zu finden und sich gegen die Konkurrenz mit guten, auf Kundenbedürfnisse abgestimmten Angeboten abzusetzen und am besten die Verbraucher in die Entwicklung einzubeziehen.

Außerdem müssen sie an ihrer Kommunikation arbeiten: Automobil-Hersteller schreiben oft nur schwer verständliche FAQs und Produktbeschreibungen zur Car Connectivity.

Doch besonders den neuen Technologien rund um Connected Car stehen viele Kaufinteressenten noch skeptisch gegenüber. Wer es hier schafft, die neuen Features gut verständlich zu vermitteln, kann die Kunden mit ins Boot holen und sich von der Konkurrenz absetzen.

Schöne neue Welt

Wir stehen noch am Anfang der Entwicklungen und es gibt noch viel zu tun. Angefangen beim Ausbau des mobilen Datennetzes über die Schaffung von Standards für die Vernetzung der einzelnen Komponenten bis hin zu rechtlichen Aspekten. Eines steht aber fest: Der Megatrend Connected Car wird kommen - wir sind gespannt, was er bringen wird.

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