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Tote Mädchen lügen nicht - oder vielleicht doch?

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Ich lehne mich zurück, lächle zufrieden in den Himmel und zähle die Dollars ...

So stelle ich mir manchmal den Produzenten der Netflix-Serie »Tote Mädchen lügen nicht« vor. Jedes Unterhaltungsprodukt, sei es ein Buch, ein Film oder eine Serie, das auf den Markt geschmissen wird, verfügt über ein Marketingbudget. Aber, ob die Produzenten überhaupt eines hatten? Oder haben sie damit gerechnet, dass die Experten weltweit vor dem Konsum der Serie warnen und somit den Machern der Serie die teure Werbung ersparen?

Als Betroffenen-Experte für das Thema Suizid, der leidenschaftlich für eine Entstigmatisierung des Tabus kämpft, beobachte ich sehr genau, was sich so tut. Bei der Art und Weise, wie Psychologen und Verbände vor der Serie warnen, wird einem ja fast schwindelig. Es sind immer die gleichen Stellungnahmen, immer die gleichen Worte und immer die gleichen Phrasen zu lesen. Vielleicht stecken dahinter ja auch die Experten Dr. Copy & Prof. Paste?

Muss man vor dieser Serie warnen?

Gute Frage. Die erste Frage, die ich mir stelle, ist folgende: Wie viele von den Experten, die vor »Tote Mädchen lügen nicht« warnen, haben diese Serie eigentlich gesehen? Ich meine, ganz bis zur letzten Folge angeschaut? Das weiß ich natürlich nicht. Am Ende schneidet sich Hannah die Pulsadern auf! Oh Gott, wie schlimm ...

Das kann (ich liebe ja die Sprache der Experten) natürlich „vulnerable" und „labile" Menschen zum Selbstmord animieren. Und daher wird ja auch ganz dringend von dem Konsum abgeraten. Und Google verzeichnete in den USA nach dem Erscheinen der Serie 19 % mehr Suchanfragen rund um das Thema Suizid. Sogar erste Fälle von Suizid wurden den Fachgesellschaften im Zusammenhang mit der Serie gemeldet. Da muss man doch warnen, oder?

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Weiß man eigentlich, wie viele Leben »Tote Mädchen lügen nicht« gerettet hat? Einfach, weil diese Serie ein Bewusstsein für ein Tabuthema geschafft hat, weil darüber gesprochen wird? Wir leben doch angeblich in einer offenen Gesellschaft, in der es keine Tabus mehr geben sollte. Wir meinen heute, aufgeklärt und informiert zu sein. Scheinbar nicht, oder wie kann es sein, dass so ein Hype um diese Serie ausgelöst wird. Und liebe Experten, ihr seid es, mit euren übertriebenen Warnungen, die das Interesse an der Serie noch zusätzlich anfeuern.

Hannah schneidet sich ins eigene Fleisch - ich wäre fast von der Couch gefallen!

Natürlich habe ich ihr das vor dem Fernseher nicht nachgemacht. Nein, schneiden ist nicht so mein Ding. Unter uns: Ich habe es mit Tabletten versucht und war nicht nur erstaunt, wie leicht man an die Pillen kommt, sondern wie einfach sich mit einem Farbkopierer die Rezepte vervielfältigen lassen, aber das steht in einem anderen Buch.

Was ich sagen will: Der suizidale Akt von Hannah war so unspektakulär, irgendwie nervte es mich nur noch. Einfach, weil ich 11 Folgen lang warten musste, bis Clay endlich seine ihm zugedachte Kassette angehört hat. So ganz habe ich Hannahs Motive nicht nachvollziehen können und deshalb bin ich auf der Couch auch immer wieder eingeschlafen, und ja, einmal fast von der Couch gefallen. Aber sei es drum! Es mag sicher Menschen geben, die dem großen Identifikationspotential der überaus sympathischen Hannah erliegen und in Muttis Küchenschublade nach geeigneten Schneidewerkzeugen suchen. Ach ja, dieser Nachahmereffekt, auch genannt Werther-Effekt.

Werther, wo ist eigentlich Papageno?

Die Angst vor dem Nachahmereffekt, oder Werther-Effekt, nimmt fast schon paranoide Züge an. Und das im 21. Jahrhundert! Werther ist übrigens schon lange tot. Goethe ließ ihn in seinem Briefroman durch Selbstmord aus dem Leben scheiden, durch den Gebrauch einer Schusswaffe, also so richtig hart und männlich. Und das war im Jahre 1774.

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die detaillierte und drastische mediale Darstellung das Risiko von Nachahmungstaten steigen lässt. Erstmals wissenschaftlich nachgewiesen wurde der Zusammenhang zwischen medialer Berichterstattung über Selbstmorde und einer gestiegenen Suizidrate 1974 von dem amerikanischen Soziologen Phillips, der auch den Begriff Werther-Effekt prägte. Und bis heute gibt es zu diesem Effekt sage und schreibe über 40 Studien.

O.k., man sollte schon ein Auge darauf werfen, in welcher Art und Weise in den Medien über Selbstmord berichtet wird. Tunlichst vermieden werden sollten DSDS- (Deutschland sucht den Selbstmordstar) und Fit-durch-Suizid-Contests. Das wäre wirklich zu viel des Guten und würde eine Empörung sicher rechtfertigen.

Mehr zum Thema: "To the Bone": Wie gefährlich ist der Netflix-Film?

Vielleicht sollten die Fachleute endlich einmal zur Kenntnis nehmen, dass wir im 21. Jahrhundert leben. Die von Experten aufgestellten Regeln für eine angemessene mediale Berichterstattung über das Thema Suizid richten sich an die klassischen Medien, wie TV, Presse und Rundfunk. Aber wer von den Jugendlichen, die so für »Tote Mädchen lügen nicht« schwärmen, schaut noch Fernsehen oder liest eine Zeitung? Diese Menschen leben förmlich im Internet und sozialen Netzwerken, und wenn ich mich da so umschaue, was es allen zu den besten Selbstmordmethoden zu lesen und zu sehen gibt, wird mir ganz schwindelig. Und wer kontrolliert das Internet? Niemand, vielleicht schafft man es noch in Ländern wie China oder Nordkorea, entsprechende Seiten zu indizieren oder zu sperren. Aber nicht in unserer westlichen, modernen Mediengesellschaft.

Im Übrigen hat Werther einen mächtigen Gegner: Papageno. Papageno, die Figur des Vogelfängers aus Mozarts Zauberflöte, wurde vom Selbstmord abgehalten, indem er sich drei Knaben offenbarte, die ihn wiederum überredeten, doch besser am Leben zu bleiben. Würden „die Medien" mehr über Menschen berichten, die suizidale Krisen überwunden haben, könnte das sogar suizidprotektiv wirken. Dieser Effekt ist auch schon untersucht worden: Genau einmal! Und in den Medien lese, höre und sehe ich immer nur diesen Werther.

Collateral Damage

Wieviel Offenheit verträgt denn nun unsere Gesellschaft bei dem Tabuthema Suizid? Ich denke mal, dass man kein Tabu brechen oder offenlegen kann, ohne negative Folgen. Das könnte man zynischerweise auch als Kollateralschäden bezeichnen. Für das Einzelschicksal bedauerlich, aber letztlich gewinnt die Gesellschaft, wenigstens an Erfahrung.

Ich erinnere mich an Christiane F. und das Buch »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«. Das hat mich so neugierig gemacht, dass ich mir erst mal eine fette Tüte gebastelt habe. Wie viele Menschen durch dieses Buch in den Drogensumpf geraten und darin stecken geblieben sind, oder gar durch eine Überdosis ums Leben kamen, ist unbekannt, aber immerhin hat es bewirkt, dass die Gesellschaft von einem Tabu Kenntnis genommen hat. Das war in den 1980ern und noch heute streiten sich die Experten um einen angemessenen Umgang mit dem Thema Drogen.

Für mich hat die Serie »Tote Mädchen lügen nicht« zunächst einmal folgendes ans Licht gebracht: Die Hilflosigkeit der Gesellschaft im Umgang mit dem Thema Selbstmord, noch mehr aber die Hilflosigkeit der Experten.

Es wird eine strengere Kontrolle der medialen Berichterstattung beim Thema Suizid gefordert - bringt kaum etwas im harten Konkurrenzkampf der Medien untereinander, schon gar nicht im Internet. Lehrer und Eltern sollen mit ihren Kindern über die Serie sprechen, als seien die Lehrer und Eltern jetzt plötzlich didaktisch und psychologisch geschult, dieses Thema angemessen zu diskutieren. Und eine Forderung, über die ich gelesen hatte, erzeugte einen Lachflash bei mir: Es könnte sinnvoll sein, die Serie in einem „geschützten Setting" (was soll das sein, eine Gummizelle?) gemeinsam anzuschauen und zu diskutieren.
Eine Prima Idee, das habe ich auch damals schon bei Dingen gern getan, vor denen die Experten so eindringlich gewarnt hatten. Ich erinnere mich noch genau: Ich hatte mich mit Mutti in ein geschütztes Setting begeben und einen Joint geraucht. Danach war ich aber nicht mehr in der Lage, darüber zu sprechen. Sei es drum!

Und jetzt die Lüge

Mit meinem Buch »SUICIDE« und der YouTube-Serie »Komm, lieber Tod« verfolge ich ein ähnliches Ziel wie die Macher von »Tote Mädchen lügen nicht«. Wir wollen zeigen, dass Suizid nicht einfach nur ein Ereignis ist, sondern immer das Ergebnis eines ganzen Lebens, mit vielen zerstörerischen Einflüssen. Und wenn es mal dramatisch wird und das Ereignis gezeigt wird, dann erfüllt es immerhin noch den Zweck einer dokumentarischen Funktion, damit der Gesellschaft vor Augen geführt wird, was das Thema wirklich umfasst. Nur dann wird es bewusst, nur dann kommt es an die Oberfläche, ungeschminkt.

Dass die Gesellschaft offen für das Thema Suizid ist, halte ich für eine Lüge. Für mich tragen daran auch die Experten und die Medien eine Mitverantwortung. Denn durch Verbote und fragwürdige Vorschriften wurde noch kein Tabu gebrochen. Es wird Lerneffekte geben müssen, wie eine Gesellschaft künftig offener mit dem Thema Selbstmord umgehen kann und sollte. Und da müssen Betroffene viel stärker mitreden!

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